"Wir sind der Pennymarkt Europas"

Große Kontrollaktion der Polizei auf der A2: Viele Lkw-Fahrer unter Druck

Die Einhaltung der Sozialvorschriften für Lkw standen gestern zwar im Mittelpunkt, die Beamten warfen aber auch ein Auge auf die Technik, kontrollierten auf dem Parkplatz am Kolberg Reifen, Bremsen und Ladung.
+
Die Einhaltung der Sozialvorschriften für Lkw standen gestern zwar im Mittelpunkt, die Beamten warfen aber auch ein Auge auf die Technik, kontrollierten auf dem Parkplatz am Kolberg Reifen, Bremsen und Ladung.

Überschrittene Lenkzeiten, defekte Bremsen, Amphetamine im Blut – die Palette der Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung ist umfangreich, die die Beamten von Polizei und Zoll am Mittwoch in einer gemeinsamen Aktion am Parkplatz Kolberg an der A2 feststellten. Bei einem zweiten Schwerpunkteinsatz am Donnerstag kontrollierten die Einsatzkräfte unter anderem einen LKW-Fahrer, der 1660 Kilometer ohne erforderliche Einhaltung der Ruhezeit unterwegs war.

  • Auf der Autobahn A2 hat es bei Bönen eine große Polizeikontrolle gegeben.
  • Im Visier der Polizisten waren LKW-Fahrer, sie stellten viele Verstöße fest.
  • Doch gerade die Fahrer können oft nichts für die Probleme, die die Polizei Unna, der Zoll und die Mitarbeiter des LAFP fanden.

Update, 16. Juli, 18.05: Bei einem zweiten Schwerpunkteinsatz auf dem Parkplatz Kolberg an der A2 bei Bönen am Donnerstag überprüften Beamte der Kreispolizeibehörde, des Landesamtes für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten in Selm und des Hauptzollamtes in Dortmund, ob die angehaltenen Kraftfahrer die Sozialvorschriften eingehalten haben. Insgesamt kontrollierten sie 55 Fahrzege, 27 Maßnahmen wurden fällig. Die Beamten stellten neun Verwarnungsgelder, acht Ordnungswidrigkeitenanzeigen, drei Untersagungen der Weiterfahrt, drei Mängelkarten und zwei Sicherheitsleistungen aus. In einem Fall kontrollierten die Einsatzkräfte einen Lkw-Fahrer, der 1660 Kilometer von Spanien bis zum Kontrollort gefahren war, ohne die erforderlichen Ruhezeiten einzuhalten. Er musste eine Sicherheitsleistung in Höhe von 500 Euro entrichten und mindestens elf Stunden Ruhezeit pausieren. Die Weiterfahrt wurde dem Mann untersagt. Es folgt der Originaltext.

Bönen - Die Hinweistafel für den Parkplatz Kolberg ist durchgestrichen, die Zufahrt mit rot-weißem Flatterband gekennzeichnet. Schon an der Auffahrt von der A1 auf die A2 in Richtung Hannover haben sich Zoll- und Polizeifahrzeuge und ein Motorradfahrer positioniert, um den Verkehr zu beobachten. 

Die Polizisten machen die Vorsichtung und lotsen die Fahrzeuge, die kontrolliert werden sollen, auf den nahen Parkplatz Kolberg. Zahlreiche Beamte sind von 10 bis 16 Uhr im Einsatz, um eine große Kontrollaktion zum Schwerpunkt Sozialvorschriften durchzuführen. 

Polizei kontrolliert LKW-Fahrer auf der A2: Viele Verstöße gegen Auflagen

Hier geht es vor allem um Lenk- und Ruhezeiten und Arbeitspapiere von Lkw-Fahrern. Gerade Bönen und die Region in NRW haben einen Schwerpunkt in der Logistikwirtschaft. Aber natürlich werden bei Auffälligkeiten auch Bremsen kontrolliert, Ladegewichte oder Alkohol- und Drogenkonsum. 

Ein großes Aufgebot an Beamten kontrollierte am Mittwoch Lkw und Kleintransporter auf dem Parkplatz am Kolberg auf der A2. 

Woran erkennen die Beamten, dass etwas nicht in Ordnung ist? „Das sind Erfahrungswerte der Kollegen“, sagt Thomas Stoltefuß, Leiter des Verkehrsdienstes Kreispolizeibehörde Kreis Unna. Und damit die Kollegen, die sich gerade in der dreiwöchigen Weiterbildung am Landesamt für Aus- und Fortbildung (LAFP) befinden, Routine bekommen, findet die gemeinsame Kontrollaktion der Kreispolizeibehörde Unna, der Zollbehörde Dortmund in Kooperation mit der Polizei Dortmund statt. 

Kontrolle auf der A2: "Der Fahrer soll geschützt werden"

„Es gibt Indizien, die darauf hinweisen, dass ein Fahrzeug genauer kontrolliert werden sollte“, so Stoltefuß. „Die Dimension des Lkw, internationale Kennzeichen und Planen, die auf lange Fahrstrecken hinweisen. Wir kontrollieren dann, wie lange die Fahrer unterwegs sind, ob die Ruhepausen eingehalten werden. Wir wollen den Druck nehmen und kontrollieren, dass der Druck nicht immer wieder neu aufgebaut wird. Der Fahrer soll dadurch geschützt werden. Wir wenden uns an den Arbeitgeber, der in der Regel die Vorgaben für die Touren gibt.“ Denn der Fahrer stehe in der Regel am Ende der Nahrungskette und nimmt die Aufträge nur entgegen.

Eine Beamtin lässt sich bei der Kontrolle auf der A2 von dem Fahrer die Ladefläche eines Lkw zeigen.

Ein deutscher Lkw-Fahrer fährt trotz Sperrung auf den Parkplatz und rollt trotz des großen Polizeiaufgebots auf einen Standplatz. Gefragt, warum er jetzt hier dennoch Halt macht, antwortet der Fahrer: „Ich muss jetzt dringend eine Pause einlegen und das ist der nächst mögliche Parkplatz.“ Die Beamten winken ihn durch und lassen ihn parken. 

Kontrollen zum Thema Sozialvorschriften werden europaweit durchgeführt, betont Stoltefuß. „Die Gesamtzahl der Unfälle ist nur zu senken, wenn wir europaweit kontrollieren. Formalien sind sicher auch wichtig, aber es geht hier tatsächlich um Leben und Gesundheit – wenn zum Beispiel jemand am Steuer einschläft, weil er völlig übermüdet ist, und einen Unfall verursacht, bei dem Menschen getötet werden.“ 

Krzysztof P. wird in seinem Kleintransporter von einem Polizeiwagen auf den Parkplatz gelotst und kontrolliert. Er hat mal Film und Kunst studiert in Kasachstan und lebt jetzt in Polen, erzählt er. Er muss von irgendwas leben, also transportiert er als Kurier Waren kreuz und quer durch Europa. Gerade hat er Möbel nach Bremen gebracht. 

Für tausend Euro wochenlang unterwegs

„Manchmal fahre ich über tausend Kilometer am Tag, manchmal habe ich tagelang nichts zu tun und warte auf den nächsten Auftrag.“ Dann haust er in seinem Kleintransporter und schläft auf den Raststätten in der Hundekoje unter dem Dach. Drei Wochen ist er unterwegs, eine Woche verbringt er dann zu Hause. Dafür bekommt er – wenn es gut läuft – 1000 Euro, berichtet er freimütig. 

Damit geht es ihm noch relativ gut. „Es gibt tausende Fahrer aus Rumänien und der Ukraine, die noch weniger kosten als die Fahrer aus Polen und die in der Regel zwei Monate am Stück unterwegs sind. Sie alle leben mehr oder weniger auf der Straße. Auffällig ist, wie viele Transporter mit osteuropäischen Kennzeichen auf der A2 unterwegs sind. Dort sind die Löhne billig. Und der Preisdruck in der Logistikbranche ist hoch, der billigste Anbieter bekommt den Auftrag. 

Krzysztof P. steht unter Druck. Er muss weiter. Gerade hat sein Chef angerufen. Wenn er zu spät kommt, kann er nicht abladen oder der Firma droht eine Strafe. Hier wird mit harten Bandagen gekämpft. Er war 14 Stunden nonstop unterwegs, hat sechs Stunden geschlafen, und muss jetzt weiter. „Schreibt darüber“, gibt er uns mit auf den Weg, „das kann Leben retten. Viele Fahrer sind mit Drogen unterwegs, weil sie die langen Fahrzeiten sonst nicht durchhalten.“ 

Wie zur Bestätigung seiner Worte rollt der nächste Kleintransporter mit polnischem Kennzeichen an. Bei dem Fahrer, der seinen Sohn auf dem Beifahrersitz dabei hat, wird eine Blutprobe entnommen – Verdacht auf Drogenkonsum. Später bestätigt sich bei ihm, dass er Amphetamine genommen hat.

Immanuel Noske, Seminarleiter beim Landesamt für Aus- und Fortbildung (LAFP), begleitete seine Schüler gestern bei dem Einsatz auf dem Parkplatz Kolberg.

Um die Vorschriften zu umgehen, wird mit allen Tricks gearbeitet, das weiß auch Immanuel Noske, Seminarleiter beim LAFP. Digitale Fahrtenschreiber werden manipuliert oder nächtliches Abladen der Ware wird als Pause deklariert. Drei Wochen lang bildet er die künftigen Kontrolleure aus. Und Noske kennt beide Seiten. Bevor er zur Polizei wechselte, war er Berufskraftfahrer. 

"Wir sind der Pennymarkt Europas mit den  niedrigsten Strafen"

„Wir müssen das System begreifen – sanktioniere ich den Fahrer hinter dem Lenkrad oder nehme ich die Firma in Regress? Oft zahlt der Fahrer die Zeche, weil ihm die Strafe vom Lohn abgezogen wird.“ Jeder Fall liege anders, und müsse genau abgewogen werden. „Wir sind eh der Pennymarkt Europas, weil wir die niedrigsten Strafen haben“, betont Noske.

 „In Estland erwartet mich mit einem um mehr als 20 Prozent überladenen Lkw 14 Tage Knast, in Frankreich drohen Strafen im fünfstelligen Bereich, bei uns droht eine Geldstrafe in Höhe von 180 Euro. Die zahlen die Unternehmen aus der Portokasse. Wir bräuchten einheitliche Tarife in Europa.“ 

Zudem gebe es kaum abgeschlossene Bußgeldverfahren, weil sich viele Firmen da rauswinden. Für die Beamten, die die schwarzen Schafe in der Logistikbranche erwischen wollen, sei das zum Teil sehr frustrierend. Für die Fahrer ändere sich dagegen nichts. Im Gegenteil, der Druck steige. Sie seien angehalten nicht anzuhalten, sondern über die erlaubten Lenkzeiten hinaus am Lenkrad zu sitzen. 

„Es reicht nicht aus, die Fahrerkarte zu kontrollieren und den Fahrer als Schuldigen auszumachen“, sagt Noske ganz deutlich. „Wir müssen abwägen, welche Kosten verursache ich, wenn das Fahrzeug stehen bleibt, wie ist die Situation des Fahrers, handelt es sich um Terminfracht, stand der Fahrer im Stau und konnte deshalb die Ruhezeiten nicht einhalten? Jeder Fall ist anders und muss von den Beamten individuell bewertet werden.“ 

Knappe Zeitfenster - da ist für die Fahrer keine Pinkelpause drin 

Ein großes Problem bei der Einhaltung der Ruhezeiten sei es, dass nicht ausreichend Parkplätze für die wachsende Zahl an Lkw an den Raststätten, Parkplätzen und Autohöfen entlang der Autobahnen vorhanden sind. Zudem würden die Zeitfenster immer enger. „Ich fahre selbst immer mal wieder Lkw-Touren, um auch die andere Seite zu sehen“, berichtet Immanuel Noske. Es sei zum Teil erschreckend, was er da erlebt. „Die Zeitfenster zum Entladen sind manchmal so knapp zu erreichen, dass das nur geht, wenn man keine Pause macht und nicht anhält. Nicht mal eine Pinkelpause ist drin.“ 

In Kürze dürften Kraftfahrer nicht mal mehr ein langes Wochenende in ihren Fahrerkabinen verbringen, kündigt Noske eine neue Verordnung an. „Obwohl moderne 40-Tonner alles bieten: ein Bett, Klimaanlage, Lärmschutz und Kühlschrank. Der Sinn der Verordnung ist, dass die Fahrer nicht monatelang in ihren Lkws verbringen müssen. Ich fürchte, dass die Speditionen anstatt die Routen so zu legen, dass die Fahrer regelmäßig nach Hause kommen, sie dann in billige Sammelunterkünfte karren. Für die Fahrer wird es dadurch nicht besser.“

49 Lkw wurden kontrolliert 

Bei dem Schwerpunkteinsatz zur Überprüfung der Einhaltung der Sozialvorschriften wurden insgesamt 49 Lkw kontrolliert. Fast bei jedem zweiten Fahrzeug wurden Beanstandungen festgestellt. 

12 Ordnungswidrigkeiten (Verstoß Sozialvorschriften, Güterkraftverkehrsgesetz, Ladungssicherung und anderes) 

1 Anzeige wegen Fahren ohne Fahrerlaubnis 

4 Sicherheitsleistungen 

5 Untersagungen der Weiterfahrt 

1 Blutprobe

4 Verwarnungsgelder

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare