Wie vital sind unsere Wälder?  

Waldzustand wird untersucht: Experten nehmen 10.000 Bäume unter die Lupe

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Durch das Fernglas nehmen die Forstexperten die Baumkronen genau unter die Lupe.

Der Borkenkäfer und die erneute Trockenheit sind aktuell als Stressfaktoren für die heimischen Wälder in aller Munde. Wie es den Bäumen in NRW wirklich geht, wird Jahr für Jahr im Waldzustandsbericht zusammengefasst. Die Geländeaufnahmen zur Erhebung der Vitalität der Waldbäume starteten am Mittwoch in Arnsberg. Insgesamt begutachten Experten 10.000 Laub- und Nadelbäume.

Arnsberg - Seit Mittwoch messen Forstleute den Umfang der Bäume, bewerten den Befall von Schädlingen wie Insekten oder Pilzen und erfassen Nadel- oder Blattverlust sowie Vergilbungen. Daraus ergibt sich ein Bild über den Gesundheitszustand der vier Hauptbaumarten in NRW: Buche, Eiche, Fichte und Kiefer. Die Waldzustandserhebung wird seit 1984 jährlich gemacht. 

Immer in Zweierteams erfolgt die genaue Untersuchung der markierten Bäume durch die Forstexperten. „Die Kronen spiegeln die Vitalität des Baumes gut wieder. Wenn es ihm nicht gut geht, zeigt sich das an den Blättern“, erläutert Inventurleiter Lutz Falkenried vom Landesbetrieb Wald und Holz mit Blick auf einen 134-jährigen Buchenbestand. 

Durch das Fernglas sieht er sich den Baum genauer an: Die Krone ist sehr licht und von der Struktur her unterentwickelt, zeigt trockene Äste und Feinreisig. Wenn sich Blätter kräuseln ist das ein Zeichen für Trockenheit, so das Ergebnis der genauen Betrachtung. Außerdem wird der Umfang des Baumstammes gemessen, um zu ermitteln, wie groß das Wachstum im vergangenen Jahr war. Schließlich nimmt Falkenried das Anschauungsbuch mit Vergleichsbäumen zur Hand. „Diese Buche hat schon mehr als die Hälfte ihrer Blätter verloren, der Verlust liegt also bei 75 Prozent“, ermittelt der Fachmann. Sein Fazit: „Diese Buche ist hochgradig geschädigt. Sie kann sich zwar noch regenerieren, aber nur wenn die Folgejahre es von Wetter, Sonne und Schädlingsbefall her ermöglichen, sonst hat der Baum keine Erholungsphase.“ 

"Folgen der dramatischen Klimaveränderungen"

Staatssekretär im Umweltministerium, Dr. Heinrich Bottermann, macht sich ebenfalls beim Blick durch das Fernglas ein Bild: „Wir sehen die Folgen dieser dramatischen Klimaveränderungen. Wenn wir mit offenen Augen durch den Wald gehen, sehen wir die Konsequenzen.“ Und weiter: „Wir erleben jetzt, dass unser Wald schweren Schaden nimmt und wir müssen die Voraussetzungen für die Zukunft schaffen, Förder- und Hilfsmaßnahmen auf den Weg bringen. Dafür brauchen wir weitere Daten und Fakten.“ Diese soll der neue Waldzustandsbericht bringen. 

Am Beispiel der Rosskastanienminiermotte erläuterte Inventurleiter Lutz Falkenried im Beisein von Andreas Wiebe, Leiter von Wald und Holz, sowie Staatssekretär Dr. Heinricht Bottermann (v.li.), dass auch Laubbäume von Schädlingen befallen werden.

„Seit 1984 liefert die Erhebung ein bundesweit einheitliches System, damit die Ergebnisse vergleichbar und aussagekräftig sind“, erläutert Andreas Wiebe, Leiter des Landesbetriebs Wald und Holz, den Hintergrund der Waldzustandserhebung. Und so funktioniert das Ganze: Zur Datenerhebung ist der gesamt NRW-Wald in ein Raster von vier mal vier Kilometern aufgeteilt. Jeweils in den Schnittpunkten stehen die sogenannten Probebäume. Betrachtet werden vor allem die vier Hauptbaumarten Buche, Eiche, Fichte und Kiefer. So gibt es in NRW 560 Untersuchungspunkte mit rund 10.000 Bäumen, die Jahr für Jahr genau unter die Lupe genommen werden. „So können wir die Entwicklung von ein und demselben Baum über 35 Jahre sehen“, ergänzt Wiebe. 

Zustand hat sich verschlechtert

Beim Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre wird schnell deutlich: Der Zustand des Waldes hat sich verschlechtert. Im Sommer Jahr 2018 wurden 39 Prozent der Bäume als „stark geschädigt“ eingestuft. „Was da noch alles nachgekommen ist, werden wir in den nächsten Wochen sehen“, so Lutz Falkenried. 

Große Sorgen bereitet der Schädlingsbefall der Fichte durch den Borkenkäfer den Forstleuten. Wer seinen Blick über die heimischen Wälder schweifen lässt, sieht immer mehr braune Fichten innerhalb grüner Wälder – hier hat der Borkenkäfer bereits zugeschlagen. Wie Lutz Falkenried anhand einer weiteren Anschauungsfläche erläutert, ist der Borkenkäfer eigentlich ein Sekundärschädling. Das heißt, er befällt Holz, was zum Beispiel durch einen Sturm beschädigt, bereits am Boden liegt. Im vergangenen Jahr hätten sich die Käfer jedoch so stark ausgedehnt, dass sie auch lebendige Fichten angriffen. „Es ist ein Trauerspiel“, fasst Falkenried beim Anblick der trockenen, braunen, leblosen Bäume zusammen. 

Unter der Rinde der Fichten leben die Borkenkäfer.

Aber auch Laubbäume werden von Schädlingen befallen, wie etwa dem Eichenprozessionspinner, der sogar für Verletzungen bei Menschen sorgen kann. Wenn Kastanien, die oft als große Schattenspender auch in Innenstädten zu finden sind, bereits während des Sommers ihre Blätter braun verfärben, sind auch sie von Schädlingen befallen, erklärt Lutz Falkenried, während er einen Zweig mit grün-braunen Blättern zu sich herunterzieht: „Das ist die Rosskastanienminiermotte. Die Larven leben in den Blättern. Sie ist in den 90er Jahren erstmals hier aufgetaucht. Da die Larven es warm mögen, ist dies ebenfalls eine Folge der Klimaerwärmung.“ 

Was auf der Anschauungsfläche aber auch deutlich wird: Der neue Wald ist schon in den Startlöchern. „Hier wachsen auch neue junge Fichten, die für den Borkenkäfer erstmal uninteressant sind. Die Förster beschäftigen sich mit der Frage, welchen Wald wir in Zukunft haben werden, dazu gibt es auch schon viele Untersuchungen. In jedem Fall wollen wir einen klimaplastischen Wald, in dem Nadel- und Laubbäume gemischt sind und auch verschiedene Altersstufen wachsen. Denn: Jede Katastrophe beinhaltet auch eine Chance für neuen Wald.“

Die Ergebnisse werden jährlich im späten Herbst vorgestellt. Seit mehreren Jahren gehe es dem Wald immer schlechter - eine Folge des Klimawandels, wie der Landesbetrieb Wald und Holz betonte.

„Ein Trauerspiel“ – immer mehr ausgelaugte, braune Fichten sind in den heimischen Wäldern zu finden. Grund dafür ist der Borkenkäferbefall.

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