Interview mit Professor Alexander Mellmann

Corona-Mutationen in NRW: Experten untersuchen Verbreitung - „Wir werden sie sicher finden“

Die Corona-Mutationen breiten sich in NRW aus. In Münster wird derzeit untersucht, wie weit sie sich hierzulande schon verbreitet haben. Was die Experten bisher wissen.

Hamm - Das Land Nordrhein-Westfalen lässt aktuell untersuchen, wie weit die mutierten, sehr wahrscheinlich ansteckenderen Coronavirus-Varianten hierzulande schon verbreitet sind. Geleitet wird das mit 200.000 Euro vom Land geförderte Projekt von Professor Alexander Mellmann, dem Direktor des Instituts für Hygiene am Universitätsklinikum Münster. (Coronavirus in NRW)

Im Interview mit unserer Redaktion erklärt er, was genau erforscht wird und wann mit Ergebnissen gerechnet wird.

Was ist über Mutationen in NRW bisher bekannt?
Wir wissen, dass an einzelnen Stellen bereits verschiedene Varianten des Coronavirus in NRW nachgewiesen wurden. Die bekannteste ist sicher die UK-Variante. Daten aus Großbritannien haben gezeigt, dass dieses Virus sich wahrscheinlich etwas leichter von Mensch zu Mensch übertragen lässt als die normale Variante, mit der wir es sonst zu tun haben.
Was wir noch nicht wissen, ist, wie häufig diese Variante unter all den Fällen vertreten ist, die tagtäglich in NRW nachgewiesen werden. In der Regel wird nicht bei jedem einzelnen Nachweis bestätigt, ob es sich um diese spezielle britische Variante handelt oder um andere Varianten. Das muss man als zusätzliche Untersuchung noch anschließen. Das ist nicht überall routinemäßig implementiert.

Corona-Mutationen in NRW: Experten untersuchen Verbreitung der Virusvarianten

Was untersuchen Sie und Ihr Team nun genau?
Alexander Mellmann: Wir wollen jetzt alle Proben, die wir bekommen können, von einem Tag – das war der 27. Januar – analysieren. Das sind etwa 1000 Proben, die wir repräsentativ über das Land verteilt bekommen haben. Wir wollen schauen: Wie viele dieser Proben tragen möglicherweise Mutationen? Welche Arten von Mutationen sind es? Und wie sind sie geografisch über das Land verteilt?
Das ist der Startschuss, um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob die britische Variante bei uns schon im ganzen Land verteilt ist und wir es nur noch nicht wissen – oder ob es nur eine punktuelle Situation ist durch Eintrag von draußen, beispielsweise über Reisetätigkeiten oder über andere Bewegungen der Menschen. Das wissen wir alles noch nicht. Und um das mit Daten zu unterfüttern, untersuchen wir diese Proben
Haben Sie dabei auch einen besonderen Blick auf die Grenzregionen zu den Niederlanden? Im Nachbarland sind ja zahlreiche Fälle mit der britischen Virus-Variante bestätigt worden.
Alexander Mellmann: Die Proben kommen aus allen 53 Kreisen, die wir im Land haben. Natürlich ist für NRW auch der grenznahe Bereich zu Belgien und den Niederlanden wichtig. Diese Kreise haben wir mit eingeschlossen. Wir versuchen in allen Regionen repräsentativ etwa gleich viele Proben zu bekommen, abhängig immer davon, wie viele Einwohner die Region hat.
Wenn Sie zum Beispiel die Stadt Köln mit einer Million Einwohner nehmen: Da haben wir absolut gesehen mehr Proben als beispielsweise im Kreis Olpe, der nur knapp 134.000 Einwohner hat, oder in Münster mit gut 300.000 Einwohnern. Wir versuchen das, so weit es geht, gleichmäßig übers Land verteilt zu bekommen, um am Ende auch eine belastbare Aussage treffen zu können. Das war zunächst einmal ein riesiges logistisches Vorhaben. Inzwischen haben aber die Sequenzierungen bereits begonnen.

