Sorge vor Verkehrskollaps

Amazon-Lager im Sauerland: Online-Riese stellt Pläne vor - Bürgermeister: „Wir würden ablehnen“

Amazon plant, ein neues Verteilzentrum im Sauerland zu errichten. Das stößt bei Politikern und Anwohnern nicht auf Gegenliebe. Jetzt hat der Online-Handelsgigant seine Pläne vorgestellt.

Wenden (NRW) - „Wir sind uns bewusst, dass unsere Standortwahl nicht auf Gegenliebe stößt“, gestand Torsten Freers von Amazon in der Informationsveranstaltung am vergangenen Mittwochabend, bei der das Unternehmen seine Pläne für ein neues Verteilzentrum in Wenden-Gerlingen (NRW) vorstellte. Dennoch sehe er eine Chance für die Region, da „vor Ort bereits Kunden sind, die eine schnelle Paketzustellung erwarten“. Es seien zusätzliche Kapazitäten nötig und deswegen auch eigene Auslieferungsfahrzeuge von Amazon geplant. Zudem würden nicht nur Käufer, sondern auch Verkäufer aus der Region von dem geplanten Verteilzentrum profitieren. „Amazon ist eine Chance für Händler ihren Online-Verkauf zu etablieren“, so Torsten Freers.

UnternehmenAmazon
CEOJeff Bezos
GründerJeff Bezos
Gründung5. Juli 1994, Bellevue, Washington, USA
Umsatz280,5 Milliarden US-Dollar (2019)
TochtergesellschaftenAudible, Zappos, AbeBooks, Amazon Fresh

Das geplante Verteilzentrum in Wenden-Gerlingen besitzt eine Fläche von 9.100 Quadratmetern und das Grundstück ist für mindestens zehn Jahre gemietet, mit der Option der Verlängerung. Zudem sollen neben dem Zentrum 147 Parkplätze für Mitarbeiter, ein Parkhaus mit vier Etagen und Stellplätzen für 600 Auslieferungsfahrzeuge, Anlieferungstore für Lkw sowie Warte- und Ladezonen entstehen. Gruppenweise soll die Abfertigung an diesen Zonen erfolgen, um einen „Verkehrsstau“ zu vermeiden. Torsten Freers erklärte weiter, dass das Gelände des geplanten Amazon-Verteilzentrums groß genug sein soll, damit wartende Lkw nicht die Straßen blockieren, sondern auf dem Grundstück warten können. Nachts erfolge die Anlieferung per Lkw.

Amazon in Wenden-Gerlingen: So soll es im Verteilzentrum laufen

Im Verteilzentrum sollen ankommende Pakete sortiert und zur Auslieferung verladen werden. Die Betriebszeit beträgt 24 Stunden am Tag und das sechs Tage die Woche in drei Schichten. Torsten Freers erwartet eine Stärke von 170 Mitarbeitern und zu Spitzenzeiten, wie im Weihnachtsgeschäft, 265 Mitarbeiter. „Der Lohn beträgt 11,82 Euro pro Stunde zuzüglich Zuschlägen und sonstigen Leistungen“, fuhr Torsten Freers fort. Ausbildungsstellen werde es bei Amazon in Wenden-Gerlingen keine geben, da die Arbeit im Verteilzentrum „keine spezifische Qualifizierung benötigt“.

Bei den Anlieferungszeiten von 22 bis 8 Uhr erwartet Torsten Freer den Höchstwert von 44 Lkw und von 14 bis 16 Uhr gerade einmal vier. Das Verkehrsaufkommen für die Auslieferung sei deutlich höher. Hier werde mit einem Maximum von 607 Fahrzeugen zwischen 9 und 14 Uhr gerechnet sowie 60 ab 15 Uhr. Diese schließen die Expresstouren, also die Auslieferung am Bestelltag mit ein. Dazu plant Amazon mit fünf bis acht mittelständischen, lokalen Unternehmen im Bereich Kurier, Express und Paket zu kooperieren und fördere dazu noch die lokale Neugründung von Firmen. Das zukünftige Liefergebiet des Verteilzentrums in Wenden-Gerlingen erstreckt sich im Norden bis nach Lüdenscheid, im Westen liegt die Grenze bei Euskirchen, im Süden bei Herborn und im Osten wird bis nach Bad Laaspe ausgeliefert.

