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„Infektionswelle wird wieder aufflammen“ – Schwere Infektionen bei Kindern

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Von: Katharina Bellgardt

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Ist die Krankheitswelle von Babys und Kindern vorbei? Nein, erklärt Klinikdirektor Heymut Omran vom Uni-Klinikum Münster. Die Infektionen sind nun schwerwiegender.

Münster- RSV, Influenza, Corona: Die Krankheitswelle von Babys und Kindern scheint etwas abzuebben. Doch bedeutet das, dass sich die Lage in den Kinderkliniken in NRW und Deutschland entspannt? Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Münster (UKM), Professor Dr. Heymut Omran, rechnet mit keiner Entschärfung: „Jetzt befinden wir uns in einer Delle“, sagt der Mediziner im Interview mit wa.de. Es ist die Ruhe vor dem nächsten Sturm der Infektionen.

Krankheitswelle bei Kindern: „Wir haben jetzt sehr viele schwerwiegende Infektionen“

Ist Deutschland knapp der Katastrophe entkommen und die Infektionswelle bei Kindern jetzt vorbei?

Heymut Omran: In der Infektionswelle im Dezember traten vor allem RSV und Influenza auf, zusätzlich nun noch Adenoviren. Wir mussten Kinder überregional verlegen. Probleme gab es nicht nur bei schwer kranken Patienten. Es war auch schwer, normal Erkrankte stationär aufzunehmen. Durch die besseren Temperaturen – die Plusgrade im Januar – nimmt die Anzahl der Atemwegsinfektionen ab. Dafür haben wir jetzt sehr viele schwerwiegende Infektionen, auch bakteriellen Ursprungs. Dazu zählen sehr komplizierte Mittelohrentzündungen, die zu Hirnabszessen führen können, Hirnhautentzündungen – also Meningitis – und sehr viele schwere Lungenentzündungen, teilweise kam es auch zu Todesfällen. Auch die niedergelassenen Ärzte berichten von häufigeren schweren Infektionen.

Gibt es für diese Entwicklung eine Erklärung?

Heymut Omran: Natürlich fragen wir uns, warum es zu den vielen schweren Infektionen kommt. Ich sehe sie als Resultat des noch nicht trainierten Immunsystems der Kinder, das nach einer Virusinfektion zusätzlich geschwächt ist. Kinder, die gerade noch an Influenza erkrankt waren, können nun lebensbedrohliche Infektionen erleiden.

Professor Dr. Heymut Omran, der Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Münster (UKM).
Professor Dr. Heymut Omran, der Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Münster (UKM). © UKM LJ

Direktor der Kinderklinik in Münster sicher: „Die Infektionswelle wird wieder aufflammen“

Haben wir die schlimmste Krankheitswelle überstanden, und die Zahl der Infektionen sinkt jetzt?

Heymut Omran: Nein, die Infektionswelle wird wieder aufflammen, sobald es wieder kälter wird. Vielleicht noch im Januar, vielleicht im Februar. Jetzt befinden wir uns in einer Delle.

Wie können Eltern ihre Kinder schützen?

Heymut Omran: Eltern sollten ihre Kinder mit Infektionen bei ihrem Kinderarzt vorstellen. Manchmal ist auch eine telefonische Beratung möglich, um die Lage einzuschätzen. Sehr junge Kinder, vor allem Neugeborene und Kinder unter einem Jahr, sind besonders gefährdet. Auch impfen ist wichtig: Eine Influenza-Impfung ist ab dem sechsen Monat sinnvoll, insbesondere für Kinder mit Vorerkrankungen. Zudem eine Pneumokokken- und Meningokokken-Impfung. Gerade bei sehr jungen Kindern sollten die Eltern darauf achten, dass alle empfohlenen Impfungen auch geimpft wurden.

Universitätsklinikum Münster „ist immer an der Belastungsgrenze“

Wie ist die derzeitige Situation in der Kinder- und Jugendklinik des UKM?

Heymut Omran: Das UKM ist immer an der Belastungsgrenze. Wir sind immer übervoll, an jedem einzelnen Tag. Das hängt auch mit den knappen Personalressourcen zusammen. Ich kann nur hoffen, dass mehr Mitarbeiter mit Kinder-Krankenpflege-Ausbildung in den Beruf zurückkehren und sich mehr Menschen für eine Ausbildung in diesen Bereich entscheiden. Es ist ein wichtiges Berufsbild, und wir haben ein tolles Team. Im Herbst geht die Ausbildung am UKM wieder los. Interessierte können sich schon jetzt bei uns melden.

Krankheitswelle bei Kindern und Babys in Deutschland

Die Krankheitswelle bei Kindern und Babys erschütterte vor allem im Dezember ganz Deutschland. Die Kinder steckten sich vermehrt mit Influenza, RSV und Corona an - gerade das RS-Virus sorgte für volle Kinderkliniken und Notaufnahmen. Hinzu kommt der allgemeine Medikamentenmangel in Deutschland, der wieder vor allem Kinder betrifft - etwa den Fiebersaft für die Kleinsten.

Die große Infektionswelle ist durch den milden Januar zunächst geschrumpft, so erklärt es auch der Münsteraner Mediziner Heymut Omr. Vorbei ist sie jedoch nicht, und für einige sogar gefährlicher als je zuvor.

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