Exklusiv-Interview

Infektiologe Witzke: "Rechne mit einem weiteren deutlichen Anstieg auch der schweren Fälle"

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Der Leiter der Infektiolgie des Uni-Klinikums Essen, Professor Dr. Oliver Witzke.

Der Chef der Infektiologie der Uni-Klinik Essen, Oliver Witzke, äußerst sich über die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus und den aktuellen Stand der Dinge.

Essen – Die am Wochenende beschlossenen Ausgangsbeschränkungen der Bundesregierung haben ihren Ursprung auch in dem teilweise sorglosen Verhalten derjenigen Menschen, die sich vor dem Coronavirus sicher wähnten. Insbesondere in der jüngeren Generation war eine Art Trivialisierung der Krankheit zu beobachten, die bei älteren Menschen lebensbedrohlich werden kann. Jens Greinke sprach mit dem Leiter der Infektiologie der Uni-Klinik Essen, Professor Oliver Witzke (51) über diesen Effekt und den aktuellen Stand der Dinge.

Eine persönliche Frage vorab: Was haben Sie als Infektiologe gedacht, als Sie zu Beginn der Epidemie von Corona-Partys gehört haben?

Es zeigt die Sorglosigkeit und leider auch einen Egoismus, die im krassen Gegensatz zum hysterischen Verhalten stehen, das wiederum in anderen Bereichen zu beobachten ist. Nach meiner Einschätzung ist politisch richtig reagiert worden, indem aus Empfehlungen feste Regeln gemacht wurden. Die Straßen und Innenstädte sind meiner Beobachtung nach seit dem Wochenende viel leerer geworden.

Haben Sie in irgendeiner Weise nachvollziehen können, dass solche Treffen und Veranstaltungen stattfanden?

Ich nehme an, dass es sich um jugendlichen Leichtsinn handelte, der durch das Frühlingswetter ausgelöst wurde. Inzwischen scheint fast allen klar zu sein, dass die Situation nur durch rationales Handeln verbessert werden kann.

Coronavirus: Rolle jüngerer Menschen unterschätzt 

Nachher ist man bekanntlich immer schlauer. Aber war es rückblickend falsch, lange Zeit davon zu reden, dass die jüngeren Menschen keine großen Befürchtungen haben müssen?

Jüngere Menschen ohne Vorerkrankungen haben ein sehr geringes Risiko für ernste Komplikationen durch das Virus. Das stimmt immer noch! Vielleicht haben wir die Rolle dieser jüngeren Menschen als Überträger der Infektion an gefährdete Personen anfangs nicht ausreichend beachtet. Wir lernen im Augenblick täglich dazu.

Wurde so vielleicht ein gefährlicher Mythos aufgebaut, der dazu geführt hat, dass weiter Partys gefeiert wurden und viele Menschen dachten: 'Für uns kann es so weitergehen wie bislang'?

Die Strategie, durch Ansteckung und nachfolgende Immunisierung der Bevölkerung dieser Infektion beizukommen, war offensichtlich in einigen Ländern auch als Strategie vorgesehen. Auch Großbritannien hat aus gutem Grund diese fatale Strategie verlassen. Diese öffentlich bekannten Mythen könnten auch zum Fehlverhalten beigetragen haben. In Deutschland wurde eine solche Strategie meines Wissens nach niemals von Fachleuten propagiert.

Sinneswandel bei Jugendlichen zum Thema Coronavirus 

Weder der Schlaganfall noch der Herzinfarkt, aber auch andere Erkrankungen, die durchaus Jüngere betreffen, werden nicht ausbleiben. Würde es helfen, darauf noch einmal mit großem Nachdruck hinzuweisen? Oder haben Sie mittlerweile einen zufriedenstellenden Sinneswandel bei den Jungen festgestellt?

Wir müssen aktuell darauf achten, dass Patienten mit anderen schweren Erkrankungen vor dem Hintergrund der Corona-Problematik nicht in den Hintergrund geraten. Unser ärztliches Handeln muss auf alle schwer und akut kranken Menschen fokussieren, meines Erachtens gelingt das aktuell sehr gut. Auch die meisten unserer Patienten zeigen eine große Einsicht und fragen im Augenblick nicht wegen kleiner Probleme und zeigten Verständnis, dass geplante Routinetermine ausfallen müssen.

Kann aktuell seriös beantwortet werden, welche Menschen nicht von diesem Virus bedroht werden?

Kinder scheinen durch die Coronainfektion kaum bedroht. Dies ist für viele meiner Mitarbeiter und auch für mich von größter Bedeutung. Trotzdem ist es sinnvoll gewesen, Kitas und Schulen zu schließen, damit die Übertragung des Virus durch Kinder gestoppt wird.

Sind die Maßnahmen, die von der Bundesregierung am Wochenende getroffen wurde, richtig?

Es sind sehr kluge und bedachte Entscheidungen getroffen worden. Ich habe keinen Zweifel, dass diese Maßnahmen einer regelmäßigen Kontrolle unterzogen werden.

Coronavirus: "Es sind kluge Entscheidungen getroffen worden"

Welche Maßnahme hat Ihre Meinung nach den größeren Nutzen: die Kontaktsperre oder letztlich doch das Ausgehverbot?

Die Kontaktsperre ist das Wesentliche. Die Politik wird flächendeckend das Ausgangsverbot nicht vermeiden können, wenn die Kontaktsperren nicht eingehalten werden. Mein Gefühl ist, dass die Regeln inzwischen weitgehend eingehalten werden.

Welche weitere Entwicklung der Krankheit erwarten Sie kurzfristig, also in den kommenden Tagen?

Ich rechne mit einem weiteren deutlichen Anstieg auch der schweren Fälle in den nächsten Tagen. Wir sind, nicht nur an der Universitätsmedizin Essen, gut vorbereitet und gerüstet. Ich hoffe, dass es irgendwann im April zu einem Abflachen der Neuinfektionen kommt und dass wir alle Patienten optimal versorgen können.

Infektiologe: "Ich rechne mit Einschränkungen bis mindestens Mitte Mai"

Können wir immer noch vermeiden, nicht mit solcher Wucht getroffen zu werden wie beispielsweise Italien? Wovon hängt das in erster Linie ab?

Wir sind in Deutschland sehr gut aufgestellt für die Infektion, und es wurden richtige Entscheidungen getroffen, um die Ausbreitung zu verlangsamen. Nach meinem Gefühl werden wir mit großem Aufwand die Kontrolle über die Situation behalten können. Wie immer braucht es vielleicht aber auch neben der Unterstützung der Bevölkerung etwas Glück. Es wäre schön, wenn es einen baldigen sehr warmen Frühsommer geben würde.

Können Sie seriös eine Prognose abgeben, wie lange diese Epidemie unseren Alltag derart heftig beeinflussen wird wie bislang?

Ich rechne damit, dass die gegenwärtigen Einschränkungen mindestens bis in den Mai andauern werden. Dies ist aber aktuell nicht wirklich seriös abschätzbar.

In zahlreichen Untersuchungen werden derzeit Medikamente oder Wirkstoffe getestet, die bereits im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen entwickelt wurden - darunter auch Chloroquin. Halten Sie das für zielführend?

Die Medikamenten- und Impfstoffentwicklung läuft auf Hochtouren. Auch bekannte und bewährte Medikamente könnten wirksam sein. Bei Patienten, die wegen der Infektion im Krankenhaus liegen, nutzen auch wir das bekannte Chloroquin. Ob und wie wirksam die Substanz wirklich ist, kann ich aktuell nicht sicher abschätzen.

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