Nicht immer erwünscht

Werner Wallfahrt zur Basilika in Werl besteht seit über 340 Jahren

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Die Wallfahrer am Sonntag nach der Rückkehr aus Werl an der Neutorkreuzung.

Werne - Was heute ein Vergnügen ist, war im Mittelalter eine riskante Angelegenheit: das Reisen. Pilgerreisen lieferten einen Beweggrund. Verhießen Wallfahrten doch Sündennachlass. Für die Wallfahrt von Werne nach Werl machen sich immer noch Hunderte gemeinsam auf den Weg, seit über 340 Jahren. 

„Die Wallfahrt von Werne ist einer der ältesten Pilgerzüge nach Werl“, erklärt der langjährige Wallfahrtsleiter Heinz Abdinghoff. Die Kapuziner regten diese Fußwallfahrt zum Gnadenbild der Muttergottes in Werl 1677 an, kaum zwei Jahrzehnte nach ihrer Ankunft in Werne. „Es gibt Hinweise, dass die Wallfahrt schon frühzeitig von einem Laiengremium mit organisiert worden ist“, so Abdinghoff. Da die Kloster-Guardiane regelmäßig wechseln, gewährleistet ein Organisationsteam aus Werner Bürgern, dass die Kontinuität der Wallfahrt gewährleistet bleibt. 

Verbot stieß auf Entrüstung

Dass diese Kontinuität bis heute angehalten hat, ist keineswegs selbstverständlich. So berichtet Pater Eberhard Moßmaier in einer Festschrift zum 300-jährigen Wallfahrtsjubiläum, dass ein kirchlicher Erlass 1765 alle Wallfahrten verbieten wollte, die nicht an einem Tag abmarschiert werden konnten. Betroffen wäre also auch die zweitägige Wallfahrt von Werne nach Werl gewesen. Allerdings stieß das Verbot überall im Volk auf so große Entrüstung, dass es bald zurückgezogen wurde. Aus allen Richtungen strömten die Menschen wieder nach Werl und die Klosterannalen von Werl vermerkten triumphierend, dass 1781 am Fest Mariä Heimsuchung (2. Juli) 12 000 Kommunionen in der Wallfahrtskirche ausgeteilt wurden; einen Tag zuvor waren es 7 000. Und das bei knapp 2 500 Einwohnern von Werl. 

Die Wallfahrer in den 1970er-Jahren nach dem Auszug aus der Werler Basilika.

Pilgermärsche in politische Kundgebungen verwandelt

Keine 100 Jahre später gab es keinen Grund mehr zum Jubeln. Dieses Mal drohte die Werl-Wallfahrt, im Kulturkampf unterzugehen. Unter Federführung des Reichskanzlers Otto von Bismarck versuchte der preußische Staat zwischen 1871 und 1878, den Einfluss der katholischen Kirche zurückzudrängen. Infolgedessen wurden viele Klöster aufgelöst, auch das Kapuzinerkloster in Werne. Allerdings deckten die pfiffigen Bürger zwei Mönche, die dort unter dem Schutz des Grafen von Merveldt heimlich weiterhin Gottesdienste abhielten. Und auch von ihren angestammten Wallfahrten wollten die Katholiken in Westfalen nicht ablassen. Kurzerhand verwandelten sie die Pilgermärsche in politische Kundgebungen. Zu jener Zeit zogen Wallfahrten noch Massen von Menschen an. Ein Umstand, der die preußischen Behörden nervös machte. Um Unruhen zu vermeiden, wurde beschlossen, dass „althergebrachte Prozessionen“ geduldet würden. 

Per Rundschreiben gelangte diese Verordnung auch nach Werne. Bürgermeister Bernhard Thiers bescheinigte, dass „seit langen Jahren“ eine Wallfahrtsprozession von Werne über Sandbochum, Pelkum und Westerbönen nach Werl stattfinde. 

Mit diesem Schriftstück bestätigte Bürgermeister Bernhard Thiers am 5. Juli 1878 die lange Tradition der Wallfahrt.

Nationalsozialisten verboten die Wallfahrt 

Wie Pater Eberhard Moßmaier schreibt, wurde die geforderte „Herkömmlichkeit“ der Wallfahrt schlicht durch „Vernehmung alter Leute“ festgestellt. Den Behörden genügte es, die Wallfahrt durfte fortbestehen. Bis die Nationalsozialisten im Zuge ihrer Gleichschaltung des politisch-gesellschaftlichen Lebens die Wallfahrten wie auch andere religiöse Bräuche verboten. 

Trotzdem machte sich am 26. Juli 1941 etwa 200 Menschen aus Werne auf den Weg. Auf dem Parkplatz vor der Gaststätte Wuest in Hilbeck wurden die Wallfahrer von einigen Männern abgefangen, die sich als Beamte der Gestapo auswiesen. Sie verboten den Pilgern, die Gaststätte zu betreten und wiesen die Wallfahrtsleitung – Josef Schäper, Franz Bülhoff und Pater Jordan – an, den Parkplatz innerhalb einer halben Stunde zu räumen. Die drei Männer hatten alle Mühe, die erbosten Pilger zur Rückkehr zu bewegen. 

Einige Hartnäckige versuchten, an einem nahe gelegenen Kleinbahnhof per Zug nach Werl zu kommen. Doch die Gestapo hatte den Verkauf von Fahrkarten in die Wallfahrtsstadt verboten. In den folgenden drei Jahren unterblieb die Wallfahrt von Werne nach Werl. Jedenfalls offiziell. Doch tatsächlich taten sich Frauen und Männer unter dem Vorwand zusammen, einen Ausflug machen zu wollen. In unauffälligen Mini-Gruppen wanderten sie dann auf den angestammten Wegen nach Werl und brachten ihre Kerzen zum Gnadenbild.

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