Fit trotz Corona-Krise

Lockerung im Sport: "Angst läuft mit" - das rät der Kardiologe

Das Coronavirus ist beherrschbar geworden, es kommt beim Sport in NRW nun zur Lockerung. Was Breitensport und Leistungssport zu beachten haben, erklärt Kardiologe Tienush Rassaf  im Interview.

  • Das Coronavirus* schränkt Breiten- und Leistungssportler weiter ein - doch seit dieser Woche gibt es im Sport in NRW die erste Lockerung.
  • Tienush Rassaf vom Universitätsklinikum Essen rät dringend dazu, Regeln und Kontrollen einzuhalten.
  • Laufen, Radfahren und schwimmen sind gut für das Immunsystem, doch der Kardiologe warnt davor, krank zu trainieren.

Essen – Die Corona-Beschränkungen in Deutschland wurden in dieser Woche massiv gelockert – auch im Sport. In Nordrhein-Westfalen haben seit Montag wieder die Fitness-Studios geöffnet, am Wochenende soll die Fußball-Bundesliga mit Geisterspielen fortgesetzt werden. Im Gespräch mit Jens Greinke von wa.de* bewertet der Kardiologe Professor Tienush Rassaf (46) die Lockerungen im Breiten- und im Leistungssport. Und warnt eindringlich davor, die ausgearbeiteten Konzepte und Regeln nicht einzuhalten.

Sie arbeiten als Direktor der Kardiologie Angiologie in der Universitätsmedizin Essen, das die zentrale Anlaufstelle für Corona-Erkrankte in Essen ist und auch schon Menschen aus dem Ausland aufgenommen hat. Welche Erfahrungen haben Sie als Herzspezialist bisher mit der Erkrankung gemacht?

Es geht in zwei Richtungen: Wir wissen, dass Patienten, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen beziehungsweise ein Risiko dafür haben, eher Gefahr laufen, an Corona zu erkranken. Und wir wissen, dass Covid-19 zu einer Verschlechterung von vorhandenen Herzkreislauferkrankungen führt. Aus den Daten, die weltweit erhoben wurden, können wir ableiten, dass bis zu 30 Prozent der Covid-19-Patienten an Herz- und Gefäßerkrankungen versterben.

Coronavirus in NRW: Respekt vor Krankheit Covid-19

Also ist nicht nur der Krankheitsverlauf schwerer, wenn man eine Vorerkrankung hat…

Was wir Mediziner noch nicht verstanden haben – und deshalb haben wir auch einen solchen Respekt vor dieser Erkrankung: Wen trifft die Erkrankung schwer und wen nicht? Auch junge Menschen erkranken an Covid-19. Bei dem einen haben wir einen fast symptomfreien Verlauf, bei dem anderen verläuft die Krankheit katastrophal. Diese Unterschiede haben wir noch nicht komplett verstanden. Wir wissen aus Italien zum Beispiel, dass über 50 Prozent der Menschen, die es hart getroffen hat, mehr als drei kardiovaskuläre, also das Herz und die Gefäße betreffende Risikofaktoren aufgewiesen haben – wie Diabetes oder ausgeprägtes Übergewicht.

Covid-19 bestimmt derzeit auch das Sportgeschehen. Sie betreuen unter anderem selbst Leistungssportler. Welche Sportler sind das?

Wir sind Olympiastützpunkt hier in Essen, betreuen aber auch Fußballer, Handballer, Tennisspieler oder Leichtathleten.

Sie sagen Leistungssport ist Stress. Um welchen Stress genau handelt es sich?

Sport ist prinzipiell eine gute Sache. Aber Leistungssport ist eine starke Belastung für den Körper. Ein Leistungssportler erbringt eine sportliche Leistung, die nicht für jeden normalen Menschen möglich ist. Diese Leistungen sind eine ausgeprägte Belastung für das Herz-Kreislauf-System. Der Körper geht da ans Äußerste. Unter normalen Bedingungen ist das für einen trainierten Menschen kein Problem. Aber – und das betrifft nicht nur die Leistungssportler: Wenn man zusätzlich eine Erkrankung hat, dann gilt: Sport ist eine Stresssituation für den Körper. Wenn wir dann zusätzlich noch geschädigt sind wie durch eine Viruserkrankung, setzen wir unseren Körper einem deutlichen Risiko aus.

Sie sagen, dass Organe Schaden nehmen können. Welche Schäden können auftreten?

Folge kann eine Herzmuskelentzündung sein, eine sogenannte Myokarditis. Diese kann komplett unterschiedlich verlaufen. Es kann zu Herzrhythmus-Störungen kommen, es kann sein, dass der Patient auf einmal die Treppen nicht mehr richtig hochkommt oder dass die Beine dick werden. Diese Herzschädigung kann mild verlaufen, sie kann aber auch zum Tode führen. Man muss da sehr aufpassen. Deshalb soll man mit einem Virusinfekt ja auch nicht arbeiten gehen. Und nicht zum Sport gehen. Schonung ist da extrem wichtig. Es gibt viele Menschen, die langfristige Schäden davon tragen. Und es verkürzt auch schlicht die Lebenserwartung.

