Urteil im Mordprozess

Elf Jahre und acht Monate Haft für Tod von Elsbeth B.

WERNE/DORTMUND - Wegen Totschlags muss eine 28-jährige Frau aus Werne für elf Jahre und acht Monate ins Gefängnis. Dieses Urteil fällte am Donnerstag nach über 50 Verhandlungstagen das Dortmunder Schwurgericht unter Vorsitz von Wolfgang Meyer.

Von Lisa Moorwessel

Seit Juni 2011 musste sich vor diesem Gericht die junge Frau verantworten, die für den gewaltsamen Tod von Elsbeth B. (65) aus Horst verantwortlich gemacht wurde. In einem Brief an das Gericht hatte sie zu Beginn des Großverfahrens zugegeben, die allein auf ihrem Hof lebende Witwe getötet zu haben. Die Besitzerin des Gehöfts wurde mit mehr als 20 Stichen eines Messers und eines Schraubenziehers getötet und die Leiche anschließend unter Mist in der Pferdebox eines Nachbarn verscharrt. 

Warum die 65jährige sterben musste, konnte das Gericht trotz akribischer Beweisaufnahme und Befragung vieler Zeugen und Sachverständiger nicht aufklären. Es könne sein, so Meyer in seiner eineinhalbstündigen Urteilsbegründung, die Angeklagte habe aus Wut gehandelt, dass die ältere Frau ihr Hofverbot nicht aufgehoben habe. Vielleicht auch, weil bei der Begegnung klar geworden sei, dass sie niemals deren Hof bekommen werde. 

In den Wochen vor der Bluttat hatte sich die junge Frau immer stärker in ihrem Lügengerüst verheddert. Die gescheiterte Jurastudentin hatte Schulden, konnte ihre Pferdehaltung nicht finanzieren, gaukelte aber allen vor, dass sie bald Eigentümerin des Gehöfts sein werde. Fest stehe aber, so das Gericht, dass die Frau nicht aus überzogener Tierliebe gehandelt habe. 

Nachweislich seien die wenigen noch auf dem Hof verbliebenen Pferde zur Tatzeit in einem anständigen Zustand gewesen. Auch habe die Angeklagte keinesfalls monatelang heimlich die angeblich unterernährten Tiere mit Futter und Wasser versorgt; vielmehr habe sie nach dem Rauswurf vom Hof wochenlang keinerlei Kontakt mit Elsbeth B. noch deren Tieren gehabt. 

Das Gericht sparte nicht mit Kritik an den Verteidigungsverhalten der beiden Anwälte Boelsen und Klein aus Köln. Sie hätten durch eine Vielzahl unnötiger Anträge das Strafverfahren unnötig verlängert und damit auch ihre Mandantin belastet. Diese war im Verlaufe des Verfahrens von der Untersuchungshaft wegen gravierender psychischer Probleme in eine geschlossene psychiatrische Klinik verlegt worden und galt für lange Strecken des Verfahrens als nur eingeschränkt verhandlungsfähig. 

Als "haltlose Spekulationen und Unterstellungen" bewertete das Gericht die Versuche der Verteidiger, das Verhalten des Vernehmungsbeamten abzuqualifizieren. Hier wurden, so Meyer, von den Verteidigern die "Bereiche zulässiger Verteidigungsüberlegungen überschritten". 

Die von der Angeklagten in Briefen an das Gericht behauptete Reue nimmt das Gericht ihr nicht ab. Dies sei ein "Lippenbekenntnis". Noch am Tattage habe sie nämlich eine SMS an Leute geschickt, denen sie heimlich die Pferde von Elsbeth B. verkaufen wollte: "Die Hotties können abgeholt werden. Die Alte ist endlich einsichtig und gibt den Hof ab." Hier zeige sich eindrucksvoll ihre wahre Gesinnung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.


Bilder von der Suche nach Elsbeth B. im Oktober 2010:

Suche nach vermisster Frau

Chonologie der Ereignisse:

  • 26. Oktober 2010: "65-jährige Frau aus Stockum vermisst", meldet die Polizei. Eine mehrtägige Suche nach Elsbeth B. beginnt, bei der neben Hundertschaften auch Rettungshubschrauber und -taucher zum Einsatz kommen.
  • 29. Oktober 2010: Die Polizei bestätigt den Verdacht, dass Elsbeth B. umgebracht worden sein könnte. Er fällt auf die heute 26-jährige Angeklagte aus Werne. Diese gesteht die Tat bei einer Vernehmung, es wird Haftbefehl wegen Mordes erlassen. Als Motiv gibt die Tatverdächtige Tierliebe an; so habe sich Elsbeth B. nicht ausreichend um ihre Pferde gekümmert.
  • 30. Oktober 2010: Die Einzelheiten der grausamen Tat werden bekannt. Elsbeth B. wurde erstochen, ihre Leiche in der Pferdebox ihrer eigenen Tiere verscharrt. Todestag, so stellt sich später heraus, war der 18. Oktober.
  • November 2010: Ist wirklich Tierliebe das Motiv? Zweifel mehren sich. Die mutmaßliche Mörderin könnte aus Habgier gehandelt haben, um den Hof zu bekommen, auf dem Elsbeth B. nach dem Tode des Bruders allein lebte.
  • Januar 2011: Die Staatsanwaltschaft legt die Anklageschrift vor. Sie ist von einem "Mord aus Habgier" überzeugt.
  • Mai 2011: Nach sechs Monaten Untersuchungshaft entscheidet der Haftrichter, dass die 26-Jährige bis zum Prozess hinter Gittern bleibt. Der Grund: Fluchtgefahr.
  • 8. Juni 2011: Vor dem Schwurgericht am Landgericht Dortmund beginnt der Prozess.

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