300 Zuhörer hören Passionsmusik „Polyptyque“ in der Christophorus-Kirche

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Unter dem Dirigat von Jac van Steen (r.) erklang am Sonntag die Passionsmusik „Polyptyque“ in der Christophorus-Kirche.

Werne - Mit wütenden Akkorden wendeten sich die Streicher gegen die Solovioline, deren leises Flehen einsam über dem Orchester schwebte: Eine Dichte von Emotionen erfüllte am Palmsonntag die St. Christophorus-Kirche. Zum Beginn der Karwoche erklang dort eine Passionsmusik aus der Feder des modernen Komponisten Frank Martin, kombiniert mit Chorälen von Johann Sebastian Bach.

Etwa 300 Zuhörer lauschten dem Konzert unter der Leitung des international auftretenden Dirigenten Jac van Steen. „Polyptyque“ nannte Frank Martin (1890-1974) sein Werk, nach einem mehrteiligen Altarbild im Dom von Siena. 

Dieses Polyptychon habe ihn inspiriert, wie die Musikwissenschaftlerin Andrea Knefelkamp-West in einer Einführung vor dem Konzert erklärte. Allerdings wollte der Schweizer Komponist die Bilder nicht musikalisch nacherzählen, sondern seine Empfindungen beim Betrachten der Szenen in Musik verwandeln. „Wir hören sozusagen die Atmosphäre“, sagte Knefelkamp-West.

Deutsch-niederländischen Kooperationsprojekt

Und die wurde getragen von einem deutsch-niederländischen Kooperationsprojekt: Den Part der Solovioline übernahm Annemieke Corstens, Dozentin an der Musikhochschule Tilburg und Ehefrau von Jac van Steen. Dazu spielte das FMP Orchester Tilburg, bestehend aus jungen niederländischen Musikstudierenden; die Bach-Choräle sang das Verina-Ensemble aus Werne. 

Den musikalischen Auftakt übernahm der Kantor von St. Christophorus, Dr. Hans-Joachim Wensing, mit einem Orgelstück von Olivier Messiaen (1908-1992), „Jesus nimmt das Leiden an“. Die Klangwelt dieses Stücks kündete von innerer Zerrissenheit, in seinen angespannten Tonsprüngen und fliehenden Läufen. Zwischen bedrohlicher Tiefe ließ Wensing helle Töne wie verloren wirken. 

Jac van Steen dirigiert mit straffer Hand

„Polyptyque“ differenzierte dieses Stimmungsbild weiter. Sehr sanglich und lyrisch setzte die Solovioline – die Stimme Jesu – ein. Ein starker Kontrast zur lärmenden Aufregung, die im Orchester losbrach. Noch ist es die begeisterte Aufregung, mit der Jesus am Palmsonntag empfangen wird. Bereits im zweiten Bild bereitet sich Jesus auf seinen Abschied vor: Ganz zart und behutsam spielte Annemieke Corstens eine traurige Weise; qualvolle Momente wechseln mit beherrschter Fassung. Das Orchester kommentiert mit aufwallendem Crescendo. Die Gefühlswelt eines Menschen im Angesicht des Todes ergründete Annemieke Corstens in ihrer ganzen Bandbreite. Sie nahm sich Zeit, lange Melodiebögen auszukosten und ließ im nächsten Moment den Bogen in schriller Beklemmung auf den Saiten tanzen.

Vibrierende Spannung

Im IV. Bild, im Garten von Gethsémané, lag eine vibrierende Spannung in der Luft, so sehr rieben sich Orchester und Solovioline aneinander. In den eigenen Melodien des Soloinstruments wurde die Einsamkeit Jesu spürbar. Die artikuliert vorgetragenen Bach-Choräle verstärkten diesen Impuls. Das Verina-Ensemble intonierte mal ruhig und gefasst, dann wieder mit einer fast wütenden Entschlossenheit. 

Frank Martin hat sich in vielen Kompositionen an Bach orientiert und so ließen sich die Choräle nahtlos in das moderne Stück einfügen. „Man muss nicht religiös sein, um zu diesem Werk einen Zugang zu finden“, sagte Jac van Steen, der mit straffer Hand dirigiert hatte. „Daraus sprechen Emotionen und Gedanken, die auch so ankommen.“

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