Niederschwellige Beratung

Auf Wernes Straßen: Wie Streetworker den Jugendlichen Wege aufzeigen

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Michael Knäpper und Katrin Schnieders bieten in Werne ein niederschwelliges Beratungsangebot für junge Erwachsene – in jeder Lebenslage.

Werne - Jungen Leuten, die sich abgehängt fühlen, neue Perspektiven aufzeigen. Sie beim Gang zum Amt begleiten oder unbürokratisch helfen. Michael Knäpper und Katrin Schnieders sind regelmäßig auf den Straßen in Werne unterwegs. Sie nehmen sich den Wünschen und Sorgen der jungen Leute an. Auch hier wird – bei aller Beschaulichkeit – Streetwork gebraucht.

Wenn Michael Knäpper und Katrin Schnieders ihre Freitagsrunde durch Werne drehen, hören sie den jungen Menschen zu. „Manchmal dauert eine Route zehn, manchmal 45 Minuten. Manchmal sagt man sich nur Hallo, manchmal haben die Jugendlichen Fragen“, erzählt Knäpper. Der Sozialpädagoge aus Hamm arbeitet seit knapp 20 Jahren als Streetworker in Werne. Er kennt die Jugendlichen auf der Straße. 

Auf der Straße – damit ist gewiss nicht Obdachlosigkeit gemeint. Knäpper und seine Kollegin Katrin Schnieders suchen Treffpunkte von Jugendlichen auf. Sie tauschen sich mit ihnen aus, haben sie im Blick. „Die Jugendlichen klagen an, wir hören zu“, verdeutlicht Schnieders das Konzept hinter der aufsuchenden Arbeit des Streetworks: zuhören, ansprechbar sein. 

Auch Schnieders ist Sozialpädagogin. Die 41-Jährige aus Münster ist seit Oktober 2014 mit einer halben Stelle beim Streetwork in Werne tätig. Sie sieht ihre und Knäppers Arbeit als Lobbyarbeit. „Unsere Aufgabe ist es, die Entwicklungen in der Stadt im Blick zu haben und auch kritisch zu hinterfragen“, so Schnieders. 

Hilfe bei Fragen zu Anträgen oder der Wohnungs- und Jobsuche

Zurück von der Straße ins Juwel. Hier im Jugendzentrum der Stadt halten sich die Streetworker auf, wenn sie nicht auf den Straßen unterwegs sind. Jeden Donnerstagmorgen findet beispielsweise das Beratungs-Café mit Frühstück statt. Es ist offen für jeden. „Man kann, muss sich aber nicht beraten lassen“, erklärt Knäpper. „Es ist eine schöne Möglichkeit, uns erst einmal kennenzulernen“, ergänzt Schnieders. 

Ein paar junge Erwachsene würden immer kommen – mal mit Fragen zu Anträgen oder zur Wohnungs- und Jobsuche, mal einfach nur zum Frühstücken. Die Hilfe bei der Wohnungssuche sei eine zentrale Aufgabe der beiden Streetworker, erklären Schnieders und Knäpper. „Wir beraten viele junge Leute, die zum ersten Mal in eine Wohnung ziehen“, so Schnieders. Perspektivberatungen nennt das die 41-Jährige. 

Knäpper ergänzt: „Viele sind unsicher und fragen sich: Was steht mir zu? Häufig kommen auch junge Leute, die uns erzählen: Bei mir Zuhause kracht es, darf ich überhaupt schon ausziehen?“ Klappt es dann mit der Wohnungssuche, begleiten die Streetworker die jungen Leute – wenn Bedarf besteht – auch bis zum Einzug in die Wohnung. „Wir sind kein Umzugsunternehmen, aber wir vermitteln Kontakte. Und manchmal geht es auch über die Beratung hinaus und wir unterstützen tatkräftig“, erklärt Knäpper. 

Weitere Berichte zum Streetwork in Werne

Doch jungen und vor allem alleinstehenden Menschen mit wenig finanziellen Mitteln eine erste Wohnung zu ermöglichen, werde zunehmend schwieriger, sagen die Streetworker. Denn wie auch in anderen Städten sei der Wohnraum in Werne knapp. „Wir haben eine Veränderung in den letzten Jahren beobachtet. Es wird immer schwieriger, bezahlbare Single-Wohnungen zu finden“, so Schnieders. 

Früher seien viele junge Erwachsene in den günstigen Wohnungen im Schwestern-Wohnheim untergekommen. Doch bekanntlich steht der Gebäudekomplex am Krankenhaus kurz vor dem Abriss. Seit Anfang 2018 steht das Wohnheim leer. Vor allem für junge Männer sei die Wohnungssuche schwierig, berichtet Knäpper. 

„Es ist schwierig, wieder Halt zu finden“ 

Aktuell seien es sechs bis sieben Männer, die mit Unterstützung vom Werner Streetwork auf Wohnungssuche sind. „Die kommen oft bei Freunden unter, die selber nicht viel haben“, erklärt der 60-Jährige. Das mögliche Ende vom Lied: Ärger mit dem Vermieter und am Ende stehen beide ohne Dach über dem Kopf da. „Aus diesem Sofa-Hopping“, erklärt Schnieders, „oder einer Obdachlosigkeit ist es schwierig herauszukommen und einen festen Wohnsitz zu finden.“ Knäpper drückt es noch deutlicher aus: „Es ist schwierig, wieder Halt zu finden.“ 

Werne hat die gleichen Probleme wie große Städte, sind sich die Streetworker sicher. „Aber kleine Städte können nicht die nötige Infrastruktur aufbringen“, sagt Schnieders. Damit meint die Sozialpädagogin Übernachtungsangebote wie das „Sleep In“ in Dortmund. Hier können Jugendliche und junge Erwachsene, die vollständig oder teilweise auf der Straße leben, geschützt übernachten. 

In Werne gibt es zwar das städtische Obdach. Doch dabei handelt es sich um eine vorübergehende Notlösung, wenn Menschen kurzfristig in die Obdachlosigkeit geraten. Die Infrastruktur in Werne sei für junge Leute in Wohnungsnot ausbaufähig, sagt Schnieders. Aber die Streetworkerin betont auch: „Es gibt keine Szene.“ 

Wenn junge Leute alleine durchs Leben stolpern und überfordert sind mit behördlichen Abläufen, sind Michael Knäpper und Katrin Schnieders da. „Wir wollen die jungen Menschen befähigen, für sich selbst zu sorgen“, sagt Schnieders. Man stehe zwar immer im Austausch mit Behörden und Ämtern. Aber: „Wir haben keinen ordnungspolitischen Auftrag. Das ist ganz wichtig.“

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