Coronavirus: Lockerung im Sport in NRW mit klaren Regeln

Der Alltag kehrt langsam zurück, auch im sportlichen Bereich. Fitnessstudios öffnen in NRW, die Bundesliga will am Wochenende wieder spielen*. Ist der Zeitpunkt ihrer Meinung nach und aus medizinischer Sicht der richtige?

Wir sind ja alle froh, dass der Fußball wieder rollen soll. Ich persönlich freue mich sehr auf die Bundesliga. Und ich freue mich, dass ich wieder ins Fitness-Studio darf. Aber ich glaube, wir müssen im Moment lernen, mit der neuen Realität umzugehen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, die Regeln zu beachten. Ob im Fitness-Studio oder in der Bundesliga. Die Regeln müssen eingehalten werden. Bis ein Impfstoff da ist oder es eine wirksame Therapie gibt, ist das Pflicht. Andererseits müssen wir sehen, dass so ein Lockdown medizinisch ebenfalls Auswirkungen hat und Krankheiten forciert. Deshalb ist es wichtig, dass wir bedacht, in Maßen und unter kontrollierten Bedingungen wieder zum normalen Leben zurückkehren. Zu dem auch Sport gehört.

Kann denn das Hygiene-Konzept, dass die Deutschen Fußball-Liga (DFL) vorgelegt hat, in seiner Konsequenz durchgehalten werden?

Jeder muss sich im Klaren darüber sein, dass es eine neue Realität gibt. Und jeder muss sich an die vorgegebenen Regeln halten. So, wie es im Fall von Salomon Kalou bei Hertha BSC gelaufen ist, sollte es genau nicht sein. Dann wird dieses Konzept konterkariert.

Einige Spieler – wie beispielsweise Neven Subotic vom Bundesligisten Union Berlin – beklagen, dass sie nicht ausreichend genug in die Entscheidung eingebunden worden sind. Und Angst vor einer Infektion haben. Können Sie diesen Spielern die Angst nehmen?

Tja. Ich glaube, dass es wichtig ist, die Spieler einzubeziehen. Die Angst kann ich ihm nicht nehmen, dazu kenne ich mich zu wenig aus. Wenn man solche Bilder wie aus Berlin sieht, läuft die Angst natürlich mit. Deswegen ist es umso wichtiger, dass die Regeln und die Kontrollen eingehalten werden. Es scheint alles gut durchdacht – wenn sich an die Regeln gehalten wird.

Immer wieder gibt es auch im Profisport Fälle, in denen es zum plötzlichen Herztod kommt, weil eine nicht erkannte Vorerkrankung vorlag. Sind die Tests im deutschen Profisport da zuverlässig genug?

Die Tests hierzulande sind schon sehr gut. Aber es gibt eben Erkrankungen des Herzens – wie beispielsweise Kanalerkrankungen bei jungen Leuten – die nicht durch eine normale kardiologische Untersuchung identifiziert werden können.

Coronavirus in NRW: Sport nicht krank betreiben

Was empfehlen Sie den Menschen, die regelmäßig Sport aus Gründen der Fitness treiben – also zum Beispiel Laufen, Radfahren oder Schwimmen?

Eigentlich hat sich nichts verändert zu vorher. Wer merkt, dass er einen grippalen Infekt oder einen Schnupfen hat, der sollte man mit dem Sport ruhig mal eine Woche aussetzen. Dies betrifft natürlich auch Covid-19. Und es ist eine Empfehlung, die auch für den Profisportler gilt.

Covid-19 ist ja auch deshalb eine so heimtückische Krankheit, weil es auch immer wieder zu diesen milden, manchmal sogar symptomfreien Verläufen kommt.

Ist es bei diesen milden Verläufen ausgeschlossen, dass der Sport schädlich ist?

Da gibt es noch keine Daten. Wir gehen aber davon aus, dass auch im Falle einer Covid-19-Erkrankung, die nicht hoch symptomatisch ist, ein ausgeprägtes Risiko für einen Herzmuskel-Entzündung vorhanden ist. Und wer leichte, coronatypische Symptome hat, der sollte lieber mal zwei Wochen aussetzen.

Zur Person: Der 46-jährige Tienush Rassaf wechselte 2015 vom Universitätsklinikum Düsseldorf zur Universitätsmedizin Essen, wo er seitdem als Direktor der Kardiologie tätig ist. Der in Köln geborene und in Oberhausen und Essen aufgewachsene Mediziner studierte in Düsseldorf und Texas (USA). Zudem war der unter anderem Stipendiat der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Düsseldorf.

*wa.de ist Teil des deutschlandweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © Frank Rumpenhorst/dpa

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