Klezmer-Gruppe lässt jüdische Kultur aufleben

WERNE - „Die Erinnerung darf nicht enden. Sie muss künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“ Bürgermeister Lothar Christ wählte ein Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog als Schlusspunkt seiner Ansprache zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am Montagabend im Ratssaal.

In diesem Sinne sei der Gedenktag, den Herzog 1996 im höchsten Staatsamt proklamiert hatte, in Werne begangen worden. Auf die Kranzniederlegung am Russischen Friedhof und den Rundgang entlang der neu verlegten Stolpersteine (wir berichteten) folgte die Gedenkfeier im Alten Rathaus.

An diesem Ort, einst Ausdruck des Bürgerstolzes von Werne, erinnerte Christ an einen Teil der Stadtgeschichte, auf den niemand stolz sein kann – an die jüdischen Mitbürger, die vertrieben und später in Konzentrationslagern ermordet wurden. Und an jene, die zwar fliehen konnten, aber auf immer ihre Heimat verloren. „Wir nehmen in Werne das Gedenken an diese Gräueltaten sehr ernst“, sagte Christ.

Aktiv hatte sich die Gymnasiastin Katharina Escher mit der Frage auseinandergesetzt, wie Erinnerung an die Untaten der Nationalsozialisten stattfinden kann. Da sie bis zur Themensuche für eine Facharbeit nichts von den Stolpersteinen in Werne gehört hatte, wählte sie diese zum Gegenstand ihrer Untersuchung.

In der Feierstunde stellte sie vor, was ihre Umfrage unter Passanten in der Innenstadt ergeben hatte: „Das Projekt der Stolpersteine ist in Werne keinesfalls gescheitert.“ Allerdings, so Escher, könnte die Wirkung der Steine verstärkt werden. „Wegen der geringen Einwohnerzahl fällt in Werne das vom Künstler vorgesehene Polieren durch Betreten weg.“

Abhilfe verspricht eine Initiative des Anne-Frank-Gymnasiums, wie Lehrerin Jill Högele berichtete. Dort will eine Schüler-AG im Rahmen der Aktion „Schule ohne Rassismus“ die regelmäßige Reinigung der Messingplatten im Pflaster übernehmen.

Der Abend schloss mit einem Klezmer-Konzert. „Auf so einer Gedenkveranstaltung kann man nichts Besseres spielen“, sagte Dagmar Petzgen, Sängerin der Gruppe „Min Halev“. Das ist hebräisch und bedeutet „Von Herzen“. Und von Herzen kommt sie, jene Musik, die sich aus der Volksmusik der in Mittel- und Osteuropa ansässigen Juden entwickelte.

Auf Hochzeiten spielten die Klezmorim genannten Volksmusikanten, auf Erntefesten und auf Trauerfeiern. „Und so gibt es fröhliche Lieder mit traurigen Texten und umgekehrt“, erzählte Petzgen. Zwar sang sie die meisten Lieder auf jiddisch, aber ihre ausdrucksvolle Interpretation ließ die Gäste den Inhalt trotzdem verstehen. Dazu klagte und jubelte die Geige (David Orievski), schmeichelte und vibrierte das Akkordeon (Angelika Papadopoulos).

So unbändig fröhlich manche Lieder sind, so schmerzlich traurig sind andere. So wie das Lied „Donna, Donna“: Es entstand in der Zeit der Nationalsozialisten und spiegelt die Situation der Juden in der Geschichte eines Kälbchens, das zur Schlachtbank geführt wird. Die Gruppe sang es im Alten Rathaus zusammen mit den Gästen, die den jiddischen Text auf einem Handzettel erhalten hatten.

Die europäischen Juden hatten sich ihr musikalisches Erbe selbst unter der größten Katastrophe in der Geschichte ihres Volkes bewahrt. Sie spielten die tradituionellen Stücke in den Ghettos von Warschau und Krakau und sogar noch in Auschwitz. Ihre Musik sollte überleben. - asz

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare