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Tierquälerei-Verdacht in NRW: Vergessene und tote Hühner in Legehennenbetrieb

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Von: Kristina Köller

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Schockierende Bilder aus einem Legehennenbetrieb in Billerbeck (NRW): Hühner, die entkräftet zwischen Kadavern auf dem Boden kauern. Die Staatsanwaltschaft Münster ermittelt.

Billerbeck - Die Staatsanwaltschaft Münster ermittelt in einem Fall möglicher Tierquälerei, nachdem Tierschützer einen schockierenden Fund in Billerbeck (Kreis Coesfeld, NRW) gemacht hatten. Undercover-Aufnahmen aus einem Legehennenbetrieb zogen bereits weite Kreise. Denn nicht nur die mangelhaften Hygiene-Zustände und die Käfighaltung sorgen für scharfe Kritik. Sondern auch, dass zwischen entkräfteten zurückgelassenen Hühnern tote Tiere lagen.

StadtBillerbeck
KreisCoesfeld
Bevölkerung11.538 (31. Dezember 2020)

Billerbeck (NRW): Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Hühnerhalter im Kreis Coesfeld

Bereits im September 2021 hatten Verantwortliche offenbar beim Abtransport zum Schlachthof „mehrere dutzende Tiere“ übersehen und in einer Halle des Legehennenbetriebs zurückgelassen, heißt es in einer Pressemitteilung des Vereins Deutsches Tierschutzbüro aus Berlin. Somit hätten die Tiere weder ausreichenden Zugang zu Wasser noch zu Futter gehabt. „Die Aufnahmen zeigen tote Hühner auf dem Stallboden“, zeigt Jan Peifer, Vorstandsvorsitzender vom Deutschen Tierschutzbüro, auf. Diese Aufnahmen entstanden offenbar, als Peifer zusammen mit dem aus dem Fernsehen bekannten Hundetrainer Martin Rütter im Rahmen der Sendung „Der Hundeprofi unterwegs“ (VOX) abends und undercover die Stallanlage aufsuchte. Veröffentlicht wurden sie erstmals im Dezember 2021.

Der Verein Deutsches Tierschutzbüro berichtet weiter, dass die Tiere mindestens eine Woche von Ende September bis Anfang Oktober sich selbst überlassen worden seien. Den Schilderungen zufolge ist den Tierschützern ein Huhn besonders in Erinnerung geblieben. „Eine Henne, die aus lauter Verzweiflung aus einer kleinen Wasserpfütze in der Halle getrunken hat. Um sie herum lagen bereits verstorbene Tiere. Auch sie war so geschwächt, dass sie zu verdursten drohte. Kurzerhand wurde das Huhn mitgenommen und auf den Namen Frieda getauft. Frieda wurde aufgepäppelt und lebt jetzt auf einem Lebenshof in Sicherheit. Neben Frieda sind auch noch weitere Hühner aus dieser Notlage gerettet worden“, heißt es in der Pressemitteilung.

Billerbeck (NRW): Staatsanwalt Martin Botzenhardt bestätigt Ermittlungen

Ein gerettetes Huhn bekam von den Tierschützern den Namen Frieda, eine wärmende Decke und ein neues Zuhause.
Ein gerettetes Huhn bekam von den Tierschützern den Namen Frieda, eine wärmende Decke und ein neues Zuhause. © Deutsches Tierschutzbüro e.V.

Die Tierrechtler hätten unmittelbar, nachdem sie die Tiere vorfanden, das zuständige Veterinäramt informiert. Das Amt habe auch schnell reagiert, nur wenige Stunden später eine Kontrolle durchgeführt und den Missstand beendet. Auch die Ruhr Nachrichten berichteten im Dezember darüber - unter Berufung auf den Kreisveterinärdirektor Dr. Markus Nieters, der demnach seinerzeit sagte „Wir haben 20 bis 30 Hühner gefunden, die sich zehn Tage nach der Ausstallung noch dort befanden. Das ist nicht gut und nicht in Ordnung.“ Hinweise auf Verhungern habe man allerdings nicht festgestellt.

Das Deutsche Tierschutzbüro erstattete der Mitteilung zufolge Strafanzeige bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Münster. Das bestätigte deren Sprecher, Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt, am Donnerstag im Gespräch mit unserer Redaktion. Demnach dauern die Ermittlungen zu dem Fall (AZ 540 Js 4927/21) an. Eine Prognose, ob die Verantwortlichen Konsequenzen zu erwarten hätten, könne laut Botzenhardt derzeit nicht abgegeben werden.

Hühner in Käfighaltung (sogenannte Kleingruppenhaltung) in Billerbeck/Kreis Coesfeld. Das Deutsche Tierschutzbüro hat Strafanzeige erstattet.
Hühner in Käfighaltung (sogenannte Kleingruppenhaltung) in Billerbeck/Kreis Coesfeld. Das Deutsche Tierschutzbüro hat Strafanzeige erstattet. © Deutsches Tierschutzbüro e.V.

Billerbeck (NRW): Hühner in Käfighaltung - Tierschützer üben scharfe Kritik

Der Verein Deutsches Tierschutzbüro berichtet unterdessen auch von den unhaltbaren Zuständen, die offenbar in dem Betrieb herrschten. Tiere seien in engen Käfigen und ohne Tageslicht zusammengepfercht gewesen. Es handle sich um eine der letzten Käfighaltungen von Hühnern in Deutschland - um sogenannte Kleingruppenhaltung.

„In dem Betrieb werden rund 100.000 Tiere verteilt auf drei Stallungen gehalten“, so Jan Peifer. Die Bilder zeigten demnach deutlich, wie sich der Gitterboden in die Hühnerkrallen drücke, Scharren und Picken seien unmöglich. Auch die hygienischen Zustände seien katastrophal: Die Stallungen seien verschmutzt, aus den Kadavereimern quellen Maden. „Unvorstellbar, dass unter solchen Umständen Lebensmittel produziert werden“, so Peifer. 

Das Deutsche Tierschutzbüro veröffentlichte diese Undercover-Aufnahmen aus Billerbeck erstmals im Dezember 2021.
Das Deutsche Tierschutzbüro veröffentlichte auch diese Undercover-Aufnahme aus Billerbeck erstmals im Dezember 2021. © Deutsches Tierschutzbüro e.V.

Billerbeck (NRW): Hühner in Käfighaltung - Hintergründe

Zum Hintergrund erklärt Peifer, dass die Käfighaltung von Hühnern weiterhin erlaubt sei. Verboten sei hingegen die Haltung von Hühnern in Batteriekäfigen. Diese unterschieden sich von der Kleingruppenhaltung durch die Größe.

In der Kleingruppenhaltung habe das einzelne Tier wenige Zentimeter mehr Platz, zudem gebe es Sitzstangen, ein Legenest und einen Scharrbereich. „Was nach etwas mehr Fortschnitt für die Tiere klingt, ist am Ende doch nur heiße Luft. So hat die Industrie die Käfige mit ein paar Stangen als Sitzstange, einer Plastikmatte als Scharrbereich und einem Plastikvorhang als Legenest ausgestattet, doch die Tierquälerei geht weiter“, so Peifers düsteres Fazit.

Obwohl das Batterieverbot bereits seit 2010 in Deutschland gelte, lebten nach Angaben den Vereins Tierschutzbüro noch immer rund 2,5 Millionen Hühner im Käfig. Das Verbot der Kleingruppenhaltung solle 2026 kommen, aber auch davon solle es Ausnahmen bis 2029 geben, heißt es.

Im Jahr 2021 erschütterte ein Fall von Tierquälerei den Kreis Unna: Eine Viehsammelstelle wurde dicht gemacht.

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