Land NRW finanziert Studie von Hendrick Streeck

Coronavirus in NRW: Virologe Streeck soll über Heinsberg-Studie das Rätsel lüften 

Prof. Dr. Hendrik Streeck
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Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck

Hendrick Streecks Expertise ist gefragt - zuletzt am Dienstag bei Markus Lanz (ZDF). Aber auch in Gangelt. Hier leitet der Virologe die wegweisende Studie zum Coronavirus.

  • Hendrick Streeck ist einer von zahlreichen gefragten Virologen in Zeiten des Coronavirus.
  • Der Experte der Uni Bonn ist regelmäßig bei "Stern TV" (RTL) zu Gast und war Gast bei "Markus Lanz" (ZDF).
  • Der 42-Jährige leitet jetzt die Studie in der Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg, die als Epizentrum gilt.

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Düsseldorf/Heinsberg - "Ich bin mal Virologe geworden, weil ich den Film 'Outbreak' mit Dustin Hoffman so toll fand." Das sagt Hendrik Streeck. In dem Hollywood-Klassiker von 1995 bricht eine Ebola-Variante aus. Hoffman kämpft für eine Kleinstadt, die zur Begrenzung der Epidemie ausgelöscht werden soll. "Outbreak" ist ein Film darüber, wie im Kampf gegen ein Virus Helden geboren werden.

Streeck, Virologe der Uni Bonn, hat nun seine eigene Kleinstadt, sie heißt Gangelt, liegt im Kreis Heinsberg und gilt als Epizentrum des Coronavirus-Ausbruchs - der erste bestätige Corona-Patient in NRW kommt von dort. Vieles, was woanders noch droht, hat die "Erstregion" bereits erlebt.

Der Heinsberger Landrat Stephan Pusch, Ministerpräsident Armin Laschet und Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck (von links) stelltn die "Covid-19 Case-Cluster-Study" vor.

Streeck wird sie für eine Studie nun genau untersuchen - um zu ergründen, was Deutschland dort tief im Westen lernen kann. Wie kommt man aus der Corona-Krise? Wann können Einschränkungen des öffentlichen Lebens gelockert werden? Es sind die großen Fragen dieser Zeit. Wenn es klappt, ist Streeck ein Held. 

Studie zum Coronavirus in NRW: 500 Familien sind mit dabei

Die Studie begann offiziell am Montag, 30. März und wurde von Landesregierung und Kreis Heinsberg vorgestellt. Finanziert wird sie vom Land NRW. Der Heinsberger Landrat Stephan Pusch betonte: "Ich freue mich darüber, dass wir nun helfen können aufzuklären, wie eine Normalisierung des Alltags von Menschen in ganz Deutschland möglich werden kann."

"Wenn die Politik Maßnahmen lockert, während noch die Zahl der Infektionen steigt, kann man damit nicht gewinnen", erklärt Forscher Streeck das aktuelle Dilemma. "Der einzige Weg daraus sind Fakten. Man muss wissen, wie viele Menschen sowieso schon infiziert sind. Man muss wissen, welche Einrichtungen besonders geschützt werden müssen", sagt er. "Und das versuchen wir nun in sehr kurzer Zeit in einer Art Harakiri-Aktion herauszufinden."

Studie zum Coronavirus in NRW: 1000 Personen liefern Infos

Praktisch bedeutet das laut Streeck, dass mit Hilfe des Einwohnermeldeamtes 500 Familien repräsentativ ausgesucht wurden. Sie sollen in einem improvisierten Studienzentrum in einer Schule untersucht werden - mit einer Blutuntersuchung, einem Rachenabstrich und einem umfassenden Fragebogen.

Hatte man gesundheitliche Beschwerden? Mit wem hatte man Kontakt und wie eng war dieser? Wie verliefen die Infektionsketten?

Die Familiengröße variiert, am Ende sollen ungefähr 1000 Leute in der Stichprobe landen. So soll ein relativ gutes Bild entstehen, wer mit dem neuartigen Coronavirus infiziert wurde und wer nicht - und warum.

Studie zum Coronavirus in NRW: Gangelt perfekt geeignet

Es geht darum, die wohl hohe Dunkelziffer der Infizierten aufzuhellen. Gangelt ist dafür perfekt geeignet. "Wir wissen ziemlich genau, wann das Virus in den Ort gekommen ist - der 15. Februar, die Kappensitzung", sagt Streeck.

Auf dieser hatte der erste bestätigte NRW-Infizierte gefeiert, auch weitere Erkrankungen standen in Verbindung zum Karneval. Das ist auch eine Hypothese des Forschers. "Es ist immer an Orten ausgebrochen, wo wild gefeiert wurde. In Gangelt war es der Karneval, in Ischgl der Après-Ski, in Bergamo ein Fußballspiel", sagt Streeck. "Es ist immer: Viele Menschen auf engem Raum."

Studie zum Coronavirus in NRW: Wer steckt sich warum an?

Die Kappensitzung werde man sich daher nochmals anschauen, er hat sich die Teilnehmerliste besorgt. Vor allem interessiert ihn, warum sich bestimmte Gäste dort gerade nicht angesteckt haben. "Es ist ein bisschen wie Detektivarbeit."

Weitere Frage: Inwieweit übertragen Kinder das Virus auf ihre Eltern? Die Information wäre entscheidend, wenn man eines Tages die Schulen wieder öffnen will. Die Fragen treiben Streeck, 42 Jahre alt und bei der Arbeit mitunter in Sneakern unterwegs, nicht nur als Virologen um.

Dazu hat er sich auch schon entsprechend öffentlich geäußert. "Ich halte die Einschnitte, die wir jetzt haben, für sehr drastisch. Da argumentiere ich aber nicht als Virologe, sondern als Bürger", sagt er. Ihm fehle die Verhältnismäßigkeit. "Es ist immer schlimm, wenn Menschen sterben. Aber die Frage ist, ob man andere Existenzen gefährdet und dadurch auch Leben aufs Spiel setzt."

Studie zum Coronavirus in NRW: 70 Personen arbeiten mit

Deswegen seien Fakten wichtig. Fakten hat er bereits in seinem Team geschaffen - es ist auf rund 70 Leute angewachsen, zunächst war die Rede von 20. Schon in etwa zwei Wochen will er erste Erkenntnisse vorlegen. "Wir machen alles parallel", sagt Streeck.

Der ist übrigens überrascht, dass das Robert Koch-Institut (RKI) nicht selbst eine derartige Untersuchung angeschoben hat. "Es ist in jeder Hinsicht eine Pilotuntersuchung", erklärte der Virologe. 

In anderen europäischen Ausbruchsorten - etwa Ischgl - habe es so etwas noch nicht gegeben. "Ich war selber überrascht, muss ich sagen, dass das Robert Koch-Institut nicht von vornherein diese Studie selber hat durchgeführt", sagte Streeck. Das Interesse an einer Eindämmung des Virus sei ja "ein bundesweites". 

Coronavirus in NRW: Köln hat mehr Fälle als Kreis Heinsberg

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) jedenfalls sagt, dass sich erste Erfolge der Kontaktbeschränkungen eben in jenem Kreis Heinsberg zeigen würde. Dort habe sich der Anstieg der Fälle verlangsamt. Die Kurve der Neuinfektionen sei abgeflacht und die sogenannte Verdopplungszeit habe sich verbessert.

Während sich die Zahl der Infizierten in NRW alle acht bis neun Tage verdoppele, seien es in Heinsberg nun alle 16 Tage. Inzwischen gebe es mehr Infektionen in Köln als im Kreis Heinsberg. "Aber es ist keine Zeit für Entwarnung. Wir werden weiter steigende Infektionszahlen haben", unterstrich der Ministerpräsident.

Im Kreis Heinsberg infizierten sich (Stand Mittwoch, 1. April, 10 Uhr) 1305 Menschen - 39 neue Fälle kamen binnen eines Tages dazu. Die Zahl der Todesopfer erhöhte sich um 2 auf nun 37. In Köln, für die seit einigen Tagen die höchste Zahl an Infektionen in NRW ausgewiesen wird, waren es laut der Statistik 1405 Fälle. Das waren somit 62 Neuinfektionen. Die Zahl der Todesopfer in Köln blieb in der gleichen Zeitspanne konstant bei 11.

Coronavirus in NRW: Aktuelle Fallzahlen und Informationen

Über die aktuellen Fallzahlen und Entwicklung im Land berichten wir fortlaufend hier in unserem News-Blog. Alle Fragen rund um das Kontaktverbot beantworten wir hier.

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