Besuch in der Infektiologie der Uniklinik Essen

Coronavirus: So bereitet sich spezialisierte Klinik auf Infektions-Welle vor

Gut geschützt vor Ansteckung mit dem Coronavirus: Canan Emcan, Stationsleiterin der Infektiologie des Uniklinikums Essen, arbeitet mit Schutzkittel, Haube, FFP3-Maske, Handschuhen und Gesichtsschild.
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Gut geschützt vor Ansteckung mit dem Coronavirus: Canan Emcan, Stationsleiterin der Infektiologie des Uniklinikums Essen, arbeitet mit Schutzkittel, Haube, FFP3-Maske, Handschuhen und Gesichtsschild.

Das Universitätsklinikum in Essen gehört zu jenen Krankenhäusern, die seit Beginn der Coronakrise in Deutschland im Fokus stehen. Hier arbeitet hochspezialisiertes Personal in der Infektiologie. Ein Besuch.

Essen - Canan Emcan ist eine fröhliche Frau. Die 31-Jährige mit dem freundlichen Gesicht lächelt viel und ist der Typ von Pflegerin, den man sich als Patient wünscht, wenn man nach der OP aus der Narkose aufwacht. Trotz ihres sympathischen Wesens wird Canan Emcan in ihrem Bekanntenkreis derzeit von dem Einen oder Anderen geschnitten. Weil sie Stationsleiterin der Infektiologie des Universitätsklinikums Essen ist. Das Coronavirus Sars-CoV-2 hat viele hässliche Fratzen, eine davon ist offenbar die Irrationalität. 

Canan Emcan nimmt es mit großer Gelassenheit, dass ihre Beliebtheitswerte bei einigen im Freundeskreis gerade etwas abgerutscht sind. „Ich gehe da ganz locker mit um“, sagt sie und schmunzelt. Manche Reaktion kann mit dem gesunden Menschenverstand eben nicht immer erklärt werden. 

Coronavirus in der Uniklinik Essen: Am besten geschützte Personen

Emcan gehört zu den derzeit wohl mit am besten vor dem Coronavirus geschützten Personen in Deutschland: Sie trägt bei ihrer Arbeit die aktuell bestmögliche Schutzkleidung. Und sie ist geschult im Umgang mit infektiösen Personen. Im Gegensatz zu vielen anderen, die vielleicht völlig ungeschützt und unwissentlich mit einem Infizierten im Restaurant beim Abendessen sitzen und sich mit einer Umarmung verabschieden. Auch wegen dieser weiterhin anhaltenden Unwissenheit hat der Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums Essen, Jochen A. Werner, über den Umgang mit dem Coronavirus bei Facebook ein Video mit Verhaltenstipps gepostet, das mittlerweile (Stand Freitag, 13. März) von fast einer halben Million Menschen angesehen wurde. Zudem ließ die Klinik 10.000 Ansteck-Buttons produzieren, die vor einem Handschlag warnen. 

Hier in Essen gibt es spezielle Isolationszimmer, die andere Kliniken nicht vorhalten. Es sind Räume, die komplett autark und eigentlich für tödliche Seuchen wie Ebola vorgesehen sind. Auf der Station herrscht seit einigen Tagen ein komplettes Besuchsverbot. „Das hat unseren Workflow ein wenig verändert“, sagt Sebastian Dolff, leitender Oberarzt der Klinik für Infektiologie. 

