Andreas Siekmann im Gustav-Lübcke-Museum

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Sie wachen über Frankfurt: Andreas Siekmanns bedrohliche Zeichnung einer Einkaufszone. ▪

HAMM ▪ Aus der Vogelperspektive blickt der Betrachter in die Fußgängerzone. Groß, bedrohlich hocken „Cityranger“ auf überdimensionalen Videokameras, die an Fluggeräte aus Science-Fiction-Filmen erinnern. Von Ralf Stiftel

„Shopping & Vergnügen“ verspricht ein Transparent. Doch die gesichtslosen Bewohner dieser Shoppingzeile gleichen eher einer bewachten Herde. Das Konsumversprechen wird mit der Zeichnung von Andreas Siekmann als Lüge entlarvt.

Das Blatt gehört in die Serie „Aus: Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ und ist von Sonntag an im Gustav-Lübcke-Museum Hamm zu sehen. Siekmann, 1961 in Hamm geboren, in Berlin lebend, hat die Serie in den späten 1990er-Jahren geschaffen, erstmals wurde sie 1999 in Frankfurt, dann 2002 bei der documenta 11 in Kassel gezeigt. Als Teil des Kulturhauptstadt-Projekts „Mapping the Region“ wird der Block nun, um verwandte Arbeiten erweitert, in Hamm gezeigt. Die 223 Blätter kommen aus Barcelona, das Museu d‘Art Contemporani hat sie angekauft. Wobei nicht einfach Blätter im A4-Format an der Wand hängen. Der Künstler hat ein System aus Tischen entworfen, auf dem Zeichnungsfolgen als Erzählung ausgebreitet sind, mit Bürorollstühlen für das komfortable Entschlüsseln. So bekommt das „flache“ Medium eine räumliche Komponente.

Siekmann beruft sich auf die „Kölner Progressiven“, die politische Botschaften in ein System von Piktogrammen übersetzten. Ein Ausstellungskapitel führt (Gerd) Arntz, (Otto) Neurath und (Franz Wilhelm) Seiwert im Titel. Die stilisierten Figuren tauchen in den Blättern auf, wie Siekmann auch Fernand Léger zitiert und sich auf Piet Mondrian bezieht, dessen spätes Gemälde „Broadway Boogie Woogie“ die Anordnung der Tische inspirierte.

Siekmann setzt in seiner Serie eine sozio-ökonomische Theorie um, bietet gezeichnete Kapitalismuskritik. Er macht den Umschlag von sozialer Marktwirtschaft in Neoliberalismus fest an der Zugänglichkeit des öffentlichen Raums. Stadträume sind längst nicht mehr für alle offen – Bettler, Arbeitslose, Nichtkonsumenten sollen das Bild nicht stören. Siekmann übersetzt diese Entwicklung in Bildserien, die an mittelalterliche Flugblätter erinnern, an die Grafikserien Frans Masareels und andere. Als Symbol für die Arbeitslosen setzt Siekmann leere Blue-Jeans in die Szenen. Der Mensch hat sich verflüchtigt, das Blau der omnipräsenten Hose wird zum stigmatisierenden Kennzeichen der Außenseiter.

So zeigen diese Bilder Einkaufspassagen voller ziellos umherlaufender Konsumenten, überwacht von Uniformierten, mit eingestreuten Hosen als Störmomenten. Demos mit Wasserwerfern, die auf Jeans zielen. Eine Jeans mit herausgezogenen, leeren Taschen steht an einer Supermarktkasse. Übergroße Schattengestalten an Bildschirmen und Reglern, auf denen Menschen in die Arbeitslosigkeit geschickt oder Demonstrationen aufgelöst werden. Einerseits sind diese Bilder eindeutig zu entziffern, Figuren und andere Bildelemente haben eine klare Bedeutung. So übersetzt Siekmann 4,27 Millionen Arbeitslose in vier große, zwei mittlere und sieben kleine Jeanshosen.

Aber diese Bilder haben auch eine autonome ästhetische Wirkung, schon durch die reduzierte Filzstift-Farbigkeit in Rot und Gelb, in die mit Aquarell das Jeans-Blau abgesetzt ist. In der Serie „Falsche Freiheit Frankfurt“ überblendet Siekmann von einer Straßenszene auf einen Raum, in dem ein Anzugträger vor einer Kamera steht, und die blauen Jeans finden im Teppichmuster ein visuelles Echo. Die zwei nächsten Zeichnungen vergrößern die Füße des Mannes und den Teppich, der am Ende als abstraktes Muster aus Rechtecken erscheint, die in ihrer Farbigkeit an Blätter des Bauhaus-Lehrers Paul Klee erinnern. Dieser avancierte und komplexe Post-Pop-Agitprop wirkt auch im Großformat, wie ein Wandbild aus der Serie „Videoknow“ zeigt, das zusätzlich zu sehen ist.

Erstmals seit der documenta in einem deutschen Museum: die gezeichnete Kapitalismuskritik von Andreas Siekmann. Gustav-Lübcke-Museum Hamm, Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 8.8., di – sa 10 – 17, so bis 18 Uhr, Tel. 02381/175701, http://www.hamm.de/gustav-luebcke-museum, Katalog 34,80 Euro

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