Justus Moor aus Hamm

Wahlkampf-Experte der SPD: „Die FDP steht uns näher als Armin Laschet“

Justus Moor aus Hamm soll Vorsitzender der SPD-Fraktionen im Ruhrgebiet werden. Der Wahlkampf-Experte spricht auch über die Chancen bei der Bundestagswahl 2020.

Hamm – Es sind keine 100 Tage mehr bis zur Bundestagswahl, doch die SPD verharrt im Umfragetief. Die Genossen benötigen einen starken Wahlkampf. Wie das geht, weiß Justus Moor.

Der 34 Jahre alte Sozialdemokrat hat bereits mehrere erfolgreiche Kampagnen initiiert. Mit den Genossen in Berlin stand und steht er im Austausch - auch mit Blick auf die Bundestagswahl 2021. Am Freitag soll der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Rathaus der Stadt Hamm Vorsitzender der SPD-Fraktionen im Ruhrgebiet werden. Mit ihm sprach Alexander Schäfer.

Ist die SPD noch zu retten?
Justus Moor: Wir sind gar nicht rettungsbedürftig.
In den Umfragen steht die SPD bei 15 Prozent.
Justus Moor: Ja, im Moment sieht es nicht gut aus. Wir sind aber weiter die größte Partei in Deutschland. Wir regieren in den meisten Bundesländern und im Bund. Ein Auf und Ab gibt es immer.
In den Umfragen ging es seit der letzten Bundestagswahl mehr ab- als aufwärts.
Justus Moor: Ich bin ziemlich sicher, dass es wieder besser wird. Wir haben seit Jahren Vertrauensverluste erlebt, bei jeder großen Koalition in Berlin mehr. Es gab aber auch gegenteilige Entwicklungen, zum Beispiel bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz und in mehreren Städten in NRW. Mit den richtigen Themen und Personen wird es wieder aufwärts gehen.
Justus Moor, SPD-Fraktionschef aus Hamm, soll Sprecher der Fraktionen im Ruhrgebiet werden.

SPD-Wahlkampf-Experte Justus Moor: Umfragewerten glaube ich erst am Wahltag

Was macht die in Hamm erfolgreiche SPD anders als die Genossen in Berlin?
Justus Moor: Dort, wo man näher dran ist, kennt man die Probleme und echten Sorgen der Menschen besser. Wir müssen nicht die großen Debatten von den Feuilleton-Seiten führen. Was dort steht, ist nicht das Entscheidende. Wir müssen für die Familien, für die Menschen da sein, die in der Corona-Pandemie besonders belastet sind, die nicht wissen, ob das Geld trotz Arbeit für die Miete reicht, die nicht wissen, wie hoch ihre Rente sein wird, wie die Großeltern gepflegt werden und die Kinder zur Kita kommen.
Die SPD steht also für soziale Gerechtigkeit. Das ist weder neu, noch steigert es die Umfragewerte.
Justus Moor: Ich glaube Umfragewerten erst am Wahltag. Das ist eine Erfahrung hier aus Hamm und aus anderen Bundesländern. Beispiel Hamburg: Da waren die Grünen kurz davor den Posten des Ersten Bürgermeisters zu übernehmen, aber am Ende lag die SPD vorne. Ja, soziale Gerechtigkeit ist ein Evergreen, und manchmal vergisst man alte Lieder. Aber wenn man sie dann noch einmal hört, kann man lauthals mitsingen. Die SPD sind die Beatles.

Ideen der SPD vor Bundestagswahl 2021 noch nicht bekannt: „Dafür ist der Wahlkampf die richtige Zeit“

Bei Beatles denke ich an yesterday...
Justus Moor: Und ich an „Here comes the sun“ – mit Mut und Zuversicht die Zukunft positiv gestalten. Während die einen die Klimakatastrophe voraussagen und die anderen die Rente mit 68 oder noch älter planen, blicken wir mutig nach vorne. Die Zukunft wird digital und klimaneutral. Wir sorgen dabei für das, was gestern schon wichtig war, nämlich soziale Sicherheit.
Was würden Sie anders machen, wenn Sie Generalsekretär der SPD wären?
Justus Moor: Lars Klingbeil macht seine Arbeit gut. Er lebt nicht in einem Wolkenkuckucksheim, sondern treibt Themen wie Mindestlohn oder Gesundheitsvorsorge voran. Wir haben momentan das Problem, dass unsere Ideen nicht bekannt genug sind. Dafür ist der Wahlkampf die richtige Zeit. Wir müssen unsere Ideen so konkret wie möglich zeigen. Dass wir das in Wahlkämpfen können, haben wir in Hamm bewiesen.

Bundestagswahl 2021: SPD-Wahlkampf-Experte über eine 4-Tage-Arbeitswoche

Wie kann die SPD den Trend drehen?
Justus Moor: Wir müssen einen Punkt setzen, mit dem wir die Diskussion im Land bestimmen. Eine 4-Tage-Arbeitswoche wäre solch ein Thema. Natürlich würde das kontrovers diskutiert, und wir würden Gegenwind bekommen. Aber die Menschen würden neue Freiheiten gewinnen. Und dafür sind wir doch da.
Kann man Olaf Scholz „sexy“ machen?
Justus Moor: Die Menschen wählen Politiker nicht, weil diese sexy sind. Es wird suggeriert, dass die Menschen im Herbst nur die Wahl haben zwischen Armin Laschet, den Teile der eigenen Partei nicht wollen, und Annalena Baerbock, die über keinerlei Regierungserfahrung verfügt. Olaf Scholz ist mit seiner Erfahrung als Bürgermeister von Hamburg und Vizekanzler die sichere Alternative.
Diese Botschaft scheint bislang nicht angekommen zu sein. Kommt da noch was?
Justus Moor: Natürlich. Noch hängen keine Plakate, noch gibt es keinen Wahlkampf von Tür zu Tür. Die SPD ist dann gut, wenn sie mit den Menschen ins Gespräch kommt. Im Moment wird alles durch Social Media und die klassischen Medien gefiltert. Die SPD wird da ein Stück weit klein gemacht.
Die SPD und Kanzlerkandidat Olaf Scholz (2.v.r.) sei Christian Lindner (hinten) und der FDP näher als CDU-Chef Armin Laschet.
FDP-Chef Christian Lindner soll intern ausgeschlossen haben, dass seine Partei Annalena Baerbock zur Kanzlerin wählt. Sollte die SPD ausschließen, Armin Laschet zu wählen?
Justus Moor: In einer Demokratie sollte man bis auf den rechten Rand nichts ausschließen. In Hamm waren wir in einer großen Koalition erfolgreich und führen jetzt eine Ampel-Koalition an. Wie die Stadt Hamm braucht Deutschland einen Aufbruch. Den sehe ich mit der CDU nicht. Was den Zukunftsgedanken betrifft, stehen uns die Grünen, aber auch Christian Lindner und die FDP näher als Armin Laschet.
Wie viele Prozentpunkte sind im September für die SPD drin?
Justus Moor: Mehr als 20. Auf jeden Fall.

Rubriklistenbild: © Robert Szkudlarek

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