„Wir werden Mutationen finden“: Professor untersucht die Verbreitung des Coronavirus in NRW

Was sind diese Sequenzierungen? Was analysieren Sie?
Alexander Mellmann: Bei der Sequenzierung entschlüsselt man die Erbinformation des Virus, die so genannte RNA. Beim Virus gibt es verschiedene Arten von Bausteinen. Die Kombination dieser Bausteine gibt vor, was das Endprodukt ist; in diesem Fall wie das Coronavirus aussieht, welche Strukturen die einzelnen Bestandteile haben. Besonders interessant für uns ist das Stachel-Protein, das häufig auch als S- oder Spike-Protein bezeichnet wird. Das ist ein Bestandteil der Viren, der stachelartig nach außen geht und der unter anderem wichtig ist für die Verbindung zur menschlichen Zelle und für den Verlauf der Infektion.
Wir versuchen, uns nicht nur einzelne Bausteine an bestimmten Positionen anzugucken, sondern das ganze Genom – also die komplette Erbinformation – vom ersten bis zum letzten Baustein zu entschlüsseln. Das sind ungefähr 29.000 Bausteine. Dann können wir sagen: Diese Kombination von Bausteinen entspricht dem Virus, wie es typisch war in China. Eine andere Kombination von Bausteinen entspricht dem Virus, das typisch ist für diese neuen Varianten aus Großbritannien oder aus Südamerika.
Professor Alexander Mellmann, Direktor des Institutes für Hygiene am Universitätsklinikum Münster, untersucht die Virusverbreitung in NRW.
Das hört sich sehr aufwendig an. Wann rechnen Sie denn mit Ergebnissen der Analysen?
Alexander Mellmann: Von der Technologie her ist es heutzutage eine Standardmethode, die nicht nur in der Infektionsmedizin, sondern zum Beispiel auch in der Humangenetik und in vielen weiteren Bereichen intensiv genutzt wird. Aber in der Tat dauert es mehrere Tage, bis der Laborprozess abgeschlossen ist, man die Ergebnisse der Proben erhält und sie auch per Computerprogramm analysiert hat. Wir rechnen damit, dass wir nächste Woche zumindest vorläufige Ergebnisse haben und einen ersten Eindruck vermitteln können, wie die Verbreitung in NRW ist.
Wie ist Ihre persönliche Einschätzung?
Alexander Mellmann: Ich habe nur ein Bauchgefühl, das ist allerdings eher unwissenschaftlich. Ich denke, wir werden sicher die Mutation an der einen oder anderen Stelle finden. Aber ich glaube nicht, dass die Mutation schon so häufig vorkommt, wie das von den Nachbarländern beschrieben wird. Dort weist teilweise schon ein Drittel der Virusnachweise die Mutation auf.

Coronavirus-Mutationen breiten sich in NRW aus

Alexander Mellmann: Die Coronavirus-Mutationen breiten sich in NRW aus. Dem Landesgesundheitsministerium zufolge wurden bis Mittwoch, 3. Februar, 31 Fälle der in Großbritannien entdeckten Virusvariante B.1.1.7 und 7 Fälle der südafrikanischen Variante B.1.351 bestätigt. Beide gelten als Treiber neuer Infektionswellen. Einzelne Städte meldeten allerdings viel höhere Zahlen. Allein in Köln wurden bereits 114 Fälle der Variante B.1.1.7 und 52 Fälle der Variante B.1.351 entdeckt.

Seit Ende Januar werden in Köln alle positiven PCR-Tests von Personen im Zuständigkeitsbereich des Kölner Gesundheitsamts automatisch auf die Coronavirus-Varianten getestet. Auch in Düsseldorf und Solingen wird systematisch auf die mutierte britische Virusvariante getestet, um ein genaues Lagebild zu bekommen. Die Stadt Münster bestätigte am Mittwoch drei Infektionen mit der britischen Virusvariante. Einzelne B.1.1.7-Fälle wurden auch in den Kreisen Steinfurt und Warendorf (Beckum) bekannt. 

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

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