Interview mit Martin Pausch

Amazon-Mitarbeiter und Linken-Ratsherr übt Kritik an Verdi

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Martin Pausch arbeitet seit acht Jahren bei Amazon in Werne – früher in den ehemaligen Ikea-Hallen, heute im neuen Logistikzentrum im Gewerbegebiet Wahrbrink-West. Der Gewerkschaft Verdi gehört der Linken-Ratsherr nicht mehr an. Sie habe sich „verrannt“, meint er.

Werne – Ratsherr Martin Pausch von der Partei „Die Linke“ kämpft für soziale Gerechtigkeit. Die Stadt und ihre Töchter sollten ihre Mitarbeiter allesamt nach Tarif bezahlen, lautet eine seiner Forderungen. Dabei ist der 55-Jährige selbst in einem Unternehmen, das keinen Tarifvertrag hat: Amazon.

Wie das zusammenpasst, wollte WA-Redakteur Jürgen Menke von Pausch wissen, der auch Sprecher des Ortsverbandes seiner Partei ist.

Herr Pausch, ernten Sie nicht manchmal Kopfschütteln, wenn Sie sagen, wo sie arbeiten?
Das war vor sieben, acht Jahren so, aber heute nicht mehr. 

Sie sind „das“ Gesicht der „Linke“ in Werne, und Amazon gilt als Arbeitgeber, der schlecht bezahlt, miese Arbeitsbedingungen bietet und darüber hinaus alles unternimmt, um Steuern zu sparen …
Amazon bezahlt die Mitarbeiter nicht schlecht. Das Unternehmen ist aus meiner Sicht ein Logistikbetrieb. Wenn man den Tariflohn in dieser Branche zugrunde legt und die Extra-Zuwendungen wie Aktien einrechnet, bezahlt Amazon sogar übertariflich. Auch darüber hinaus macht Amazon viel für die Beschäftigten, das hat sich mittlerweile herumgesprochen. In Werne haben wir im Übrigen den Amazon-Standort mit der höchsten Quote an unbefristeten Verträgen deutschlandweit, was auch an der super Arbeit des Betriebsrats liegt. Wir sind ein Vorzeigebetrieb für das Unternehmen. Aber es stimmt: Amazon hat teils noch immer einen schlechten Ruf. 

Und woher kommt der?
Der Ruf wird ja auch durch die Gewerkschaft Verdi beschädigt. Ich arbeite sehr gerne mit Gewerkschaften zusammen, aber da sind wir verschiedener Meinung.

Blick in das Amazon-Logistikzentrum in Werne: Seit Jahren kämpft Verdi für einen Tarifvertrag beim US-Online-Händler. Der jüngste Warnstreik war in der vergangenen Woche.

Verdi fordert einen Tarifvertrag im Einzel- und Versandhandel, nicht nach den Vorgaben in der Logistikbranche. Ist das aus Ihrer Sicht nicht gerechtfertigt?
Die Linke in Werne hält sich ganz raus aus dem Tarifstreit, und das hat seinen Grund: Das Unternehmen hier heißt Amazon Logistik Werne GmbH. Es werden keine Geschäfte gemacht. Die Ware kommt rein, die Ware geht raus – damit handelt es sich um einen Logistikbetrieb. In München, wo über eine Online-Plattform verkauft wird, sieht die Sache anders aus. Jeder Standort muss gesondert betrachtet werden. 

In Werne gibt es aber gar keinen Tarifvertrag, auch keinen Logistik-Tarifvertrag …
Das ist gar nicht so ungewöhnlich. Bei den städtischen GmbHs oder etwa bei Thermo Sensor gibt es auch keinen. Von dem Gehalt, das Amazon zahlt, kann man gut leben. 

Können Sie es sich als Linken-Politiker leisten, sich mit dieser Situation zufriedenzugeben?
Ich möchte ja auch einen Tarifvertrag. Aber Verdi hat sich verrannt in dem Arbeitskampf. Was, wenn jetzt ein Richter sagt, Amazon in Werne ist ein Logistikbetrieb? Dann stehen neu eingestellte Kollegen am Ende womöglich schlechter da und die älteren geraten auf Dauer unter Druck. Dann hätte ich als Linken-Politiker für schlechtere Löhne gestreikt. Das geht nicht. 

