RE1 von Hamm nach Aachen

Mit dem Zug durch ein lebloses Land

Leere Sitze im Zug, leere Bahnsteige draußen: Der RE1 ist normalerweise eine der Verkehrs-Hauptschlagadern in NRW. Doch in Coronaviruszeiten wird er kaum noch genutzt.
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Leere Sitze im Zug, leere Bahnsteige draußen: Der RE1 ist normalerweise eine der Verkehrs-Hauptschlagadern in NRW. Doch in Coronaviruszeiten wird er kaum noch genutzt.

Das Leben in NRW kommt mehr und mehr zum Erliegen. Dies zeigt auch eine Fahrt mit dem Regionalexpress 1 von Hamm nach Aachen. Es ist derzeit eine gut 180 Kilometer lange Tour durch ein gespenstisch wirkendes, geradezu lebloses Land.

  • Eine Fahrt mit dem RE1 von Hamm nach Aachen in Zeiten des Coronavirus: 
  • Der Zug ist leer wie nie, 
  • und pünktlich wie die Eisenbahn.

NRW – Das Corona-Radar der Johns-Hopkins-University zeigt an diesem grauen Freitag um 7 Uhr morgens an, dass sich in Deutschland mittlerweileüber 15.000 Menschen mit dem Virus infiziert haben und 44 daran gestorben sind. Die Kurve im Diagramm darunter zeigt einen dramatischen Anstieg, sie sieht aus wie eine extrem steile Ski-Schanze oder der Starthang auf der Kitzbüheler Streif. Es sind Zahlen, die dafür sorgen, das der Regionalexpress 1 von Hamm nach Aachen so leer ist wie nie.

„Noch leerer als an Sonntagen“, präzisiert Stefan (Name geändert), ein erfahrener RE1-Nutzer. Der 23-Jährige ist auf dem Weg nach Duisburg, wo er als Erzieher eine Wohngruppe von Jugendlichen betreut. Er gehört somit zur kritischen Infrastruktur, wie die im Notfall vermeintlich unersetzlichen Berufsfelder genannt werden. Er darf nicht nur zur Arbeit, er muss sogar. Das Land braucht ihn jetzt.

RE1: Verkehrs-Hauptschlagader in NRW

DerRE1 ist eine der Verkehrs-Hauptschlagadern in Nordrhein-Westfalen. Geschätzt als praktisches Fortbewegungsmittel, gehasst für seine Unpünktlichkeit und seine oft qualvolle Enge. Normalerweise quetschen sich tausende Menschen wie Sardinen täglich in den rot-weißen Doppelstock-Zug mit den blaukarierten Sitzen, zu dem fast immer „aktuelle Informationen“ vorliegen. Was meist nichts anderes bedeutet, dass er mal wieder zu spät kommen wird.

Heute Vormittag ist der RE1 so gut wie leer. Und pünktlich wie die Eisenbahn, wie es früher einmal hieß. „So gesehen hat das auch seine Vorteile“, zeigt Erzieher Stefan Galgenhumor.

Zug wäre eine hocheffiziente Coronavirus-Infektionskette aus Stahl

An sich wäre dieser Zug für hunderte Menschen eine hocheffiziente Infektionskette aus Stahl. Heute nicht. „Wahnsinn“, sagt Ralf Fiedler: „So leer habe ich das hier noch nie erlebt.“ Der 53-Jährige ist Richter am Landgericht in Bochum. Normalerweise ist er seit einigen Tagen im Homeoffice. Doch heute muss er aus verschiedenen Gründen an seinen Arbeitsplatz. Zum einen stehen Verkündungstermine an, es werden Urteile bekanntgegeben. „Dies muss öffentlich geschehen, auch wenn keiner kommen dürfte“, sagt Fiedler. Zum anderen habe er noch zwei Proberichterinnen zu betreuen. „Einmal in der Woche muss ich deshalb vor Ort sein“, sagt der Richter. Den Rest kann er per elektronischer Akte von zu Hause aus erledigen.

Ralf Fiedler (53), Richter am Landgericht in Bochum, arbeitet eigentlich im Homeoffice. Einmal in der Woche muss er jedoch im Gericht präsent sein.

Ausgangssperre? "Leute sind dumm oder ignorant"

In Dortmund läuft ein Flaschensammler durchs Abteil, der sämtliche Müllfächer durchsucht. Ohne Handschuhe. Sein Rucksack sieht eingefallen aus.

