Recycling-Anlage in Bönen zerstört / Nachtruhe mit zwei Löschzügen / Video online

Verheerendes Feuer im Kreis Unna: Zahl der Verletzten weiter gestiegen

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Die Werler Feuerwehr machte eindrucksvolle Aufnahmen mit der Drohnenkamera

[Update 17.59 Uhr] Bönen - Es ist der größte Brand im Kreis Unna seit Jahrzehnten: Direkt neben der Autobahn wurden in Bönen vier Lagerhallen der GWA-Recyclinganlage von Flammen zerstört. Die Löscharbeiten gingen in der Nacht weiter und dauern an. Seit dem frühen Sonntagmorgen ist die A2 wieder frei. Es droht aber eine weitere Autobahn-Sperrung.

  • Hunderte von Feuerwehrleuten aus der Region seit Samstagmorgen im Industriegebiet Bönen im Einsatz
  • Der Brand ist unter Kontrolle, die Löscharbeiten dauern an
  • Vier von fünf Hallen der GWA (Gesellschaft für Wertstoff- und Abfallwirtschaft Kreis Unna mbH) zerstört, Schaden in Millionenhöhe
  • Keine Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung
  • Autobahn 2 ist vorerst wieder frei
  • Inzwischen neun Feuerwehrleute leicht verletzt

Was am Samstag zunächst nach einem harmlosen Schwelbrand aussah, entwickelte sich wegen der Hitze, der trockenen Witterung und des starken Windes zu einer Feuerhölle, gegen die seit Samstagmorgen Hunderte von Einsatzkräften aus der gesamten Region ankämpfen. Mit einem Ende des Einsatzes wird derzeit nicht vor Montag gerechnet.

Großbrand in GWA-Anlage in Bönen - Der Sonntag in Bildern

GWA-Anlage in Bönen steht in Flammen

Luftbilder vom verheerenden Brand in Bönen

Die aktuelle Lage am Sonntagabend

Gegen 17 Uhr sind die letzten Einheiten aus dem Regierungsbezirk Detmold abgezogen.  Mehrere Löschzüge aus dem Kreis Unna haben die Ablösung übernommen, wobei die Anzahl der Einsatzkräfte (inklusive THW und DRK) auf etwa 130 bis 150 Personen reduziert werden konnte. 

"Bis etwa 22 Uhr werden heute parallel die Lösch- und Räumarbeiten weitergeführt. Die jeweiligen Abschnittsleiter sind zuversichtlich, dass bis dahin die Hallen 1 und 4 mit Hilfe von Radladern und Baggern komplett geräumt werden können, so dass hier noch im Laufe des Abends 'Feuer aus' gemeldet werden kann", teilte die Feuerwehr Bönen mit.

Nachtruhe am Brandort bis 6 Uhr geplant

"Ab 22 Uhr wird Nachtruhe eingelegt, um dann morgen früh um 6 die weiteren Abriss-, Räum- und Löscharbeiten wieder aufzunehmen. Ab 22 Uhr wird die Personalstärke auf zwei Löschzüge reduziert, die als Brandwache über Nacht vor Ort bleiben. Im Verlauf des heutigen Tages haben sich zwei weitere Einsatzkräfte leicht verletzt, so dass die Zahl der leicht Verletzten auf insgesamt neun angestiegen ist", hieß es weiter.

Die bestehende Bevölkerungswarnung bliebe indes auch weiterhin in Kraft, da im Zuge der Arbeiten immer wieder mit verstärkter Rauchentwicklung zu rechnen sei.

Am Nachmittag waren keinen offenen Flammen mehr zu sehen. Vielmehr ging es darum, mit großen Radladern und anderem technischen Gerät in die Hallen zu fahren und das Material auf der Suche nach versteckten Glutnestern so weit wie möglich auseinander zu ziehen und weiter abzulöschen bzw. herunterzukühlen.

Die entsprechenden Fahrer dieser Fahrzeuge arbeiten aus Sicherheitsgründen unter Atemschutz. Unterdessen setzten Wehrleute aus Dortmund und Lünen die Hallen weiter von oben unter Wasser.

Eine Spezialfirma aus Hagen hatte damit begonnen, die kleinen "Seen" mit kontaminiertem Löschwaser abzupumpen, die sich auf dem Gelände gebildet hatten.

Das Feuer war am Sonntagmorgen nach dem Nachteinsatz von 200 Kräften unter Kontrolle, die Rauchentwicklung hatte bereits stark nachgelassen. Aber noch ist nicht "Feuer aus" gemeldet. Das wird nach Einschätzung von Uwe Hasche, Sprecher der Feuerwehr Bönen, auch noch Stunden dauern. "Die Lage sieht allerdings nicht mehr so bedohlich aus wie am Samstag", so Hasche nach einer kurzen Nacht.

Seit Sonntag, 7.34 Uhr, ist der Brand offiziell keine Großlage mehr. Das heißt, dass die Einsatzleitung von der Kreisebene zurück zur Feuerwehr Bönen gewechselt ist. Im Laufe des Tages soll die Zahl der Feuerwehrleute Stück für Stück reduziert werden.

Mittlerweile rückt neben der reinen Brandbekämpfung auch die Frage nach der Sicherheit der Einsatzkräfte stärker in den Fokus, denn die ausgebrannten Lagerhallen sind überwiegend eingestürzt.

Die Feuerwehrleute kämpfen sich langsam vor. Das Problem: Der Plastikmüll ist geschmolzen und an der Oberfläche verkrustet. Darunter kokelt es aber weiter. Die Einsatzkräfte müssen die Haufen auseinanderreißen, um das Feuer bekämpfen zu können.

Hilfe aus weiten Teilen von NRW

In der Nacht hatte die mobile Führungsunterstützung aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein die Leitung übernommen. Am Sonntagvormittag lösten Einsatzkräfte aus dem Regierungsbezirk Detmold die Wehrleute aus Warendorf und dem Kreis Coesfeld ab. 

Rettungsfahrzeuge aus Harsewinkel, Rheda-Wiedenbrück, Kalletal, Oerlinghausen, Schlangen und Schloss Holte-Stukenbrock rollten an, um bei der nächsten Schicht zu helfen. Gegen Mittag übernahmen die Bönener Wehrleute wieder das Kommando, ehe nachmittags zur Unterstützung neue Kräfte aus Lünen kamen. 

Abends sollten dann Rettungskrägte aus Bochum folgen. Das alles lief buchstäblich nach Plan ab. Denn für derartige Großlagen gibt es längst landesweite Einsatzpläne. Das gilt auch für das Deutsche Rote Kreuz. Das DRK Bönen bekam Unterstützung von ebenfalls ehrenamtlichen Kräften aus dem gesamten Kreis Unna, um die Wehrleute medizinisch zu versorgen und zu verpflegen. 

„Wir waren in der Spitze mit 67 Leuten vor Ort, auch immer der jeweils leitende Notarzt“, berichtet Timo Beckschäfer. Der Bönener koordinierte vor Ort die Einsätze und den Nachschub an Verpflegung. Ansonsten lief auch bei den Rotkreuzlern alles nach vorgegebenen Plänen. Zur Hilfe kam am Sonntagmittag zum Beispiel ein Rot-Kreuz-Zug aus Rheda-Wiedenbrück.

A2 ist wieder frei - vorerst

Die A2 wurde am Samstag wegen der starken Rauchentwicklung zwischen dem Kamener Kreuz und der Anschlussstelle Rhynern in beide Richtungen voll gesperrt. Der Verkehr wurde umgeleitet, kilometerlange Staus waren die Folge. Die Sperrung ist wieder aufgehoben. Seit Sonntagfrüh, 5.20 Uhr, gilt: freie Fahrt.

Die A2 war über viele Stunden gesperrt

Einer Polizeisprecherin zufolge könnte die Strecke aber im Laufe des Tages wieder gesperrt werden, weil Bagger am Brandort eingesetzt werden sollen. Durch die Arbeiten könnte es wieder vermehrt rauchen, das könnte die Sicht der Autofahrer erneut behindern.

Was ist am Samstag passiert?

Alarmiert worden war die gesamte Feuerwehr Bönen am Samstag um 9.14 Uhr wegen einer unklaren Rauchentwicklung zur Industriestraße. Vor Ort war der Brandherd zunächst nicht auszumachen und mithilfe eines Radladers wurde das Schreddergut auseinandergeschoben. Dadurch kam Luft an den Schwelbrand, der sofort durchzündete. Innerhalb von Sekunden stand die gesamte Halle 4 in Vollbrand. Die schwarze Rauchsäule war viele Kilometer weit zu sehen.

Das Feuer breitete sich sehr schnell aus. 

Die gelagerten Materialien seien "staubtrocken" gewesen, hieß es. Zudem hätten viele geschredderte, leicht entflammbare Kunststofffolien die Löscharbeiten erschwert. Das Wertstoffunternehmen habe überwiegend zerkleinertes Folienmaterial gelagert, das wie Zunder brenne. "Das ist uns zum Verhängnis geworden, zusammen mit dem starken Ostwind", sagte Bönens Feuerwehrsprecher Uwe Hasche.

Die zeitweise bestehende Hoffnung der Feuerwehrleute, dass die Brandschutzwand halten würde, erfüllte sich nicht. Trotz umfangreichem Personaleinsatz griff das Feuer um 11.55 Uhr über. Schnell standen auch die Hallen 3, 2 und 1 in Vollbrand. Um 12.10 Uhr wurde die Großlage ausgerufen. Die Einsatzleitung ging von der Feuerwehr Bönen auf den Kreis über.

Bereits am Samstagnachmittag waren die Flammen in den ersten drei Hallen zwar gelöscht, der böige Wind fachte die Glutnester jedoch immer wieder an. Überall flackerte Feuer auf. Vor allem das brennende Buschwerk im Bereich der Halle 1 hielt die Feuerwehr lange in Atem.

Hunderte von Feuerwehrleuten waren und sind im Einsatz

Auch im zur Autobahn hin liegenden Gebäudeteil brannte es am Samstagabend noch, weshalb die Autobahnpolizei die Sperrung der A2 die Nacht über aufrecht hielt.

Lange drohten die Flammen auf die benachbarte Firma "Medizintechnik Schmitz & Söhne" überzugreifen. Die Feuerwehr Lünen sptitzte daher Wasser in die Luft, wodurch eine Art Wasserwand zwischen Flammen und dem Nachbargebäude enstand. „Dort ist es nicht mehr so dramatisch“, sagte Feuerwehrsprecher Dietmar Kalteich bereits am Samstagabend. Am Abend ging die Feuerwehr dazu über, mit Schaummittel zu operieren. Die Maßnahme zeigte deutliche Wirkung.

"In meinen 35 Jahren als Feuerwehrmann habe ich eine solche Dimension und eine Brandausbreitung in einer derartigen Geschwindigkeit nie erlebt", sagte Bönens Feuerwehrsprecher Uwe Hasche am Sonntag.

Wer ist im Einsatz?

Einsatzkräfte aus dem gesamten Regierungsbezirk Arnsberg sind vor Ort. Sie haben am Samstagabend die heimischen Feuerwehrkräfte größtenteils abgelöst. Die waren durch die Arbeiten in der prallen Sonne ausgezehrt. Insgesamt wurde laut Hasche über den Samstag das Personal dreimal komplett ausgetauscht.

Die Feuerwehrleute arbeiteten bis zur Erschöpfung.

Mehr als 200 Kräfte aus Bönen, Bergkamen, Kamen, Unna, Fröndenberg, Hamm, Lünen, Soest, Werl, Hagen, Soest, Dortmund, dem Märkischen Kreis (etwa 75 Einsatzkräfte aus Altena, Iserlohn, Plettenberg und Balve) und Coesfeld waren zunächst beteiligt. Hinzu kam die Bayer-Werksfeuerwehr (Bergkamen). Die Feuerwehr Werl überflog die Brandstelle mit einer Drohnenkamera. Messwagen sind aus dem ganzen Regierungsbezirk zusammengezogen worden. Am Sonntag kamen frische Einsatzkräfte aus dem Regierungsbezirk Detmold hinzu.

Zudem waren und sind zahlreiche Kräfte des DRK sowie des THW (Dortmund, Werne, Kamen und Iserlohn) im Einsatz.

Vor Ort war am Samstag auch der Feuerschutz-Dezernent der Bezirksregierung, Thorsten Meyer (Hamm). Er hatte die Koordination der nachrückenden Kräfte übernommen. In der Nacht übernahm die mobile Führungsunterstützung aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein sowie der stellvertretende Kreisbrandmeister Jörg Sommer die Einsatzleitung.

Zudem war ein Panther im Einsatz, mit dem am Flughafen Dortmund Brände gelöscht werden. Dieser war eigentlich beim Tag der offenen Tür der Feuerwehr Kamen-Heeren und hatte seine Hilfe bei der Wasserversorgung angeboten.

Die dichte Rauchwolke ist auch auf dem Bönener Wochenmarkt zu sehen.

Gibt es Verletzte?

Ja. Keine GWA-Mitarbeiter, allerdings haben sich sieben Feuerwehrleute leichte Verletzungen zugezogen. Für fünf von ihnen war nach einer medizinischen Betreuung vor Ort keine weitere Behandlung erforderlich. Zwei Feuerwehrleute kamen vorsorglich ins Krankenhaus.

Sicherheitshalber waren die Anwohner dazu aufgefordert worden, ihre Fenster und Türen geschlossen zu halten. Erste Luftmessungen haben ergeben, dass diese Maßnahmen ausreichen.

Die dichten Rauchwolken waren sogar in Hamm und in Werne zu sehen. Der Rauch zog laut Landesleitstelle Richtung Westen, nach Kamen und Bergkamen. Auch aus Recklinghausen kam der Hinweis etwa für Castrop-Rauxel und Datteln, Fenster und Türen geschlossen zu halten. In Dortmund meldete die Polizei, eine Geruchsbelästigung im nordöstlichen Stadtgebiet sei möglich. Schutzmaßnahmen seien aber nicht erforderlich.

Die Einsatzleitung hatte zunächst eine offizielle Rauchgaswarnung für die Bevökerung herauszugeben. Sie ist mittlerweile aufgehoben. Laut Uwe Hasche, Pressesprecher der Feuerwehr Bönen, haben Messungen im weiten Umfeld zwar keine besorgniserregenden Werte gegeben, doch: "Brandrauch ist nicht gesund."

Rauchschwaden ziehen über die gesperrte A2

War der Rauch gefährlich?

Das NRW-Landesamt für Umwelt sah nach Messungen an mehreren Stellen keine Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung. Es seien auch bei den Messungen der Feuerwehren keine kritischen Werte oder gesundheitsgefährdenden Stoffe festgestellt worden, erläuterte ein Sprecher.

Dennoch hielt die Feuerwehr ihre Warnung zunächst auch am Sonntag aufrecht, Fenster und Türen zu schließen. "Brandrauch einzuatmen, ist ungesund", betonte Hasche. Wo eine Belästigung durch Rauch oder Geruch bestehe, sollten die Menschen vorsorglich Fenster und Türen geschlossen halten.

Wie hoch ist der Schaden?

Es gibt zu diesem Zeitpunkt keine seriösen Schätzungen zur Schadenshöhe. Sie geht aber in die Millionen. Für die GWA bedeutet der Brand wirtschaftlichen Totalschaden, wie Geschäftsführer Andreas Gerard in einer Pressekonferenz am Samstagnachmittag sagte. Schon am Sonntag will er in die Aufbauplanung einsteigen. Eigentlich sollte am Samstagabend eine interne GWA-Feier zum 25-jährigen Bestehen stattfinden.

Auf die Abfuhr des Sperrmülls hat der Brand keine Auswirkungen. In Bönen war lediglich der Aufbereitungsbetrieb beheimatet. Die Sammelstücke werden nun zu anderen Standorten gebracht.

Ein Panther wurde vom Dortmunder Flughafen angefordert.

Hoher Schaden entstand am Teleskopmast der Freiwilligen Feuerwehr Bergkamen. Als die Halle 4 durchzündete, wurde das Fahrzeug der Einheit Oberaden schwer beschädigt. Der Schaden beläuft sich nach ersten Schätzungen auf 350.000 Euro. 

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