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Corona wütet: Inzidenzen über 500 - warum die Zahlen in vielen Bundesländern explodieren

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Von: Kristina Köller

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Die Corona-Zahlen explodieren - besonders in drei Bundesländern. Das hat von niedriger Impfquote bis zu Kontakten in Innenräumen viele Gründe. Wie steht es um NRW?

Hamm - Die Corona-Lage wird in vielen Teilen Deutschlands wieder kritisch. Die Zahlen steigen, immer mehr Ungeimpfte infizieren sich - und auch Geimpfte kann es erwischen. In Nordrhein-Westfalen ist die Situation zwar bei weitem noch nicht so dramatisch wie etwa in Thüringen, Sachsen und Bayern. Doch auch im bevölkerungsreichsten Bundesland ist die 7-Tage-Inzidenz wieder dreistellig gestiegen. Das Robert Koch-Institut meldet am Samstag eine Inzidenz von 112,7 (Vortag: 106,8). (News zum Coronavirus)

Sars-CoV-2Medizinische Bezeichnung des Virus
Covid-19Bezeichnung für die durch das Virus ausgelöste Krankheit
Coronaviren/CoronaBezeichnung für eine Familie von Erregern. Es gibt unterschiedliche Corona-Stämme

Corona-Zahlen explodieren - in diesen Orten mehr als in NRW

Zum Vergleich: Mit der Inzidenz von 112,7 liegt NRW am Samstag noch weit unter dem Bundesdurchschnitt von 183,7. Besonders gravierend ist die Corona-Lage derzeit im Osten und Süden von Deutschland. In Thüringen, Sachsen und Bayern häufen sich die neuen Fälle wie nirgends sonst in der Republik. Die Inzidenzen liegt mit 406 etwa in Thüringen jetzt sogar über der 400er-Marke.

Petra Köpping, Gesundheitsministerin von Sachsen, weiß, dass insbesondere in ihrem Bundesland sowie in Thüringen und Bayern die Fallzahlen explodieren. „Das sind die drei Hotspots, die wir in Deutschland haben“, sagt sie. Die Deutschlandkarte des Robert Koch-Instituts beweist das. Sie leuchtet vor allem im Südosten dunkelrot - in einzelnen Landkreisen sogar schrill pink. Beispiele in Sachsen sind der Landkreis Görlitz mit einer Inzidenz über 500 sowie der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge mit fast 700.

Auch vielerorts in Bayern pendeln die Inzidenzen sich bei Werten weit über 600 ein - etwa in den Landkreisen Rottal-Inn, Dingolfing-Landau, Passau oder Berchtesgardener Land. Im Landesdurchschnitt liegt sie bei über 256.

Corona-Lage vor der Eskalation? Das sind die Gründe für steigende Zahlen

Doch was sind die Gründe für die extrem steigenden Corona-Zahlen in bestimmten Bundesländern? Die Gründe, die verschiedene Experten ausmachen, in der Kurzübersicht:

Für Experten ist eindeutig, warum die Corona-Zahlen mancherorts so extrem steigen. „Das korreliert ganz eindeutig mit dem Impfniveau“, sagt der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz, der vor allem die Lage in Sachsen analysiert.

Corona-Zahlen steigen: Impfquote ein entscheidender Faktor

Sachsen ist beim Impfen Schlusslicht: 56,9 Prozent der Bevölkerung waren Stand Donnerstag voll geimpft, im Vergleich zu 66,9 Prozent bundesweit. Thüringen lag mit 60,9 Prozent ebenfalls unterm Schnitt, ebenso wie Bayern mit 64,8 Prozent. Scholz kann den Zusammenhang bis ins Regionale herunterbrechen. In Sachsen gebe es Nachbarkreise, die strukturell ähnlich seien und sich nur durch die Impfquote unterschieden, sagt der Fachmann: Niedrige Impfquote bedeute höhere Infektionsraten.

Die Karte Deutschlandkarte leuchtet rot - die Corona-Inzidenzen steigen, Infektionszahlen explodieren vielerorts.
Die Karte Deutschlandkarte leuchtet rot - die Corona-Inzidenzen steigen, Infektionszahlen explodieren vielerorts. © Screenshot: Robert Koch-Institut

Aber das kann nicht die einzige Erklärung sein, denn auch Brandenburg hat eine schwache Impfrate von 60,8 Prozent, aber längst nicht so hohe Inzidenzen. Bei früheren Corona-Wellen wurde vermutet, dass der hohe Altersdurchschnitt in Sachsen und Thüringen eine Rolle spielen könnte. Die ländlichen Strukturen wurden angeführt, die engeren Familienbande, die gesellige Vereinskultur. Auch der Grenzverkehr zu Tschechien und Österreich könnte eine Rolle spielen, denn in den Nachbarländern ist die Corona-Lage noch schlimmer als in Deutschland. Thüringen aber liegt nicht an der Grenze.

Corona-Lage: Spätes Ferienende und Kontakt in Innenräumen befeuern die Zahlen

Das Erfurter Gesundheitsministerium sieht neben der niedrigen Impfquote vor allem zwei Gründe für die hohen Zahlen: die Häufung von Corona-Fällen in Kindergärten und Schulen und das späte Ende der Sommerferien. Neben Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg gehörte Thüringen zu den Bundesländern mit dem spätesten Ferienende. Die Inzidenzen bei den 6- bis 17-Jährigen lagen dort nach Angaben des Ministeriums in den letzten Wochen über 600. Drei Effekte könnten zusammenspielen: die späte Reiserückkehr, der Beginn der kalten Jahreszeit und der engere Kontakt in Innenräumen.

In Bayern ist vor allem das Grenzgebiet zu Österreich hart getroffen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte diese Woche, es gebe nicht nur ein bundesweites, sondern auch ein bayernweites Nord-Süd-Gefälle bei den Impfquoten. Allerdings: In Landkreisen mit besonders hohen Inzidenzen liegt die Impfquote teils über dem bayerischen Schnitt.

Corona-Zahlen explodieren: Diffuses Infektionsgeschehen

Rätselhaft bleibt oft auch für die Behörden, wo sich so viele Menschen mit Corona anstecken. „Das Infektionsgeschehen ist diffus“, heißt es schlicht aus dem Landratsamt im Hotspot Miesbach. Kontrollieren könne man das nicht mehr, die Zahlen stiegen exponentiell. Kontakte würden nicht mehr nachverfolgt, auch Quarantäne-Anordnungen nicht mehr überprüft.

Alles in allem müssen sich die Menschen in Bayern, Thüringen und Sachsen auf schärfere Regeln einstellen. Ist es auch für NRW und alle anderen Bundesländer ein bitterer Vorgeschmack auf den nächsten Pandemie-Winter? Die Gesundheitsminister von Bund und Länder beraten sich heute. Droht doch ein Lockdown?

Corona-Lage bald außer Kontrolle? Schärfere Regeln

So wollen Thüringen, Sachsen und Bayern mit verschärften Regeln das Ruder herumreißen. Von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer kam ein dringender Appell. „Wenn wir uns jetzt zu viel Zeit lassen, endet das im wie im vergangenen Jahr in einem Lockdown“, sagte der CDU-Politiker am Freitag im Deutschlandfunk.

Nachdem schon mehrere Kommunen in Südostbayern die Corona-Regeln regional verschärft hatten, zog die Staatsregierung am Mittwoch nach: Für Hotspots mit einer Inzidenz von mehr als 300 und einer Auslastung der Intensivstationen von 80 Prozent gelten ab dem Wochenende die schärfsten Regeln der Corona-Ampel im Freistaat. Vieles ist dann nur für Geimpfte und Genesene zugänglich. Ausgenommen sind aber Gastronomie und körpernahe Dienstleister wie Friseure, wo auch ein negativer PCR-Test reicht, sowie öffentlicher Nahverkehr und Handel. Bayernweit müssen Schüler nach den Herbstferien wieder Masken tragen.

Corona-Lage eskaliert: Sachsen und Thüringen ergreifen Maßnahmen

Sachsen und Thüringen versuchen ebenfalls, die Zügel zu straffen. Die thüringische Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) setzt auf Einschränkungen für Ungeimpfte, zumal sich auch die Lage in den Kliniken des Landes zuspitzt. In Pflegeheimen will sie die Testpflicht für Beschäftigte ausweiten. Bei den Kommunen pocht sie auf Umsetzung der Regeln in Warnstufe drei. Demnach dürfen nur noch Geimpfte, Genesene oder PCR-Getestete in Gaststätten.

Sachsen will ab Montag sogar durchgängig 2G: In Restaurants oder Veranstaltungen im Inneren dürfen dann nur noch Geimpfte und Genesene, ein Test reicht nicht. Das sei nicht unzumutbar, sagte Ministerpräsident Kretschmer in dem Radiointerview - vor allem im Vergleich zur kompletten Schließung von Geschäften und Restaurants.

Und was plant NRW in Sachen Maßnahmen oder sogar in Richtung Lockdown? Eine hitzige Debatte im Landtag drehte sich um den Wegfall der Maskenpflicht in NRW-Schulen, und doch wurde es auch allgemeiner. So sagte etwa der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion der Grünen, dass er davon ausgehe, in wenigen Wochen seien „deutlich einschneidende Corona-Schutzmaßnahmen“ nötig. Henning Höne, parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion, konterte, die Pandemie-Bekämpfung müsse treffsicherer und verhältnismäßiger werden - und nicht mit dem „Holzhammer“ in Form der absoluten Einschränkung von Grund und Freiheitsrechten durchgeführt werden.

Corona-Zahlen steigen rasant: Auch Geimpfte müssen aufpassen

Aber bringt etwa 2G die Wende? Epidemiologe Scholz warnt, dass auch Geimpfte sich nicht zu sicher fühlen sollten. Der Impfschutz nehme nach sechs Monaten deutlich ab, am schnellsten bei älteren Menschen. „Die geimpften Risikogruppen sind jetzt wieder gefährdet, da muss man aufpassen“, sagt der Leipziger Wissenschaftler.

Deshalb bräuchten Menschen über 70 Jahre jetzt dringend einen „Booster“, und auch für alle anderen sei eine solche Auffrischung sinnvoll. „Ich verstehe nicht so ganz, dass man da so lange zögert“, sagt Scholz. „Das ist jetzt wirklich höchste Eisenbahn.“ So sehr die Hoffnung auf der Booster-Impfung ruht, so klar ist auch: Nicht jeder kann sie derzeit schon bekommen. Wer sich jetzt schon eine Dosis abholen kann - und wer nicht. (mit dpa-Material)

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