Serie "Verborgene Orte": Im Magazinkeller der Stadtbücherei

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"Vor allen Dingen bin ich Mensch, und wenn ein andrer Mensch sich in Not befindet und ihm helfen kann, so frage ich nicht, ob seine Haut eine grüne oder blaue Farbe hat." Karl May, Old Surehand I, 1894, S. 242

Wer diese Zeilen der Banditen- und Indianergeschichten von Karl May in der Stadtbücherei Werne lesen möchte, der wird sie in den öffentlich zugänglichen Regalen kaum finden. 

Und doch sind die Gesammelten Werke Karl Mays vorrätig: im Magazinkeller der Stadtbücherei im Alten Steinhaus, ein verborgener Ort für die Büchereibesucher. „Aus Platzgründen können wir nicht alle Titel im Sortiment haben, das sich über unsere beiden Etagen erstreckt. Das wären zu viele“, nennt Bibliotheksleiterin Gerlinde Schürkmann den simplen Grund. 

Der Magazinkeller der Stadtbücherei:

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Als sie die schwere braune Eisentür aufschließt, strömt ein gewöhnlicher Kellerduft nach Staub und abgestandener Luft aus dem etwa 20 Quadratmeter großen Raum, der sich mit dem Geruch von alten Büchern gemischt hat. 558 Werke sind dort aktuell gesammelt. 

Es gebe immer wieder mal Anfragen nach Einsichtnahmen in die Magazinbestände, gerade auch zur Stadtgeschichte Wernes. „Nach den Klassikern wird aber am meisten gefragt. Wenn im Fernsehen die alten Winnetou-Filme laufen, wollen unsere Besucher auch die alten Schätze Karl Mays hier sehen“, sagt Schürkmann. 

Ältestes Buch ist 100 Jahre alt 

„Auch wenn beispielsweise Shakespeare in der Schule gelesen wird, wollen die Schüler die ältere Version hier unten sehen“, sagt sie weiter. Brecht, Brentano, Kafka, Kästner – die Liste der Klassiker im Verborgenen ist lang. 

Aber welches ist der älteste Schinken, der im Keller des Alten Steinhauses schlummert? Ein Blick in den Bibliothekskatalog verrät: Das älteste Buch stammt aus dem Jahr 1917 und trägt den Titel „Die Entstehung und Feldmarkverfassung der Stadt Werne“. Autor ist Josef Lappe, westfälischer Heimatforscher und Kommunalpolitiker. 

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Und was ist mit verbotenen Büchern wie „Mein Kampf“ von Adolf Hitler? „Das befindet sich nicht im Magazinkeller. Dieses Exemplar bewahre ich in meinem Büro auf“, erklärt die Bibliotheksleiterin. Das Buch darf nicht an jeden Nutzer ausgeliehen werden. 

Nur mit einer Lizenz für die wissenschaftliche Forschung sei dieses zu beschaffen. „Davon wurde bisher aber nur zwei mal Gebrauch gemacht“, erinnert sich die studierte Bibliothekarin, die seit 1989 in der Bücherei arbeitet; seit 1993 in der leitenden Funktion. Die neue kommentierte Fassung – Anfang 2016 erschienen – sei auch im Freihandbestand aufgenommen worden, werde aber wenig ausgeliehen. 

Bücher werden unter dem Dach etikettiert 

Der zweite verborgene Ort der Stadtbücherei befindet sich nicht unter der Erde, sondern hoch oben: Im Dachgeschoss, zwei Arbeitszimmer und ein Aufenthaltsraum, arbeiten die insgesamt sieben Fachkräfte und ein Auszubildender an der Bereitstellung der Bücher für den Ausleihverkehr. 

Der "verborgene Ort" im Dachgeschoss:

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Das heißt: Jedes Buch muss foliert werden, damit es möglichst lange dem regen Austausch standhält. Und es wird etikettiert, damit es seinen festes Platz erhält. Auch mit dem Namen des Autors und einer Altersempfehlung wird das neu eingekaufte Buch versehen. Jedes Exemplar ist nur einmal vorrätig. „Da sind Vorbestellungen bei Bestsellern programmiert“, sagt Schürkmann.

Unter dem Dach werden aber auch die „Erinnerungskoffer“, ein Training für das Gedächtnis demenzkranker Menschen, gesammelt sowie die 81 Medienkisten für Kitas, Grundschule, Ganztagsbetreuung oder Erprobungsstufe. Jede Kiste enthält Titel zu einem Thema, zum Beispiel Märchen, Dinosaurier, Weltall oder Entspannung. 

Gerlinde Schürkmann im Interview:

Diese Kisten können im Unterricht genutzt und drei Monate ausgeliehen werden. „Die Zusammenarbeit mit Kitas und Schulen ist ein bedeutender Baustein, Leseförderung ist sehr wichtig“, so die Leiterin. Einmal im Jahr öffnet sie den „verborgenen Ort“ unterm Dach deshalb im Rahmen der Vorleseaktionen für Erstklässler und deren Eltern. 

Im November bietet er zum Motto „Lesen bei Kerzenschein“ besondere Atmosphäre. „Mit all unseren Aktionen und Angeboten wollen wir vermitteln, dass Lesen Spaß macht“, erklärt Schürkmann. 

Serie "Verborgene Orte": Besuch in der Stadtbücherei

Jenseits der „verborgenen Orte“ ist die Bücherei genau das Gegenteil davon: Sie ist Aufenthaltsort für Kinder und Jugendliche. Schüler treffen sich zu Hausaufgaben oder Nachhilfe, Flüchtlinge lernen dort. Im April 2016 wurde die Jugendabteilung mit Spielekonsolen ausgestattet, ein Magnet, „gerade, wenn Fifa eingelegt ist“, sagt Schürkmann lachend. 

Natürlich sei, wie anderenorts, die Ausleihe der 52.000 Werner Medien rückläufig. Doch die Nutzung der 2014 gestarteten „Onleihe24“ für E-Books steige. „Im Urlaub bin ich auch auf E-Books umgestiegen, zuhause bleibe ich dem Buch treu. Das Haptische mag ich sehr“, sagt sie. Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist: Auch die haptischen Schätze aus dem Keller geben die Mitarbeiter den Kunden gern wieder in die Hand.

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