Coronavirus in der Uniklinik Essen: Personal muss extrem vorsichtig sein

„Die Diskussionen sind sehr hoch“, umschreibt Canan Emcan das Gespräch mit dem einen oder anderen Angehörigen. Es bestünde teilweise großer Diskussionsbedarf wegen des Besuchsverbotes. „Das nimmt uns natürlich Zeit“, sagt die 31-Jährige. „Es ist ein Einschnitt, den viele Angehörige aus dem Krankenhaus nicht gewohnt sind“, fügt Dolff hinzu: „Aber in der Regel ist in dieser Ausnahmesituation ein großes Verständnis da.“ 

Der Pflegeaufwand auf der Station habe sich nicht groß verändert. „Aber der Isolationsaufwand ist größer geworden“, sagt sie. Das Personal müsse extrem vorsichtig sein, die hochansteckenden Viren nicht weiter zu verschleppen. Das heißt konkret: Die Pflegerinnen und Pfleger bereiten sich in den sogenannten Vorschleusen vor und ziehen sich einen Schutzkittel, Haube, eine FFP3-Maske, Handschuhe und Gesichtsschild an. „Wir versuchen dann, so effektiv wie möglich vorzugehen, so dass wir nicht ständig rein und raus müssen aus den Zimmern.“ 

Sebastian Dolff, leitender Oberarzt der Klinik für Infektiologie an der Uniklinik Essen. (für Vollbild oben rechts klicken)

Coronavirus in der Uniklinik Essen: Keine Engpässe bei Test-Sets

Nach dem Patientenbesuch werde die Schutzkleidung bis auf den Mundschutz im Zimmer zurückgelassen. Die mittlerweile landesweit bekannte und begehrte FFP3-Maske mit dem höchsten Schutz werde erst in der Schleuse abgelegt. Das Personal auf der Station werde nicht regelmäßig getestet. „Das macht auch keinen Sinn, weil ein negatives Testergebnis einen nur in falscher Sicherheit wiegen würde“, sagt Dolff: „Wir werden aber regelmäßig überprüft, was die Körpertemperatur angeht.“ 

Über 1000 Personen wurden in Essen bereits getestet. Engpässe, was die Test-Sets angeht, hat man dort noch nicht festgestellt. „Da haben wir keine Probleme mit. Aber es ist natürlich so, dass wir nicht die einzigen sind, die testen. Ganz China und ganz Italien testet, überall wird getestet. Und es gibt eben nicht so viele Hersteller am Markt“, sagt Dolff. In Essen sei man aber „gut vorbereitet und präpariert“. 

Coronavirus in der Uniklinik Essen: "Fälle werden exponentiell ansteigen"

In der Universitätsmedizin in Essen hatte es in der zurückliegenden Woche den ersten Todesfall durch Corona in Deutschland gegeben. „Es ist natürlich immer bedauerlich“, sagt Dolff. Gestorben war eine 89-jährige vorerkrankte Patienten. „Das ist zwar nach wie vor tragisch, aber nicht so, dass man dadurch beängstigt ist und denkt, es handelt sich nun um eine absolut tödliche Erkrankung.“ Aktuell liegen zwei Corona-Patienten in der Isolierstation in Essen. „Allesamt stabil“, berichtet Dolff. Die Aufenthaltsdauer der Erkrankten sei unterschiedlich. „Es ist ja meist wie eine Lungenentzündung. Es hat immer einen unterschiedlichen klinischen Verlauf“, sagt der Infektiologe. Derzeit könne man nur die Symptome behandeln. „In erster Linie ist es eine Infektion der Atemwege, die behandelt wird“, sagt Dolff. 

Der leitende Oberarzt  weiß, dass eine Welle an Corona-Patienten auf die Station kommen wird. „Das wird so kommen“, sagt er. Es sei intern eine Teamaufgabe, die gelöst werden müsse. „Aber auch eine gesellschaftliche, die wir nicht alleine lösen können“, sagt der Infektiologe: „Es ist zu erwarten, dass es mehr Fälle geben wird. Es wird exponentiell ansteigen. Wir werden einschneidende Maßnahmen ergreifen müssen.“ Der Mediziner will keine „genauen Zahlen“ prognostizieren. Aber man könne aus den „Dynamikverläufen“ in China und Italien ungefähr „ableiten“, wie es in Deutschland werden könnte. „Ich denke, es wird ungefähr analog sein.“ - Jens Greinke

Über die aktuellen Entwicklungen berichten wir in unserem News-Ticker zum Coronavirus in NRW.

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