Erzieher Stefan versucht, „den Leuten aus dem Weg zu gehen“. Er rechnet mit einer baldigen Ausgangssperre. „Die Leute sind entweder dumm oder ignorant“, sagt er. Vorhin habe er wieder eine Gruppe Rentner gesehen, die zusammen vor einem Café gesessen und gefrühstückt hätten. „Unfassbar“, sagt er: „Die gehören doch zur Hauptrisikogruppe“, sagt der dem Portal WA.de*

Im RE1 ist es meist still

Die Fahrt quer durchs Land hat am Freitag etwas Meditatives. Sie ähnelt der Doku-Serie „Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands“, die in den 1990er Jahren nachts im Fernsehen lief und bei der man einfach eine Kamera in den Lokführerstand gestellt hatte, die stumm die Strecke filmte. Auchim RE1 ist es meist still, die Menschen sind seltsam ruhig. In Essen steigt ein Mann und telefoniert in einer fremden Sprache, es klingt arabisch. Er redet minutenlang ohne Unterlass und man fragt sich, was er wohl gerade erzählt. Zwei Teenager im Hoodie laufen kurz darauf durchs Abteil, der eine versucht es mit einem schlechten Witz: „Die haben alle Corona hier, Alter!“ Beim Blick aus dem Fenster sieht man eine Frau, die ihren Hund vor einem verfallenen Lokschuppen Gassi führt.

In Duisburg kommt der obdachlose Zeitungsverkäufer Klaus an Bord. Er bittet die wenigen Fahrgäste kurz um ihre „geneigte Aufmerksamkeit“. Er hat ein paar Exemplare des Kölner „Express“ auf dem Arm, der auf der Titelseite das Krankenhauspersonal feiert („Danke, ihr Helden!“) und über die Infektion von Oliver Pochers Frau informiert. Niemand will ein Exemplar haben. Auch wenn Klaus darauf hinweist: „Sie unterstützen nicht nur mich, Sie unterstützen auch die Kleiderkammer und die Tafel.“ Seine Worte verhallen im fast leeren Abteil. „Ich werde heute maximal fünf Zeitungen verkaufen“, sagt Klaus, „das ist ein Trauerspiel gerade“.

Halt am Flughafen-Bahnhof Düsseldorf: Keine Maschine auf der Startbahn

Flughafen-Bahnhof Düsseldorf: Keine Maschine rollt über die Startbahn, kein Triebwerk heult auf, wie man es ansonsten oft hören kann, wenn der RE1 hier hält. Eine einsame Reisegruppe kommt mit ihren Koffern die Rolltreppe herunter, einige tragen Mundschutz. Den Sicherheitsabstand halten sie aber nicht ein. Kurz vor dem dem Düsseldorfer Hauptbahnhof kommt der RE1 an einem großen Graffiti an einer Hauswand vorbei: Es zeigt einen riesigen grübelnden Schimpansen, versehen mit der Frage: „Was tun?“

Christa und Siegfried sind jetzt an Bord. Das Rentner-Ehepaar aus Aachen trägt schwarze Leder-Handschuhe und die begehrten FFP3-Masken. Das Atmen scheint ihnen nicht so leicht zu fallen, beide schieben ihre Masken ein wenig herunter, um besser Luft zu bekommen. Sie sind braungebrannt wie Mandeln, sie kommen gerade aus A licante, nach fünf Wochen Aufenthalt dort.„Mit dem letzten Flug“, wie die 76-jährige Christa unterstreicht.

Coronavirus-Emotionen: Angst und Wut

Sie trägt eine dunkelbraune Perücke. Die beiden haben diesen fröhlichen rheinischen Singsang, normalerweise der sorglos klingendste Dialekt, den man sich vorstellen kann.Jetzt haben sie Angst. Und sind wütend. Sie haben in Spanien alles im Fernsehen verfolgt, was in den vergangenen Tagen in Deutschland passiert ist. „Die jungen Leute, die jetzt noch Corona-Partys feiern, sollte man alle in ein Fußballstadion stecken und von der Bundeswehr bewachen lassen. Ohne Essen“, sagt der 78-jährige Siegfried.

Die Regierung handele geradezu „zu lasch“, die Kanzlerin habe sich „viel zu spät zu Wort gemeldet“. In Spanien sei das alles anders gewesen, dort herrsche schon lange eine Ausgangssperre. Sie haben eine Wohnung dort unten, fahren vier, fünf Mal jährlich für mehrere Wochen dorthin. „Nur der Söder macht das gerade gut“, behauptet Siegfried und sprüht sich Desinfektionsmittel in die Hände. Es riecht nach Krankenhaus. Christa sagt: „Zuhause hängen wir einen Zettel an die Tür: Wir sind da. Post bitte vor die Tür stellen.“

Deutsche Bahn reduziert Regionalverkehr um 50 Prozent 

Als Christa und Siegfried am Freitag längst zu Hause sind, gibt die Deutsche Bahn bekannt, dass sie den Regionalverkehr in NRW ab dem Wochenende um 50 Prozent reduzieren wird. Und Ministerpräsident Markus Söder verhängt in Bayern Ausgangsbeschränkungen für die Bevölkerung. - Jens Greinke

*WA.de ist Teil der bundesweiten Ippen-Digital-Zentralredaktion.

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