Hohe Zahlen in Deutschland

Corona-Lockerungen an Weihnachten? Klinik-Chef schlägt Alarm: „Wir bereiten uns auf eine Katastrophe vor“

Die Corona-Regeln sollen nach aktuellem Stand für Weihnachten gelockert werden. Für Thomas Voshaar ein Unding, wie der Chef einer Lungenklinik in Moers erklärt.

Moers – Im Bethanien Krankenhaus in Moers starben bislang deutlich weniger Corona-Patienten an Covid-19 als im bundesweiten Durchschnitt aller anderen Krankenhäuser. Woran liegt das? (News zum Coronavirus)

VirusCoronavirus
KrankheitCovid-19
KrankheitserregerSARS-CoV-2
UrpsrungVolksrepublik China

WA-Redakteur Alexander Schäfer sprach mit dem Chef der Lungenklinik, Dr. Thomas Voshaar, über das Erfolgsmodell, die Diskussion um schärfere Lockdown-Maßnahmen wegen der weiter hohen Corona-Zahlen in Deutschland sowie Weihnachten.

Corona-Lockerungen Weihnachten? „Wir bereiten uns auf eine Katastrophe vor“

Wie haben sich die Zahlen in Ihrer Klinik entwickelt?
Dr. Thomas Voshaar: Wir haben seit der ersten Welle 202 Covid-Patienten behandelt, die eine beidseitige schwere Lungenentzündung hatten und so schwer krank waren, dass wir sie auf unsere eigens eingerichtete Überwachungsstation gebracht haben. Unser Modell sieht vor, dass wir diese Patienten nicht sofort auf die klassische Intensivstation bringen. Von diesen 202 sind bislang elf gestorben. Das bedeutet eine Sterblichkeitsrate von 5,5 Prozent in dieser Gruppe. Unter diesen 202 waren übrigens auch alte Menschen, die in ihrer Patientenverfügung eine Therapiebegrenzung festgelegt hatten. Wir zählen also nicht nur die Verstorbenen, bei denen man noch alles, sprich intensivmedizinisch, versucht hat.
Wie hoch liegt die Sterblichkeitsrate in Deutschland?
Dr. Thomas Voshaar: 60 Prozent der Patienten auf Intensivstationen sind intubiert. Von diesen künstlich beatmeten Menschen sterben 40 bis 50 Prozent. Bei Über-80-Jährigen, die intubiert werden, liegt die Sterblichkeit bei über 70 Prozent. Das Alter ist der stärkste Risikofaktor und vor allem entscheidend für die Sterblichkeit. Um nun den Vorwurf, hier würden Äpfel mit Birnen verglichen, zu entkräften, vergleiche ich unsere Zahl aber mit einer anderen Zahl: Über alle Altersklassen und Schweregrade der Erkrankung hinweg sind 23 Prozent aller Menschen, die in der ersten Welle in deutschen Krankenhäuser behandelt worden sind, gestorben. 23 Prozent! Dagegen stehen unsere 5,5 Prozent.
Angesichts dieser Corona-Zahlen: Warum machen die anderen Krankenhäuser nicht dasselbe wie Sie?
Dr. Thomas Voshaar: Das ist eine gute Frage. Wir kommen uns auf einer wissenschaftlichen Basis zwar langsam näher, aber sind mit Vertretern der klassischen Intensivmedizin noch weit auseinander. Diese intubieren zwar nicht mehr so früh und so schnell wie in der ersten Welle. Aber sie sagen immer noch, dass sie intubieren müssen, wenn der Sauerstoffwert schlecht ist. Das ist der Knackpunkt. Sie versuchen zwar erst die Maskenbeatmung, aber wenn ein bestimmter Wert nicht erreicht wird, gibt die Leitlinie das Intubieren vor. Dabei haben zum Beispiel Vertreter der Harvard-Universität bereits gesagt: Schaut nach Moers, die haben mit ihrer Meinung zum Sauerstoffwert und der Frage, wie weit dieser absinken darf, vermutlich Recht. Wir haben derzeit auf unserer klassischen Intensivstation sechs Patienten intubiert und wollen ihnen diese allerletzte Chance geben. Das gibt es also auch bei uns.

Corona: Lungenklinik in Moers (NRW) als Vorbild für ganz Deutschland

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn war im August bei Ihnen und ganz begeistert vom Moerser Modell. Warum wird die Leitlinie nicht geändert?
Dr. Thomas Voshaar: Es hat sich gezeigt, dass frühes Intubieren die Sterblichkeit erhöht. Das haben alle verstanden. Das ist, wenn ich das so sagen darf, ein großer Erfolg auch für mich. Aber wenn ein Patient unter der Sauerstoffmaske nicht auf eine Sauerstoffsättigung von 90 Prozent kommt, dann schreibt auch die aktualisierte Leitlinie die Intubation vor. Ich sage, das ist falsch.
Das ist für Corona-Patienten, die in München und nicht in Moers ins Krankenhaus kommen, ein Problem.
Dr. Thomas Voshaar: Ich bekomme deshalb täglich 50 bis 60 Mails aus ganz Deutschland von Patienten und besorgten Angehörigen. Es gibt aber immer mehr Lungenkliniken, die es genauso machen wie wir.
Sind Sie komplett belegt?
Dr. Thomas Voshaar: Auf der speziellen Covid-Station können wir 31 Patienten versorgen. Die ist etwa zur Hälfte belegt.
Ein gefragter Experte: Ende August ließ sich NRW-Ministerpräsident Armin Laschet im Krankenhaus Bethanien von Dr. Thomas Voshaar, Chefarzt der Pneumologie, die Beatmung von Covid-19-Patienten erklären. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zeigte sich an diesem Tag vom „Moerser Modell“ beeindruckt.

