Interview

„Guter Zeitpunkt, sich zurückzuziehen“: Vorstandsvorsitzender Lohmann verlässt Ende 2020 die Sparkasse

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1996 trat Thomas Lohmann in den Vorstand der damaligen Stadtsparkasse Werne ein, 2004 übernahm er den Vorsitz, den er auch im Führungsgremium der heutigen Sparkasse an der Lippe innehat. Das Kreditinstitut sei trotz schwieriger Marktsituation gut aufgestellt, sagt er.

Werne/Lünen – Thomas Lohmann, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse an der Lippe, verabschiedet sich nach Auslaufen seines aktuellen Vertrags Ende 2020 in den Ruhestand. Das kündigt der 60-Jährige im Interview mit dem WA an.

Zu dem Gespräch hatte ihn Redakteur Jürgen Menke gebeten, weil er nunmehr seit 40 Jahren Sparkassen-Mitarbeiter ist. 

Vier Jahrzehnte bei der Sparkasse: Woran denken Sie, wenn Sie zurückblicken? 

Thomas Lohmann: Daran, dass die Entwicklung beeindruckend war. Dabei hat sich unser Kerngeschäft eigentlich nicht geändert: Wir geben unseren Kunden die Möglichkeit, Geld sicher anzulegen, und versorgen Privatpersonen und den Mittelstand mit Krediten zu marktgängigen Konditionen. Wenn man sich aber den Aufwand drumherum ansieht, sind die Zeiten nicht mehr zu vergleichen. 

Worin besteht dieser Aufwand? 

In den ganzen Regularien. Früher war eine Hypothekenfinanzierung maximal zwei Seiten lang, heute bekommen die Kunden bis zu 70, 75 Seiten Papier von uns in die Hand gedrückt – mit Rechtsbehelf- und Widerrufserklärungen und, und, und. Die Anforderungen der Aufsicht haben sich enorm verändert. 

Macht’s denn noch Spaß? 

Das Geschäft als solches ja – dem, was alles dranhängt, wird man manchmal überdrüssig. Wir müssen etwa auch vierteljährlich Berichte zur Risikoanalyse mit bis zu 200 Seiten vorlegen. Ich glaube einfach nicht, dass sich die Struktur des Geschäftes in so kurzer Abständen stark verändert. Ob wirklich alles im Sinne des Kunden ist, was im Zuge des Kundenschutzes gefordert wird, wage ich mal dahinzustellen.

Sie sind 2014 an die Spitze der damaligen Stadtsparkasse Werne aufgerückt: War das Ihr berufliches Ziel, einmal Vorstandsvorsitzender einer Sparkasse zu werden? 

Nein. Als ich 1979 als Auszubildender anfing, habe ich schnell eine Affinität zum Kreditgeschäft entwickelt. Ich wollte mal Leiter einer Kreditabteilung werden, war dann später Vertreter des Vorstands. Im Laufe der Zeit habe ich dann aber gemerkt: Von dem, was ein Vorstand macht, bist du gar nicht so weit entfernt. 

Anfang 2016 sind die Sparkassen Werne und Lünen/Selm zur Sparkasse an der Lippe fusioniert: War das rückblickend der richtige Schritt? 

Auf alle Fälle. Beide Häuser waren gesunde Kreditinstitute und sie wären es ohne Fusion auch heute noch. Die vor 15 Jahren begonnene Zinssenkungsphase hat aber dazu geführt, dass auch sie deutlich mehr dem wirtschaftlichen Druck ausgesetzt waren. Als ich 1996 nach Werne kam, hatten wir – gemessen am Geschäftsvolumen – eine Zinsspanne, also einen Rohertrag, von fast 3,5 Prozent. Heute liegen wir deutlich unter zwei Prozent und die Kosten sind gestiegen. Wir sind zwar auch deutlich effizienter geworden, aber der Druck auf die Margen nimmt weiter zu. Wir hatten erst vor wenige Wochen historische Niedrigzinsen. Das heißt: Wer heute eine Bundesanleihe kauft, kriegt in zehn Jahren rund 93 Prozent zurück und muss noch die Inflation verkraften. 

