Stolpersteine erinnern an die Opfer des Holocaust

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Bürgermeister Lothar Christ erinnerte an die jüdischen Bürger der Stadt Werne. ▪

WERNE ▪ War’s Glück oder weise Voraussicht? In jedem Fall konnte die jüdische Familie Heimann, die einst in Werne eine Fleischerei betrieb, rechtzeitig aus Nazi-Deutschland in die USA flüchten. Doch bis dahin waren sie wie viele andere Menschen Zielscheibe von erbarmungslosem Hass, perfider Erniedrigung und blindwütiger Verfolgung. An die Heimanns und ihr ergreifendes Schicksal erinnern nun Stolpersteine, eingelassen im Boden vor dem Haus Steinstraße Nummer 33 – dort, wo die Familie wohnte und eine Fleischerei betrieb.

Die mit Namen versehenen, messingbeschlagenen Stolpersteine wurden heute, am offiziellen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, in die Erde gesetzt. Es sind die Steine 13 bis 18 in Werne. Eine erste Verlegung hatte es 2006 gegeben, ein Jahr später eine zweite – damals noch mit dem Künstler Gunter Demnig, der diesmal angesichts der europaweit großen Resonanz auf seine Aktion nicht dabei sein konnte. Dafür waren es rund 60 Werner Bürger.

Die Gedenkstunde begann am Museum. Dort enthüllten Bürgermeister Lothar Christ und Einrichtungsleiterin Heidelore-Fertig-Möller einen Lageplan, auf dem abgebildet ist, wo die Stolpersteine in Werne zu finden sind und an wen sie erinnern. Die Übersicht soll dauerhaft im Museums-Schaukasten hängen.

In seiner kurzen Ansprache betonte Christ, dass die Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus auch deshalb aufrecht erhalten werden müsse, damit Vergleichbares in Zukunft nicht mehr geschieht. „Dass eine solche Gefahr politischer Irrwege durchaus real ist, haben die vor einiger Zeit aufgedeckten Aktivitäten und Gewalttaten rechtsextremer Personen aus der Neonazi-Szene nachdrücklich verdeutlicht“, sagte er.

Nach dem gemeinsamen Gang zur Steinstraße trugen vier Realschülerinnen Ausschnitte aus Leslie Schwartz Buch „Durch die Hölle von Auschwitz und Dachau“ vor. Der in Münster lebende Schwartz war vor zwei Jahren in Werne zu Gast, um über sein Schicksal zu berichten. Heidelore Fertig-Möller berichtet aus dem Leben der Juden in Werne und las aus einem Brief der heute fast 87-jährigen Hannelore Adler, geb. Heimann, mit der sie seit langem in Kontakt steht. „Wir haben von der Aktion gehört und sind sehr gerührt“, schreibt sie. „Wir danken für alles und wünschen alle gute für die Zukunft.“

Hannelore Adler lebt in Statesville, North Carolina. Zusammen mit ihrer Mutter und zwei Geschwisternbetrat sie 1940 die „Veendam“, das letzte Schiff, das Flüchtlinge von Amsterdam nach New York übersetzte. Vater Albert Heimann und die große Schwester Julie waren da bereits in den USA. „Es gleicht einem Wunder, dass alle überlebt haben, denn es war schon nach ‘33 nicht einfach, aus Nazi-Deutschland rauszukommen“, sagt Heidelore Fertig-Möller.

Die Fleischerei, in der es nicht nur koschere Waren gab, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Isaac Heimann gegründet, dem Großvater Albert Heimann. Dieser wiederum übernahm den Betrieb 1925 nach seiner Heirat mit Rosa Fromm von seinem Vater. Die Repressalien wurden nach Machtergreifung der Nazis immer stärker. „Als Jude durften sie nicht in Solebad, nicht ins Kino, sie mussten die Straßenseite wechseln, wenn Ihnen ein so genannter Arier entgegen kam, und jüdische Kinder mussten in der Schule in der hinteren Bank sitzen und wurden nicht drangenommen“, berichtete Fertig-Möller.

Die Heimanns entschieden sich nach der Reichspogromnacht 1938 zur Flucht. Ihr Haus wurde geplündert, sie gingen mit dem wenigen, das ihnen geblieben war. Albert Reimann, der für Deutschland in den Ersten Weltkrieg gezogen war, verkaufte fortan in New York westfälische Würstchen. Die Thora-Rolle, die er noch hatte aus der brennenden Synagoge retten können, schenkte er der dortigen Gemeinde Hebrew Tabernacle. ▪ am

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