Ernährung im Lockdown

Macht Corona fett? Gewichtszunahme in der Pandemie - Experten schlagen Alarm

Corona hat massive Auswirkungen auf unsere Ernährung - und aufs Gewicht, das zeigen verschiedene Studien. Experten schlagen Alarm.

Hamm - Macht Corona dick? Als Nebenwirkung einer Infektion mit dem Sars-CoV2-Virus ist eine Gewichtszunahme freilich nicht genannt. Und doch ist oft von Corona-Kilos die Rede, davon, dass es im Lockdown immer schwieriger wird, schlank zu bleiben. Wissenschaftliche Untersuchungen stützen die These: Homeoffice, Quarantäne, Social Distancing und Lockdown haben Auswirkungen auf das Gewicht. (News zum Coronavirus)

Übergewichtüber das Normalmaß hinausgehende Erhöhung des Körperfettanteils
IndexBMI - Body-Mass-Index
TypenAndroider Typ (Apfeltyp), Gynoider Typ (Birnentyp)

Macht Corona fett? Gewichtszunahme in der Pandemie - Experten schlagen Alarm

Dabei ist die Entwicklung des durchschnittlichen Körpergewichts in den Industrienationen längst ein Problemfall. Die OECD rechnete bereits vor Corona - im Jahr 2019 - damit, dass bis 2025 rund 2,7 Milliarden Menschen weltweit übergewichtig sein könnten, eine 1 Milliarde sogar von Adipositas betroffen. Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Bewegungseinschränkungen und Änderungen im Essverhalten könnten diese Entwicklung noch beschleunigen.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) beschreibt den Effekt in der Dezember-Ausgabe des Journal of Health Monitoring. Grundlage des Berichts ist die Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA 2019/2020-EHIS). Dahinter steckt eine bundesweite Befragung der Bevölkerung ab 15 Jahren, die zwischen April 2019 und September 2020 durchgeführt wurde. Die Analyse berücksichtige Indikatoren, bei denen pandemiebedingte Veränderungen anzunehmen waren, heißt es beim RKI.

Die Analyse der Studiendaten scheine „bestehende Befunde zur Entwicklung von Körpergewicht und BMI zu bestätigen“. Demnach hätten die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie zu Veränderungen im Alltag geführt, die sich möglicherweise auf eine Zunahme des Körpergewichts ausgewirkt haben. Unter anderem bezieht sich die GEDA-Studie auf eine Umfrage des Nahrungsergänzungsmittel-Herstellers „nu3“, wonach 24 Prozent der Befragten Ende April angaben, seit Beginn der Lockdown-Maßnahmen im März zugenommen zu haben. Mehr als jeder Zweite gab dabei an, zwischen ein und drei Kilo zugelegt zu haben.

Corona-Folgen: Gewichtszunahme bei 27 Prozent der Eltern

Zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage unter 1000 Eltern, die Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München im September 2020 durchgeführt haben. Die Hypothese: Die Covid-19-Pandemie wirkt sich auf die Essgewohnheiten von Kindern und ihren Familien aus - als Folge von Social Distancing und die Schließung von Schulen und Kitas aufgrund der hohen Corona-Zahlen.

Um die These zu überprüfen, entwickelten die Wissenschaftler eine Online-Umfrage mit 15 Fragen zum Essverhalten und zur Gesundheit in deutschen Familien während der Corona-Pandemie. Unterstützt wurden die LMU-Experten um den Leiter der Abteilung für Stoffwechsel und Ernährung für Kinder- und Jugendmedizin der Kinder- und Jugendpoliklinik an der LMU, Professor Berthold Koletzko, vom Forsa-Institut.

Übergewicht und Corona-Pandemie: Verändertes Essverhalten im Homeoffice

Befragt wurden 1000 Eltern im Alter zwischen 20 und 65 Jahren, bei denen mindestens ein Kind bis zum Alter von 14 Jahren im gleichen Haushalt lebt. Umfragezeitraum war vom 11. bis 16. September 2020, also einige Monate nach dem ersten und vor dem zweiten Lockdown. Auch Geschlecht, Alter, Einkommen, Familienstand und Schulbildung spielten bei der Datenerhebung eine Rolle.