In Werne wurde die Fusion mit Zustimmung begleitet, in Lünen gab‘s auch Ablehnung. So hatte die Wählergemeinschaft GFL sogar Gerichte bemüht, um den Ratsbeschluss dort aufzuheben und Auskünfte über wirtschaftliche Hintergründe zu bekommen. Wirkt das noch nach? 

Ich kann das nicht wahrnehmen. In den Gremien haben wir gut zueinandergefunden. Natürlich wird diskutiert und um die besten Entscheidungen gerungen, aber wir arbeiten vertrauensvoll im Sinne der Sparkasse zusammen. 

Muss sich die Sparkasse in ihrer jetzigen Größe auf die Suche nach weiteren Partnern begeben oder ist sie auf Dauer überlebensfähig? 

Wir sind ein gut aufgestelltes Haus, haben ausreichend Eigenkapital und in den letzten Jahren im Kundengeschäft deutlich dazugewonnen. Das war auch einer der Gründe für die Fusion, weil jedes Haus beim Begleiten großer Kunden an seine Grenzen gekommen war. Wenn aber die Zinssituation anhält, stehen wir vor den gleichen Herausforderungen wie in früheren Jahren: Wir müssen uns verändern. 

Das klingt ein wenig dramatisch ... 

Ich will niemandem Angst machen. Rückblickend amüsieren wir uns heute mitunter darüber, was wir vor einigen Jahren für Probleme hatten. Ich glaube, wir werden auch in fünf oder acht Jahren da sitzen und sagen: 2018/19/20 war schwierig, aber im Gegensatz zu dem, was es heute ist, war’s doch gar nicht so schlimm. Und sehen Sie mal: Auch die Kunden verändern sich. Die Hälfte der Kunden kommuniziert mit uns nur noch via Internet. Die Quote beim Online-Banking hat sich von 30 Prozent vor der Fusion auf heute mehr als 50 Prozent erhöht. 

Die Stadt Werne hält einen Anteil von 35 Prozent an der Sparkasse an der Lippe, und diese erwirtschaftet Gewinne. Eine Gewinnausschüttung gab es zuletzt aber nicht ... 

Die Zweckverbandsversammlung, in der die Gesellschafter sitzen, hat beschlossen, den Gewinn dem Eigenkapital zuzuschlagen. Das halte ich auch für richtig. Kreditinstitute können nur so wachsen, wie auch ihr Eigenkapital wächst. Wenn ich nicht laufend neues Eigenkapital bilde, muss ich Kunden möglicherweise sagen, dass ich ihnen kein Kredit geben kann. Wir brauchen heute ungefähr 11,75 Prozent Eigenkapital auf unser Kreditgeschäft. Aber Ausschüttung ist nur das eine: Wir sind ein großer Steuerzahler in unserer Region und ein großer Förderer des öffentlichen Lebens, unterstützen viele Veranstaltungen und Projekte. Und jeder weiß: Man kann den Euro nur einmal ausgeben. 

Das Geschäftsjahr 2019: Wagen Sie einen Ausblick? 

Da muss man immer ganz vorsichtig sein, weil wir Vieles noch nicht absehen können. Aber wir sind optimistisch, dass wir wieder ein gutes Wachstum hinlegen werden, was das Kundengeschäft angeht, insbesondere beim Kreditgeschäft. Und wir genießen weiterhin ein sehr großes Vertrauen der Kunden; das zeigt der deutliche Einlagenzuwachs. Die Ertragslage wird sicherlich in den zu Jahresbeginn aufgestellten Budgets liegen. 

Wegen des Niedrigzins’ haben bereits einzelne Sparkassen in der Region ältere, gut dotierte Prämien-Sparverträge gekündigt. Muss auch die Sparkasse an der Lippe darüber nachdenken? 

Wir haben dazu aktuell keinen Beschluss in unserem Haus. Man muss aber generell festhalten, was der BGH in der Sache entschieden hat. Er sagt, dass man die Sparverträge kündigen kann, sofern ihr Ziel nach einer festgelegten Zeit erreicht ist, die Verträge also erfüllt wurden. Das Recht haben alle, die diese Verträge ausgestellt haben, nicht nur Sparkassen, auch andere Kreditinstitute. Letztendlich sind wir ein kaufmännischer Betrieb und müssen am Ende des Tages auch vernünftige Zahlen schreiben können. Uns gelingt dies auch dank des großen Engagements der Mitarbeiter. 