Was sind Ihre Aufgaben bei Amazon?
Ich bin Brandschutzbeauftragter, und da gibt es eigentlich immer was zu tun, weil Amazon sich schnell entwickelt. Früher war ich auch mal als Stower tätig. Bei Amazon hat jeder, der sich Mühe gibt, Aufstiegschancen. Auch ein Ungelernter. Das ist das amerikanische Modell: vom Tellerwäscher zum Millionär. Man muss aber Engagement und Zuverlässigkeit mitbringen und pünktlich sein. Ich gehe gerne arbeiten und morgens gerne zur Arbeit. Wir haben auch ein tolles Arbeitsklima.

Aber die Höhe Ihres Weihnachtsgeldes bestimmt der Arbeitgeber …
Das ist richtig. Man könnte immer mehr gebrauchen, aber das ist nun einmal so: 400 Euro haben oder nicht haben. Wenn wir aber einen Tarifvertrag hätten, würden die Aktien wegfallen. Ihr Wert ist derzeit sehr hoch – höher, als es das tarifliche Urlaubsgeld wäre. 

Wie sieht Ihr beruflicher Werdegang aus?
Ich habe eigentlich immer gearbeitet, bin dann kurz arbeitslos geworden und wurde vom Arbeitsamt nach Amazon geschickt. Daraus sind jetzt acht Jahre geworden und mir gefällt‘s. Ich habe die gesamte Entwicklung in Werne mitgemacht. Man muss sagen: Zu meckern gibt’s bei jedem Arbeitgeber was, und man kann immer was verbessern. Amazon ist ein Arbeitgeber wie jeder andere auch, vom Sozialen her vielleicht noch stärker als andere. 

Die Stadtspitze hat den dauerhaften Verbleib Amazons in Werne im neuen Logistikzentrum groß gefeiert. Ist das Unternehmen auch aus Ihrer Sicht ein Glücksfall für Werne?
Für Werne und die ganze Umgebung. Viele Menschen, die arbeitslos waren, haben wieder eine Anstellung gefunden. Und was die Steuern und Abgaben betrifft: Jeder Beschäftigte zahlt per se Steuern und Sozialleistungen. Amazon überweist anteilig in die Sozialkassen und ich gehe davon aus, dass auch Steuern vor Ort fällig werden. Man darf auch nicht vergessen: Viele Beschäftigte sind durch Amazon aus Hartz IV rausgekommen; dieses Geld sparen die jeweiligen Kommunen. Insgesamt haben die Hartz-Gesetze aber zu mehr Ungerechtigkeit in der Gesellschaft geführt. Arbeitslose sind verpflichtet, sich auch unter Tariflohn zu bewerben, sonst gibt’s Kürzungen. Dadurch geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander. Hier läuft gehörig etwas falsch. 

Sie waren auch mal im Amazon-Betriebsrat in Werne aktiv …
Das stimmt. Weil ich im Stadtrat sitze, wurde mir das aber zu viel und ich bin heute Ersatzmitglied. Das Gremium macht wirklich eine hervorragende Arbeit, hat immer ein offenes Ohr für die Kollegen und ist super engagiert. Das muss man loben. Mit den Betriebsvereinbarungen etwa zum Urlaub oder zu Überstunden wurde viel erreicht. Man muss aber sagen: Wenn die Gewerkschaft Verdi Amazon schlecht macht, macht sie auch den Betriebsrat schlecht.

Was würden Sie sich denn von Verdi wünschen?
Dass sich die Gewerkschaft mal objektiv mit Amazon auseinandersetzt und das Unternehmen nicht immer nur verurteilt. Das ist zwar medienwirksam, aber wenig hilfreich. Man sollte einfach mal reden, aber das Kind ist in den Brunnen gefallen. Zu Weihnachten wird bestimmt wieder zu Streiks aufgerufen. Sollen sie machen. Es gibt ja das Streikrecht. Aber Verdi hat mir noch nicht erklären können, warum Amazon in Werne Einzelhandel sein soll.

