Am Bahnsteig Werne gibt es Ticketautomat mit Videoberatung

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Marlies Schramm hatte ihre Fahrkarte samt Verbindungsübersicht für die Reise nach Neumünster schon in der Tasche. Zum Test der Beratungsfunktion fragte sie für den WA nach der Pünktlichkeit der RB 50 – und musste feststellen, dass der IC ab Münster nicht fuhr.

Werne - Fahrkartenschalter gibt’s am Werner Bahnhof ewig nicht mehr. Via Bildschirm können sich Kunden seit Sonntag nach Zügen und Tickets erkundigen: Persönlicher Informations-Assistent (PIA) heißt das System, mit dem Verkehrsverband NWL Hilfe per Video bietet. Bild und Ton waren beim Test gut, die Auskünfte schlecht: Streik.

An sich eine gute Sache, so ein „Persönlicher Informations-Assistent“ auf dem Bahnsteig. Aber für Marlies Schramm hat „PIA“ schlechte Nachrichten an diesem Montagmorgen. Der Intercity 2226, mit dem die Wernerin um 13.57 Uhr ab Münster nach Neumünster fahren wollte, wird gar nicht fahren: der Streik ... 

Dass der Ausstand der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ihre Reise stören könnte, hat die 79-Jährige schon befürchtet. Eineinhalb Stunden früher harrt sie auf dem zugigen Bahnhof aus in der Sorge, in Münster den Anschluss zu verpassen. 

Westfalentarif beschert Fahrkartenautomat

„Ich fahre extra einen Zug früher als nötig. Hoffentlich kommt der auch“, sagt Schramm, während die Laufschrift auf dem Display unablässig darauf verweist, dass im Bahnverkehr einiges durcheinander ist. 11.35 Uhr ist es, und die Frage offen, ob die RB 50 um 11.57 Uhr die Wartenden planmäßig Richtung Münster bringen wird.

Aber seit dem Fahrplanwechsel am Sonntag ist den Reisenden ja PIA zu Diensten. Das ist die Videoberatungsfunktion an dem Fahrkartenautomaten, den die Einführung des Westfalentarifs Werne und 28 weiteren Orten im Beritt des NWL im Juni beschert hat, nachdem es über Jahre keine mehr gab.

Wer in Werne startet, ist nicht mehr einzig darauf angewiesen, vor dem Automaten in der rollenden RB 50 schwankend ein Ticket zu erhalten. Das gibt’s nun mit festem Stand am neuen blauen Kasten auf dem Bahnsteig.

Kein Touchscreen mit Bedienfunktion

Geblieben ist aber das Problem, dass die Bedienung manchen arg fordert. Wer mit dem Menü auf dem Bildschirm hadert oder eine Auskunft benötigt, dem hilft PIA nun weiter – sobald er den „Hier drücken“-Knopf etwas abseits des Sichtfeldes gefunden hat. Dass die Sprechblase samt Knöpfchen zuerst auf dem Display ins Auge springt, irritiert. Das ist kein Touchscreen mit Bedienfunktion.

Zwei Schritte zurück und ein suchender Blick, dann geht’s weiter. Auf Bitte des Reporters drückt Schramm die Taste, um sich nach der Regionalbahn zu erkundigen. Kurz darauf erscheint „PIA“ auf dem Monitor. Die Beraterin ist freundlich, muss aber im DB-System den Informationsvorsprung der Kundin aufholen. Marlies Schramm hat sich bestens vorbereitet und ihre Fahrkarte im Reisebüro besorgt. Weil sie mit Rollator reist, hat sie bei der DB Hilfe auf dem Bahnsteig in Münster bestellt. Nur um die Verlässlichkeit der Bahn nach Münster sorgt sie sich. 

Doch es kommt anders und hart für die Seniorin: PIA hat sich zuerst um die Verbindung nach Neumünster gekümmert: „Der Zug fällt aus“, eröffnet sie. Ein Zug ab 15.20 Uhr würde sie noch ans Ziel bringen, mit Umstieg im Hamburg. „Da wollte sich fast da sein. Und ich habe extra einen durchgehenden Zug gebucht, weil ich mit dem Rollator nicht umsteigen will“, erwidert Schramm und zweifelt: Lohnt die Reise noch? 

Freundliche Beraterin versucht zu trösten 

Die Beraterin spricht ihr zu: „Gehen Sie in Münster ins Reisezentrum. Die Fahrkarte können Sie umschreiben lassen. Die Kollegen kümmern sich um alles weitere. Sie werden von der Hilfe auf dem Bahnsteig ja auch erwartet. Die sagen dort Bescheid.“ Schramm ringt mit sich: Einsteigen, Stunden in Münster ausharren und dann spät in der Dunkelheit ankommen – oder heim gehen und den 80. Geburtstag der Freundin tags darauf verpassen?

„Ist leider ein schwieriger Tag heute“, sagt PIA, und versucht es zum Abschied noch mit der Standardformel zum Trost: „Sie wissen doch: Wenn einer eine Reise tut, dann ...“ Schramm bedankt sich und fasst sich kurz darauf: Erst mal nach Münster. Und dann mal sehen, wie es weiter geht ...

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