Corona in Deutschland: Richtige Behandlungsmethode ergiebiger als Lockdown-Maßnahmen

Leiden Ihre Corona-Patienten weniger an Langzeitfolgen?
Dr. Thomas Voshaar: Ja. Wir haben bislang keine Spätfolgen gesehen. Natürlich gibt es die Fälle, in denen die Menschen auch noch sechs Wochen später müde und abgeschlagen sind oder Konzentrationsstörungen haben. Nachweisbare Organschäden sehen wir bislang aber nicht.
Die Politik ist wegen der hohen Todes- und Infektionszahlen alarmiert. Könnte man aus Ihrer Arbeit den Schluss ziehen, dass man durch Veränderungen bei den Behandlungsmethoden mehr erreichen würde als durch schärfere Lockdown-Maßnahmen?
Dr. Thomas Voshaar: Ja. In unserem Modell bleiben mehr Intensivplätze und -kapazitäten frei, und das ist für die Politik ein wichtiges Kriterium. Aber Politik kann nicht in medizinische Behandlung eingreifen.
Also muss ich als Corona-Patient aktiv werden?
Dr. Thomas Voshaar: Das ist eine sehr wichtige Frage, die Sie stellen. Ja, besonders ältere Menschen, die eine Patientenverfügung haben oder verfassen wollen, müssen dort festlegen, ob sie im Fall einer schweren Covid-19-Erkrankung intubiert und maschinell beatmet werden wollen oder nicht. Das hat eine immense Bedeutung.

Gelockerte Corona-Regeln an Weihnachten? Klinik-Chef schlägt Alarm und warnt vor Katastrophe

Die Infektionszahlen mit dem Coronavirus bleiben trotz „Lockdown light“ stabil hoch. Weihnachten soll gelockert werden. Was sagen Sie dazu?
Dr. Thomas Voshaar: Mit den aktuellen Maßnahmen bekommen wir die Infektionszahlen nicht weiter runter. Deshalb halte ich die geplanten Lockerungen an Weihnachten und Silvester für einen Fehler. Wir sehen diese Lockerungen mit Schrecken und bereiten uns auf eine Katastrophe nach Weihnachten vor. Wir rüsten gerade unsere Covid-Station und die ganze Klinik um, weil wir nach Weihnachten mehr Fälle erwarten.
Sind Sie also für einen noch schärferen Lockdown zum Beispiel mit Schulschließungen?
Dr. Thomas Voshaar: Nein. Aber wir brauchen das, was wir jetzt haben, bis Ende März. Und die Menschen müssen sich an die Regeln, die wir aktuell haben, konsequent halten – und sie sollten von den Großzügigkeiten und Angeboten der Politik an Weihnachten nicht Gebrauch machen. Jeder sollte sich an Weihnachten so verhalten, als wäre er infektiös. Der Sinn von Weihnachten ist es doch, an den anderen zu denken.
Dr. Thomas Voshaar ist Chef der Lungenklinik Bethanien in Moers. Der 62-Jährige ist seit sieben Jahren Präsident des Verbandes pneumologischer Kliniken in Deutschland und gehört in der Corona-Krise mittlerweile zum Beraterstab von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Seine internationale Publikation zum Moerser Modell steht kurz bevor.

Corona in Deutschland: Klink-Chef rechnet nicht mit schnellem Ende der Pandemie

Sie sprechen sich für Lockdown-Maßnahmen bis Ende März aus. Weil dann Frühjahr ist oder weil dann der Corona-Impfstoff da ist?
Dr. Thomas Voshaar: Beides. Das Wetter hat Effekte auf die Virusausbreitung. Die Menschen sind mehr draußen als drinnen. Zudem hoffe ich auf die ersten Effekte der Impfungen im Frühjahr und Frühsommer. Es wird allerdings mehr als ein Jahr dauern, bis wir mit dem Impfen durch sind.
Sie schätzen die Erfolgsaussichten der jetzt bekannt gewordenen Corona-Impfstoffe also so hoch ein wie es die Hersteller tun?
Dr. Thomas Voshaar: Ja, das zweifel ich nicht an. Natürlich verlief die Herstellung in Rekordzeit. Aber man muss hier eine Risiko- und Güterabwägung vornehmen. Die Welt steht unter Druck.
Lassen Sie sich impfen?
Dr. Thomas Voshaar: Natürlich.
Wann wird das Impfen die Pandemie beenden? Wann können wir wieder ohne AHA-Regeln leben?
Dr. Thomas Voshaar: Das wird noch länger dauern. Wir müssen bei der Impfquote mindestens über 50 Prozent liegen. Weihnachten 2021 könnte wieder wie früher verlaufen.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa | Marius Beck

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare