Werner Weihnachtszirkus startet am 20. Dezember

Rollendes Klassenzimmer: So lernt der Zirkus-Nachwuchs

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Werne – Am 20. Dezember starten die Aufführungen des Werner Weihnachtszirkus an der Selmer Landstraße. Neben den Vorbereitungen für die Shows büffelt der Nachwuchs der Zirkusfamilie regelmäßig auch für die Schule. Früher mussten die Kinder dafür an jedem Standort alle paar Wochen eine neue Schule besuchen. Seit 25 Jahren reist der Unterricht mit – in Form der „Schule für Circuskinder“.

Statt in Klassenräumen erfolgt der Unterricht in kleinen Wohnmobilen. Eins davon hat der Zirkus stets im Schlepptau, andere rollen samt Lehrer quer durch das gesamte Bundesland, um die jungen Artisten an verschiedenen Orten zu unterrichten. Insgesamt gibt es aktuell 30 Lehrerinnen und Lehrer, die knapp 300 Kinder unterrichten. 

Bei der Familie des „Circus Manjana“, der zur Zeit in Werne zu Gast ist, werden Williams (9), Lessly (11) und Isabel (13) von Lehrerin Kirsten Leist parallel in Mathe, Englisch und Deutsch unterrichtet. Ein paar Meter weiter in einem der Wohnmobile der „Schule für Circuskinder“ führt Lehrer Winfried Hoffmann mit den beiden „Großen“ Jeffrey (13) und Natascha (15) zeitgleich eine Kunststunde durch. 

„Ich habe das bisher an noch keinem Tag bereut“

Seit 16 Jahren ist Grundschullehrerin Kirsten Leist dabei, infiziert vom Zirkus-Virus ist sie schon viel länger. „Vorher bin ich schon mit einem Zirkus mitgereist“, erzählt sie. An eine öffentliche Schule habe sie sich in allen Jahren nicht zurück gewünscht. „Ich könnte gar keinen Direktor ertragen, der mich morgens fragt, ob ich denn an dies oder jenes gedacht habe“. 

Ihr Kollege ist Lehrer für die Sekundarstufe I. „Ich bin zu einer Zeit mit dem Studium fertig geworden, als es für mehrere Jahre einen kompletten Einstellungsstopp gab“, erinnert sich Winfried Hoffmann, der mittlerweile seit zwölf Jahren im Dienst der mobilen Schule ist. „Ich habe das bisher an noch keinem Tag bereut“, sagt er über seine Arbeit. Die „Schule für Circuskinder“ ist eine staatlich genehmigte private Ersatzschule der Primarstufe und Sekundarstufe I mit Sitz in Hilden. Träger ist die Evangelische Kirche im Rheinland. 

Neben den Zirkus-Proben lernen Isabel, Williams und Lessly mit Kirsten Leist Mathe, Deutsch und Englisch.

Die Einrichtung soll das Recht auf chancengleiche Bildung für Kinder beruflich Reisender verwirklichen. Hoffmann startet mit seiner rollenden Schule täglich von Duisburg ins Land. „Wenn ich Glück habe, muss ich nur bis nach Dinslaken fahren, manchmal geht es aber auch bis Bielefeld.“ In der Regel haben die Kinder an zwei Tagen pro Woche Unterricht. In der Zeit ohne Unterricht ist trotzdem keine lernfreie Zeit, denn die Hausaufgaben fallen wegen der wenigen Schultage recht üppig aus. 

Chemie und Physik kaum umsetzbar

Dass in den mobilen Klassenzimmern oft mehrere unterschiedliche Jahrgänge sitzen, ist für die Pädagogen nicht neu und kein Nachteil. „Ich habe hier eben nicht 30 Kinder sitzen, sondern drei oder vier, sodass individueller Unterricht möglich ist“, sagt Hoffmann. Oberstes Ziel ist die Entwicklung von schulischem Selbstbewusstsein und selbst organisiertem Lernen. So kommt es auch vor, dass die älteren Kinder die Hausaufgaben ihrer jüngeren Geschwister kontrollieren. „Wenn Lessly die Aufgaben von Williams kontrolliert, ist das für sie eine gute Übung und ich bin etwas entlastet und kann andere Aufgaben kontrollieren“, beschreibt Leist. 

Jeffrey (l.) und Natascha (r.) haben am Freitag bei Lehrer Winfried Hoffmann unter anderem auch eine Kunststunde mit Bastelarbeiten absolviert.

Computerprogramme – beispielsweise für das Lernen der englischen Sprache – nutzt der Nachwuchs ebenfalls, hier erfolgt direkt nach der Beantwortung der Fragen eine Rückmeldung, ob die Lösung richtig oder falsch gewesen ist. Lediglich die Fächer Chemie und Physik sind in den Wohnmobil-Klassenräumen kaum umsetzbar. Dafür aber rollt ein Mobil mit einer eingebauten Werkbank durch NRW, sodass die Kinder – zusätzlich zu den Handständen in der Manege – auch praktische Erfahrungen im handwerklichen Bereich sammeln können. 

Die mobile Schule ist eine Art Gesamtschule, die Schüler können alle Abschlüsse erreichen, vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur. Statt eines Zeugnisses erhalten die Mädchen und Jungen am Ende eines Schuljahres ein Schriftgutachten. „Zeugnisnoten gibt es erst in den beiden letzten Jahren und auf dem Abschlusszeugnis, damit die erbrachten Leistungen auch vergleichbar sind.“

Stuhl-Akrobat aus RTL-Show im Programm

Zum zweiten Mal gastiert der „Circus Manjana“ nach 2018 mit seinem Weihnachtsprogramm an der Selmer Landstraße. „Die Nachfrage war im letzten Jahr sehr gut und viele haben uns gebeten, noch einmal wiederzukommen“, sagt Direktor Williams Köllner. Der guten Resonanz zur Folge hat der Weihnachtszirkus – im Vergleich zum Vorjahr – ein paar zusätzliche Tage mit Aufführungen angehängt und wird bis zum 5. Januar in der Lippestadt bleiben. Die täglichen Aufführungen beginnen um 16 Uhr. 

Lediglich die Vorstellung am 24. Dezember findet bereits um 14 Uhr statt. Köllner hat ein Programm mit vielen neuen Attraktionen angekündigt. Zum Ensemble gehören unter anderem bewegliche Weihnachtswichtel, singende Elfen und eine Feuershow von Renaldo Köllner. Auftreten wird auch Stuhl-Akrobat Jeffrey Trumpf, der bereits in der RTL-Show „Das Supertalent“ aufgetreten ist.

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