Die Sparkasse hat sich in Werne neu aufgestellt, zwei Filialen geschlossen, die Hauptstelle großzügig umgebaut: Gab‘s mehr Lob oder mehr Kritik? 

Am Anfang gab’s etwas Kritik – wie immer, wenn etwas Gewohntes wegfällt oder sich verändert. Letztlich hat aber gerade die Renovierung der Geschäftsstelle am Markt sehr überzeugt. Wir haben sehr, sehr viel positive Resonanz bekommen. Es gab einzelne Hinweise zu Verbesserungen, denen wir auch nachgekommen sind – das bewegte sich aber im homöopathischen Bereich. 

Sie sind jetzt 60 Jahre alt: Wie lange möchten Sie Ihren Job noch machen? 

Sparkassenvorstände haben immer Dienstverträge mit einer Laufzeit von fünf Jahren. Mein aktueller Vertrag läuft bis Ende 2020; den werde ich natürlich erfüllen. Ich habe aber dem Vorsitzenden des Verwaltungsrats mitgeteilt, dass ich mit dann fast 62 Jahren beabsichtige, in den Ruhestand zu gehen. 

Was ist der Grund für die Entscheidung? 

Ich habe dann über 40 Jahre gearbeitet – wohlgemerkt: immer gerne gearbeitet – und das Haus sowie das Vorgängerhaus 25 Jahre lang als Vorstand geführt. Ich glaube, das ist ein guter Zeitpunkt, um sich zurückzuziehen, und ein guter Abschluss. Die vielen Jahre haben ja auch ihre Spuren hinterlassen und die Zeit, die ich noch arbeiten könnte, wäre überschaubar. Mir war es aber auch wichtig, dass es Planungssicherheit fürs Haus gibt; deswegen habe ich meine Entscheidung schon jetzt mitgeteilt. 

Zurzeit hat die Sparkasse insgesamt drei Vorstandsmitglieder. Muss das aus Ihrer Sicht so bleiben? 

Der Gesetzgeber hat vorgeschrieben, dass es ein Vier-Augen-Prinzip im Vorstand geben muss. Wir waren zum Zeitpunkt der Fusion zu dritt und ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass – wenn die erste Phase dieser Fusion vorbei ist – man ein Haus dieser Größe auch mit zwei Kräften führen kann. Ich will die Entscheidung der Gremien nicht vorgreifen, das steht mir auch gar nicht zu, aber ich kann mir gut vorstellen, dass man auch mit Blick auf die wachsenden Anforderungen an die Mitarbeiter ein Zeichen setzt und mit zwei Vorständen weitermacht.

Zur Person

Thomas Lohmann wurde 1959 in Lüneburg (Niedersachsen) geboren, wuchs aber in der Stadt Stade auf. Nach der Schule begann er 1979 eine Ausbildung bei der Stadtsparkasse Buxtehude und wurde danach übernommen. 1982 wechselte er zur Sparkasse Syke, wo er im Firmenkundengeschäft tätig war. Parallel dazu ließ er sich an der Sparkassenakademie zum Sparkassenbetriebswirt ausbilden. Es folgten ab 1986 mehrere Jahre berufliche Tätigkeit im Prüfdienst des Niedersächsischen Sparkassen- und Giroverbandes; sein Prüfexamen bestand Lohmann 1988 in Bonn. Von 1991 bis zu seinem Wechsel nach Werne arbeitete der heute 60-Jährige als Vorstandsvertreter bei der heutigen Sparkasse Emsland in Meppen. Mitglied im Vorstand der Stadtsparkasse Werne wurde Lohmann zum Januar 1996 für den ausscheidenden Egbert Schütte. Mit Beginn 2004 übernahm er die Funktion des Vorstandsvorsitzenden, die bis dato Gerd-Ludwig Dresen innehatte. In dieser Position blieb er auch nach der Fusion mit der Sparkasse Lünen/Selm Anfang 2016. Zu Lohmanns Hobby zählen das Radfahren, das Skifahren und seit wenigen Jahren auch das Golf spielen.

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