Virus-Ursprung

Ursprung des Coronavirus: Massive Kritik an Labor-Theorie der Uni Hamburg

Ein Wissenschaftler der Uni Hamburg ist sich sicher: Das Coronavirus entstammt einem Labor-Unfall in Wuhan. Doch nun hagelt es Kritik an dem Ergebnis – und an der Methodik.

Hamburg – Die Universität Hamburg steht aktuell in der Kritik: In einer Studie des Physikers Roland Wiesendanger kommt dieser zu dem Schluss, dass das Coronavirus* nicht wie vermutet zuerst von Fledermäusen übertragen wurde. Er führt in seiner Untersuchung den Ursprung von Sars-CoV-2 auf einen Labor-Unfall in Wuhan zurück. In der chinesischen Stadt war das neuartige Virus bereits im Herbst 2019 zum ersten Mal aufgetaucht und soll laut Experten dort seinen Ursprung haben.

Die Ergebnisse des Nanowissenschaftlers der Uni Hamburg würden bedeuten, dass es sich bei der Coronavirus-Pandemie nicht um eine Natur-Katastrophe handelt: Statt eines natürlichen Ursprungs handle es sich um eine Panne in einem Versuchslabor in China: „Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es sehr viele Indizien gibt, die einen Laborunfall im ‚Wuhan Institute of Virology‘ als die mit Abstand wahrscheinlichste Ursache für die Corona-Pandemie erscheinen lassen.“ Doch die Methodik, die Wiesendanger für seine Untersuchung verwendet hat, stieß auf massive Kritik und wirft viele Fragen auf, wie msl24.de* aus Münster* berichtet.

Physiker an der Universität Hamburg:Roland Wiesendanger
Geboren:5. Oktober 1961 in Basel
Fachegebiet:Rastertunnelmikroskopie
Auszeichnung:ERC Advanced Grant des Europäischen Forschungsrats

Stammt Corona aus einem Labor-Unfall in Wuhan? Uni Hamburg sieht klare Hinweise

In einer Pressemitteilung der Uni Hamburg gibt diese zum Beispiel selbst an, dass die Studie von Roland Wiesendanger „keine hochwissenschaftlichen Beweise“ zu der Annahme liefere, dass das Coronavirus durch eine Laborpanne in Wuhan entstanden sei: „Sie liefert keine hochwissenschaftlichen Beweise, wohl aber zahlreiche und schwerwiegende Indizien“, heißt es dort.

Zu den Indizien, also den Anzeichen, gehört zum Beispiel, dass bis heute kein Tier als Zwischenwirt ausgemacht werden konnte. Die Vermutung von Virologen, dass das Coronavirus von Fledermäusen stammt und über ein anderes Tier auf den Menschen übertragen wurde, könne also nicht zweifelsfrei belegt werden. In der Wissenschaft bezeichnet man solche Viren, die vom Tier übertragen werden, als Zoonosen. Außerdem, so Wiesendanger weiter, sei das neuartige Sars-CoV-2 überraschend gut an den Menschen angepasst. Es weise Eigenschaften auf, die sonst bei Coronaviren nicht auftreten würden – für Wiesendanger ein Hinweis darauf, dass das Virus manipuliert worden sein könnte.

Die SARS-CoV-2-Viren können erstaunlich gut an menschliche Zellrezeptoren ankoppeln und in menschliche Zellen eindringen. Ermöglicht wird dies durch spezielle Zellrezeptor-Bindungsdomänen verbunden mit einer speziellen (Furin-)Spaltstelle des Coronavirus-Zacken-Proteins. Beide Eigenschaften zusammen waren bislang bei Coronaviren nicht bekannt und weisen auf einen nicht-natürlichen Ursprung des SARS-CoV-2-Erregers hin.

Aus der Pressemitteilung der Uni Hamburg

Zudem würden die Fledermäuse, die nachgewiesenermaßen verschiedene Coronaviren in sich tragen, gar nicht auf dem Markt in Wuhan angeboten, auf dem der erste Ausbruch des Erregers vermutet wurde. Andererseits verfüge das Corona-Labor in Wuhan über die „weltweit größten Sammlungen von Fledermauserregern, welche von weit entfernten Höhlen in südchinesischen Provinzen stammen“, so Wiesendanger.

Die wissenschaftliche Neugier hat mich ebenso dazu gebracht wie ein Pflichtgefühl. Als Wissenschaftler muss ich nach dem Ursprung all des Leidens fragen, den das Sars-CoV-2-Virus verursacht hat. [...] Ich habe nur die schwerwiegenden Indizien in die Studie aufgenommen, die nach wissenschaftlichen Kriterien verwertbar sind. Insgesamt habe ich jedoch rund 600 Hinweise gesammelt.

Roland Wiesendanger gegenüber der Bild-Zeitung
Coronavirus doch ein Laborunfall? Prof. Dr. Roland Wiesendanger hat den Ursprung des Coronavirus beleuchtet.

Corona: Studie zu angeblichem Labor-Unfall in Wuhan – Massive Kritik an der Methodik

Kurz nach der Veröffentlichung erntete die Uni Hamburg massive Kritik. Auf Twitter stellte die Uni zum einen die Arbeit des Nanowissenschaftlers Roland Wiesendanger als „Studie“ vor. Dabei handelt es sich bei der Veröffentlichung vielmehr um ein Preprint, also um eine Vorab-Veröffentlichung. Das bedeutet, dass sie zwar veröffentlicht wurde, aber noch nicht von anderen Wissenschaftlern kritisch begutachtet wurde. Viele Nutzer kritisierten die Darstellung der Uni deswegen als irreführend.

Zum anderen bestünden Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der Untersuchung, denn Wiesendanger ist als Nanowissenschaftler nicht nur fachfremd. Als Quellen nutze Wiesendanger neben wissenschaftlicher Literatur unter anderem auch Tweets, YouTube-Videos und Nachrichtenartikel, zum Beispiel von der Epoch Times, die eine klar kritische Haltung gegenüber der chinesischen Regierung vertritt und in Deutschland bereits durch ihre positive Berichterstattung rechtsextremer Gruppierungen auffiel.

Der Nanowissenschaftler der Uni Hamburg nutzt zudem für seine Untersuchung ebenfalls Preprints, die auch noch nicht durch Kollegen wissenschaftlich und kritisch begutachtet worden sind, also keine „peer reviews“ aufweisen. Auch das ZDF äußerte bereits öffentlich massive Kritik an der Studie zum Coronavirus, wie die Kollegen von wa.de* berichten. „Eine Studie kann und darf man das nicht nennen“, wird der Redaktionsleiter des Science Media Centers in Köln mit klaren Worten zitiert.

WHO-Forschungsteam widerspricht „Labor-Theorie“ der Uni Hamburg

Zu der Kritik kommt dazu, dass nur kurz zuvor ein Forschungsteam der WHO, das den Ursprung des neuartigen Coronavirus in Wuhan untersuchen sollte, zu einem ganz anderen Ergebnis kam, wie auch 24hamburg.de* berichtet: Demnach sei die „Labor-Theorie“ zum Ursprung des Coronavirus höchst unwahrscheinlich.

Ab dem 14. Januar hatten 17 internationale und 17 chinesische Forscher dazu einen Monat lang Untersuchungen in Wuhan durchgeführt. Zwar seien noch immer nicht alle Fragen abschließend geklärt. Dennoch sind die Wissenschaftler davon überzeugt, dass das Coronavirus einen natürlichen Ursprung hat: „Alle Arbeiten, die an dem Virus durchgeführt wurden, und der Versuch, seinen Ursprung zu identifizieren, deuten weiterhin auf ein natürliches Reservoir des Virus in Fledermaus-Populationen hin“, sagte Peter Jan Embarek, Leiter der WHO-Untersuchungskommission bei einem Pressetermin zur Bekanntgabe der Ergebnisse.

Derzeit sorgt in Deutschland ein anderer Umstand für Sorge: Aufgrund der Coronavirus-Mutationen droht laut Experten eine „zweite Pandemie“. Ein Ansteigen der Neuinfektionen gilt als wahrscheinlich. Laut Jens Spahn sei die Coronavirus-Mutation B.1.1.7 in Deutschland bereits für jede fünfte Neuinfektion verantwortlich. (*Msl24.de, wa.de und 24hamburg.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.)

Rubriklistenbild: © Zhang Chenlin/dpa

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