Die Forscher wollten wissen: Wie hatten sich Essverhalten und Gesundheit in den sechs Monaten seit Pandemie-Beginn verändert? Eine Rolle spielten Homeoffice und Home-Schooling, geschlossene Schulen und Kitas, fehlende Sportmöglichkeiten in Vereinen und Sporteinrichtungen. Fast zwei Drittel der Teilnehmer an der Umfrage arbeiteten im Homeoffice, davon die Hälfte ausschließlich. Der Anteil der Eltern im Homeoffice nahm zu, je höher der Bildungsabschluss und das Einkommen waren.

Ernährung im Corona-Lockdown: Viele kochen häufiger selbst

Ein erstes Ergebnis der Studie scheint positiv. So berichteten 14 Prozent der Befragten, sich während der Monate seit Beginn der Pandemie gesünder ernährt und häufiger selbst gekocht zu haben (30 Prozent). Lieferdienste hatte etwa jede zehnte Familie häufiger in Anspruch genommen; genauso erklärte aber etwas mehr als jeder Zehnte, seltener Essen bestellt zu haben. Der Effekt dürfte sich also annähernd aufgehoben haben. 14 Prozent gaben außerdem an, mehr Obst und Gemüse und weniger Fleisch (13 Prozent) zu essen. Jede fünfte Familie bestätigte aber auch, mehr Süßigkeiten, salzige Snacks und Softdrinks zu konsumieren.

Bei der Frage nach der Auswirkung des geänderten Ess- und Sozialverhalten auf das Körpergewicht wird der Zusammenhang zwischen Pandemie und Übergewicht deutlich: 27 Prozent der Eltern - Mütter und Väter gleichermaßen - gaben an, an Gewicht zugelegt zu haben. Einen Zusammenhang mit dem Einkommen der Familien oder dem Alter der Kinder konnten die Wissenschaftler hier nicht feststellen.

Gewichtszunahme in der Corona-Pandemie: Kinder bewegen sich weniger

Anders bei den Kindern: Fast jedes zehnte (9 Prozent) hatte seit Beginn der coronabedingten Einschränkungen zugenommen. Und der Anteil ist deutlich höher bei Kindern, deren Eltern einen niedrigeren Schulabschluss haben: Hier liegt er bei 23 Prozent. Auffällig ist: Bei kleinen Kindern (vor Einschulung) hat sich die Pandemie offenbar weit weniger auf das Körpergewicht ausgewirkt. Dagegen nahmen vor bei Kindern im Alter von zehn bis zwölf Jahren jedes fünfte zu - Jungs (24 Prozent) häufiger als Mädchen (13 Prozent).

38 Prozent der Eltern berichteten, dass sich ihre Kinder weniger bewegten. Auch hier war der Anteil bei Kindern über zehn Jahren höher, berichtet die Deutsche Apothekerzeitung (DAZ). Das Ausmaß der Gewichtszunahme zu erfragen, hätte die Möglichkeiten der gewählten Methode an die Grenzen gebracht, erklärte Studienleiter Berthold Koletzko der DAZ.

Das Fazit der LMU-Wissenschaftler: Beim Gewicht geht die soziale Schere auseinander. Familien mit höherem Bildungsabschluss, höherem Einkommen und Homeoffice sind weniger stark von coronabedingter Gewichtszunahme betroffen. Bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien sei das Risiko einer Gewichtszunahme in Pandemie-Zeiten zweieinhalb Mal höher, damit verbunden auch das Risiko, sich schlechter zu ernähren und sich weniger zu bewegen.

Klaus-Michael Braumann, Sportmediziner von der Hamburger Universität, warnt: „Gerade Übergewichtige zählen zu denjenigen, die oft die härtesten Krankheitsverläufe haben.“ Durchschnittlich 5,6 Kilogramm haben die Deutschen in der Pandemie zugenommen, wie 24hamburg.de berichtet.*

Der Ausweg scheint einfach - ist er aber für die meisten Betroffenen nicht. Professionelle Hilfe bei Übergewicht bieten Selbsthilfegruppen, aber auch Beratungsstellen und Kliniken. Die Adipositas Selbsthilfe Interessengemeinschaft führt auf ihrer Internetseite https://adipositas-selbsthilfe.com eine große Datenbank an Kliniken, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen für Betroffene.

Der Lockdown in NRW wird fortgesetzt - doch die Corona-Regeln sind nicht mehr so streng. Es gibt erste Öffnungsschritte. Doch die Zahlen in Deutschland weisen wieder nach oben. - *24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Jan-Peter Kasper/dpa

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