Zu viel Bürokratie?

Impfarzt aus NRW geht auf Spahn los: „Diskussion lenkt von drei Problemen ab“

Hausärzte sollen bald auch mit Corona-Impfungen starten. Ein Arzt aus NRW kritisiert das Vorgehen von Minister Jens Spahn heftig. Es gebe zu viel Bürokratie.

Hamm - Bei den Corona-Impfungen wollen Bund und Länder jetzt (endlich) aufs Gaspedal drücken. Dabei helfen sollen neben den Impfzentren in den jeweiligen Kommunen ab April auch die Hausärzte, die dann in die Impfungen miteinbezogen werden. (News zum Coronavirus)

LandNordrhein-Westfalen
Fläche34.098 km²
Bevölkerung17,93 Millionen (2019)
HauptstadtDüsseldorf

Corona-Impfung beim Hausarzt: NRW-Impfarzt kritisiert Jens Spahn für zu viel Bürokratie

Ein Schritt, der längst überfällig ist. Allerdings wird zu viel über das Drumherum diskutiert, kritisiert Dr. Guido Pukies. Der Impfarzt aus Neuss in Nordrhein-Westfalen beanstandete im Interview auf WDR 5: „Da ist jemand, der sehr weit von dem weg ist, was in Deutschland jeden Tag passiert, und nicht mitkriegt, dass wir einfach mal riesige Mengen an Impfstoff erwarten und wir uns mal frei machen müssen von der Idee, wen wir alles nicht impfen können und man zu der Idee kommt: Wen kriegen wir alles geimpft.“

Der Hausarzt kritisiert damit vor allem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Dieser rede zu viel darüber, wie die Impfreihenfolge dann aussehen könnte. „Ich habe ein sehr hohes Vertrauen in die Ärztinnen und Ärzte, dass sie zuerst diejenigen Patienten impfen werden, die auch am meisten gefährdet sind“, sagte Jens Spahn am Mittwoch (10. März) im Morgenmagazin des ZDF. Priorisierung bei der Impfstoffvergabe sei weiterhin notwendig. „Menschenleben retten ist keine Bürokratie.“

Doch genau dahingehend kritisiert der Impfarzt aus NRW den Bundesgesundheitsminister. „Wir haben eine Riesen-Bürokratie“, bemängelte Guido Pukies. „In einem normalen Altenheim haben wir etwa fünf Aktenordner Paper nach einer Impfaktion. Darüber redet leider keiner. Alle gucken neidisch nach Israel: Die impfen, wir bürokratisieren das Ganze.“

Corona-Impfung beim Hausarzt: NRW-Arzt prangert drei große Probleme an

All die Diskussionen lenken jedoch von den „drei eigentlichen Problemen“ ab, „die wir haben“, bemängelte der Hausarzt. Er führte im Interview aus und nannte folgende Punkte:

  • „Wir haben eine Riesen-Bürokratie. In einem normalen Altenheim haben wir etwa fünf Aktenordner Papier nach einer Impfaktion. Darüber redet leider keiner. Alle gucken neidisch nach Israel: Die impfen, wir bürokratisieren das Ganze.“
  • „Dann bauen wir gerade eine ganze Achse der Verwaltung auf - eine staatliche Aktion. Das heißt, das läuft primär nicht über die kassenärztliche Vereinigung, sondern es werden ganz neue Bürokratie-Monster erfunden mit allen Kinderkrankheiten, die dazu gehören.“
  • „Der dritte große Punkt ist die Impf-Surveillance (Beobachtung bzw. Überwachung, Anm. d. Red.). Das klingt erst einmal gut. Herr Spahn möchte tagesaktuell wissen, wer geimpft wurde. Das hat in den Heimen schon große Probleme mit den Meldungen bereitet - und die hatten ja pro Heim nur zwei Termine. Wenn 50.000 Hausarztpraxen täglich nach Berlin funken sollen, wer geimpft wird über eine noch nicht vorhandene Software, gibt es große Probleme.“

Der Impfarzt aus NRW weist darauf hin, dass die Mitarbeiter in den Praxen der Hausärzte durchaus einschätzen können, wer wie und wann gegen Corona geimpft werden sollte. Die größte Last sei die damit verbundene Bürokratie.

„Das Problem ist, dass man von unserem Ankündigungsminister Herrn Spahn immer erst im Nachgang die Regelung erfährt - wie jetzt auch mit den Schnelltests“, sagte Guido Pukies. „Da wird gesagt, es wird ab März getestet - und dann treten plötzlich rückwirkend über nach neue Regelungen in Kraft.“

Impfarzt aus NRW bemängelt: Das ist den Patienten schwer zu vermitteln

Die Schwierigkeiten hätten dann nicht nur die Ärzte, sondern auch die Patienten. Denen sei schlichtweg nicht zu vermitteln, „dass wir immer noch nicht wissen, wann und wie wir Impfstoff bekommen und wie das Ganze ablaufen soll“, kritisierte der Neusser Impfarzt.

Dabei ist Eile gefordert. Der Corona-Impfstoff soll ab April für so viele Menschen kommen, dass die regionalen Impfzentren der Länder die Impfungen nicht mehr allein schaffen würden. Die bis zu 75.000 Praxen sollen dann den Großteil der Impfungen übernehmen.

Bund verspricht bei Corona-Impfung beim Hausarzt wenig Bürokratie

Bei einer Schalte der Fachminister am Mittwoch sollen genauere Weichen dafür gestellt werden, heißt es. Dabei soll es auch darum gehen, wie die erwarteten Dosen auf die Impfzentren und die Praxen verteilt werden. Wie am Vortag verlautete, soll der Corona-Impfstoff auf dem von anderen Impfstoffen bekannten Weg über Großhandel und Apotheken in die Praxen kommen.

Der bürokratische Aufwand für die Arztpraxen soll auf ein Minimum reduziert werden, heißt es. Die Impfzentren sollen vorerst bestehen bleiben. Vereinbarte Termine dort sollen erhalten bleiben. Laut der Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) kann die gesamte Bevölkerung durch Impfen in Praxen im August Impfschutz habe, wenn Impfstoff-Lieferungen wie erhofft eintreffen. (mit dpa-Material)

Rubriklistenbild: © Rolf Vennenbernd/dpa

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