Sind Sie Mitglied in der Gewerkschaft?
In der Gewerkschaft bin ich, aber nicht mehr bei Verdi. Ich bin wegen der Streiks ausgetreten und jetzt bei der IG Metall. Wir brauchen in Deutschland starke Gewerkschaften, aber Verdi ist keine starke Gewerkschaft. Sonst würden sie sich hier stärker für die städtischen Töchter einsetzen. Wenn die Linke später mal Fraktionsstärke hat, was ich mir wünsche, und mit SPD und Grünen eine Koalition bildet, dann wird es Tarifverträge für die Werne-GmbHs geben. Gleiche Arbeit, gleicher Lohn. 

Sie sind noch Einzelkämpfer im Stadtrat und wünschen sich Fraktionsstärke, also mindestens zwei Mandate für Ihre Partei. Sind sie optimistisch, dass dies gelingt?
Das entscheidet der Wähler. Unser Ortsverband versucht, für die Menschen da zu sein, ein Ohr zu haben. Unsere Sitzungen sind öffentlich, wir werden aktiv, wenn irgendwo etwas schiefläuft, und versuchen, Missstände zu beseitigen. Wir möchten, dass es der Stadt und den Menschen gut geht. Das gelingt aber nicht mit horrenden Forderungen wie etwa nach dem Erhalt des Lehrschwimmbeckens. Wir müssen vorsichtig sein, was die finanzielle Belastung für die Stadt angeht. Im Übrigen hat die Linke ganz am Anfang bei der Entscheidung für das neue Solebad gegen das Projekt und damit gegen die Schließung des Beckens gestimmt und die CDU war dafür. Wir hatten andere, günstigere Pläne. 

Wo kaufen Sie eigentlich ein?
Sei loyal, kaufe lokal – das tue ich auch, wenn ich bei Amazon bestelle, weil Amazon unter anderem in Werne beheimatet ist, aber natürlich gehe ich auch gerne in die Stadt. In den Geschäften ist die Beratung super und Werne hat eine wunderschöne Innenstadt. Vieles kriegt man hier, manches aber auch nicht. 

Sie sind auch privat sozial engagiert, organisieren Jahr für Jahr an Heiligabend die Treffen „Alle gemeinsam, keiner einsam“. Wie kam’s dazu?
Die Idee hatte Rebecca Gutzat, eine gute Freundin von mir. Sie hat mich gefragt, ob ich mitmache, ich habe sofort ja gesagt. Die Treffen werden immer beliebter. Im vergangenen Jahr hatten wir rund 80 Teilnehmer. 

Wird’s in diesem Jahr ein viertes Treffen geben?
Es liegen bereits die ersten Anmeldungen vor. Unsere Befürchtung ist, dass das Juwel im kommenden Jahr, zum Fünfjährigen, schon zu klein wird. 

Greift Ihnen Amazon unter die Arme?
Amazon unterstützt ganz viele Vereine und Einrichtungen in Werne, das ganze Jahr über. Erst vor Kurzem hatten wir auch den Aktionstag „Amazon Goes Gold“. Wir sind im Schlafanzug zur Arbeit gekommen, um ein Zeichen im Kampf gegen Krebserkrankungen bei Kindern zu setzen. Amazon gab pro Mitarbeiter im Pyjama 50 Euro. Damit werden Kinderkrebseinrichtungen unterstützt. Auch „Alle gemeinsam, keiner einsam“ wird von Amazon unterstützt.

Zur Person: Martin Pausch wurde in Dortmund geboren, hat den Beruf des Kraftfahrzeugmechanikers erlernt und kam durch seine Anstellung bei Amazon nach Werne. Er ist geschieden und hat einen 13-jährigen Sohn. 2005 gehörte er als Bundesdelegierter zu den Gründungsmitgliedern der Partei „Die Linke“. Im Werner Stadtrat sitzt der 55-Jährige seit Beginn der Legislaturperiode 2014. Pausch ist leidenschaftlicher BVB-Fan, besitzt aber keine Dauerkarte mehr, da sich der Fußball seiner Meinung nach zu sehr kommerzialisiert hat – auch durch die hohen Spielergehälter. Sein weiteres Hobby ist das Schach spielen.

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