Notbremse hat gewirkt

Corona-Trendwende in den Niederlanden: Warum die Zahlen so schnell sinken

Wenige Wochen nachdem die Corona-Zahlen in den Niederlanden explodierten, hat sich die Lage wieder erheblich entspannt - und das ohne Lockdown. Wie ist das möglich?

Hamm - Mit einer Inzidenz über 400 entwickelten sich die Niederlande im Juli zum absoluten Corona-Hotspot in Europa. Nur Großbritannien toppte diesen Wert. Doch nur wenige Wochen später sind die Infektionszahlen im Nachbarland von Nordrhein-Westfalen wieder erheblich gesunken - und das ohne Lockdown. (News zum Coronavirus)

LandNiederlande
HauptstadtAmsterdam
Vorwahl+31
Bevölkerung17.474.693 (Stand: 1. Januar 2021)

Corona-Trendwende in den Niederlanden: Wie konnten die Zahlen so schnell sinken?

Die Szenen auf den niederländischen Straßen sind für Deutsche surreal: Dicht an dicht sitzen die Menschen in der Sonne, begrüßen sich mit einem Küsschen - keine Maske, kein Abstand. Und das alles bei einem Inzidenzwert, der in Deutschland wenige Monate zuvor für absolute Alarmbereitschaft gesorgt hatte.

Premier Mark Rutte hatte den Lockdown in den Niederlanden Ende Juni für beendet erklärt. Die Maßnahmen waren fast vollständig aufgehoben worden. Clubs und Diskotheken öffneten wieder, sogar Festivals konnten stattfinden.

Das blieb nicht ohne Folgen: In den Niederlanden waren die Corona-Zahlen explodiert. Mit einer Inzidenz von über 400 (Mitte Juli) wurden die Nachbarn für Deutschland zum Hochrisikogebiet. Wer zurückkam und nicht geimpft oder genesen war, musste in Quarantäne. Das ist mittlerweile Geschichte, trotzdem müssen Urlauber bei der Rückkehr aus den Niederlanden einige Regeln beachten.

Corona-Lage in den Niederlanden: Regierung gesteht „Einschätzungsfehler“ ein

Rutte und sein Gesundheitsminister Hugo de Jonge traten im Juli zerknirscht vor die TV-Kameras und entschuldigten sich. Sie hätten mit der Lockerung fast aller Corona-Maßnahmen Ende Juni einen „Einschätzungsfehler“ gemacht. Das war leicht untertrieben.

Ein Beispiel: Minister de Jonge hatte mit dem lockeren Slogan „Tanzen mit Janssen“ die Jugend ausdrücklich ermuntert, sich schnell impfen zu lassen: Am Morgen eine Dosis Janssen - der niederländische Namen für den Impfstoff von Johnson & Johnson - und dann am Abend zur Party. Da war der volle Impfschutz noch gar nicht gewährleistet. Mittlerweile geht man bei Johnson & Johnson in den Niederlanden von einer Frist von vier Wochen aus.

Corona-Zahlen in den Niederlanden explodieren - Regierung zieht Notbremse

Um der Lage wieder Herr zu werden, zog die Regierung die Notbremse. Clubs mussten wieder schließen, die Sperrstunde für die Gastronomie kehrte zurück. Auch Festivals waren wieder verboten.

Und das war der Hauptgrund für die Trendwende, analysiert das Institut für Gesundheit und Umwelt RIVM. Denn vor allem die jungen Leute in den Niederlanden hatten sich durch die gelockerten Corona-Regeln infiziert. Clubs, Discos und Studenten-Partys waren in fast 40 Prozent der Fälle die Quelle der Ansteckung. Durch die Notbremse sind die Infektionen laut der RIVM-Experten vor allem in der Altersgruppe von 18 bis 24 Jahren drastisch zurückgegangen.

Zuletzt wurden in den Niederlanden in einer Woche 21.000 Neuinfektionen registriert, 44 Prozent weniger als in der Vorwoche mit rund 37.000. Auch die Zahl der Covid-Patienten in Krankenhäusern stabilisiert sich. Mittlerweile sind Gaststätten nur noch für weniger als vier Prozent der Neuinfektionen verantwortlich.

Das Virus ist auf dem Rückzug, stellen die RIVM-Experten fest, obwohl es bei 92 Prozent der Infektionen um die Deltavariante geht. Die Reproduktionszahl liegt nun bei weniger als 0,7. Das heißt, dass 100 Menschen rechnerisch 70 anstecken können.

Impfkampagne in den Niederlande: Mehr als 85 Prozent einmal geimpft

Der zweite Grund für den rückläufigen Trend ist die gut verlaufende Impfkampagne. 21,3 Millionen Impfdosen wurden in den Niederlanden mit 17 Millionen Einwohnern bisher gespritzt. Etwa zwei Drittel der Erwachsenen ist völlig geimpft, und mehr als 85 Prozent haben zumindest eine Dosis erhalten.

Zum Vergleich: In Nordrhein-Westfalen haben bislang rund 66 Prozent der Einwohner eine erste Impfdosis erhalten. Etwas mehr als die Hälfte (56,7 Prozent, Stand 9. August) ist vollständig geimpft. Damit befindet sich das bevölkerungsreichste Bundesland knapp über Bundesdurchschnitt.

In den Niederlanden gibt es trotz positiver Entwicklung noch keine Entwarnung. Im Vergleich zu den Nachbarländern wie Deutschland sei die Zahl der positiven Tests noch zu hoch, sagt Ministerpräsident Rutte.

Am 13. August will die Regierung entscheiden, wie es weitergeht. Immer mehr Bürger wollen Klarheit. Eine Mehrheit sprach sich jetzt in einer Umfrage dafür aus, Maßnahmen nur vorsichtig zu lockern. Und jeder dritte will sogar erneut eine Maskenpflicht. (mit dpa-Material)

Rubriklistenbild: © Soeren Stache/dpa

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