„Natürlich wird ein Gewerbe angemeldet und Steuern gezahlt“, erklärte Torsten Freers. „Wir wissen um das schlechte Image und den Ruf von Amazon in der Bevölkerung.“ Er erklärt weiter, dass sich das Unternehmen auch in der Region engagiere und dafür lokale Aktivitäten sucht, die Unterstützung benötigen. Außerdem möchte sich Amazon vor der Inbetriebnahme bei einem Nachbarschaftstreffen vorstellen, damit die Anwohner das Verteilzentrum in Wenden-Gerlingen kennenlernen können und die Möglichkeit des Kontaktaustausches besteht.

Amazon in Wenden-Gerlingen: Verteilzentrum sorgt für mehr Verkehr

Jan Imfeld vom Industrie- und Logistikentwickler Panattoni erläuterte die verkehrliche Untersuchung, die bereits im Oktober 2019 stattgefunden hatte. Es wurde ein Verkehrsgutachten der Kreuzung vom Gewerbegebiet in Wenden-Gerlingen zur Landstraße 512 erstellt - einmal ohne Amazon-Lieferungen und einmal mit Einbezug des zusätzlichen Lieferverkehrs. Das Ergebnis war wenig überraschend: Mit der Amazon-Lieferung verschlechtere sich der Verkehr. Eine Ausnahme sei die Situation mit einer simulierten Ampelanlage, die für einen gut fließenden Verkehr sorgen könnte.

Bereits jetzt fahren 20.000 Fahrzeuge am Tag durch Wenden-Gerlingen. Sylke Schwarz von der IVV-Ingenieursgruppe aus Aachen hat in einer unabhängigen Untersuchung, angeordnet von der Gemeinde Wenden, herausgefunden, dass eine Mehrbelastung von 1.700 Fahrzeugen durch Amazon hinzukommen würde. Allerdings erwarte sie nur eine geringe Belastung zu Spitzenzeiten.

Kritische Stimmen gegen das geplante Amazon-Verteilzentrum gab es nicht nur aus der Bevölkerung, sondern auch aus der Politik. Wendens Bürgermeister Bernd Clemens erklärte, dass bereits im November 2019 mitgeteilt worden wäre, dass es einen Eigentümerwechsel des ehemaligen Otto-Geländes gegeben habe. Sobald sich Amazon jedoch vorstellte, sei eine Vertraulichkeitserklärung verpflichtend gewesen. Im Juni des vergangenen Jahres wurden erste Einzelheiten kommuniziert und im November sei schließlich der Bauantrag gestellt worden.

„Wenn wir entscheiden könnten, überwiegen die Nachteile und wir würden ablehnen“, sagte Bernd Clemens mit aller Deutlichkeit. Jedoch sei diese Möglichkeit nicht gegeben, deswegen strebe er eine Kooperation mit Amazon an, um „die bestmögliche Lösung für die Verkehrsbedingungen“ zu finden.

Amazon in Wenden-Gerlingen: Anbindung an die Autobahn?

Anschließend hatten die teilnehmenden Bürger und Fraktionsvorsitzenden die Möglichkeit, ihre Fragen zu stellen. Die Mehrheit davon bezog sich auf die Verschlechterung der bereits jetzt unzumutbaren Verkehrssituation. Martin Solbach (CDU) stellte die Frage nach den Arbeitsplätzen und einer möglichen Anbindung an die Autobahn. Torsten Freers entgegnete, dass man „für Gespräche bezüglich eines neuen Anbinders an die Autobahn und einer Kostenbeteiligung“ bereit sei. Zudem wolle Amazon in Wenden-Gerlingen Perspektiven für Menschen „mit schlechter Perspektive auf dem Arbeitsmarkt“ schaffen. Das Wichtigste bei der Arbeit bei Amazon sei die Motivation. Auch einem Betriebsrat würde sich der Onlinehändler nicht in den Weg stellen, der jedoch von den Mitarbeitern selbst gegründet werden müsste.

Thorsten Scheen (UWG) sei „frustriert über das Thema zu reden, was nicht mehr zu ändern ist“. Er beklagte, dass die Verkehrssituation bereits vor Amazon unannehmbar sei, und finde es gut, dass sich die Gerlinger sich versammelt und ihren Widerstand gegen das geplante Verteilzentrum gezeigt haben*. Erschreckend finde er jedoch, dass in Corona-Zeiten ein „öffentlich-rechtlicher Sender dazu aufgerufen habe“. Dies sei „verwerflich“.

Bürgermeister Bernd Clemens erklärte, dass es eine Möglichkeit gebe, nachträglich noch Fragen zu stellen, und später auf der Homepage der Gemeinde Wenden Fragen und Antworten zu Amazon zu finden seien. Der nächste Schritt sei eine Lösung zu finden, die Verkehrsprobleme erträglicher zu machen. - *sauerlandkurier.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Rolf Vennenbernd/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare