Medikamentenmangel

Lieferengpässe: In Werne fehlen Medikamente

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Leere Schubladen sind für Apothekerin Julia Matlachowsky mittlerweile Alltag. Auch in Werne bestätigt sich der deutschlandweite Trend: Einige Medikamente sind und bleiben rar.

Werne - Vom Blutdrucksenker über Impfstoffe bis hin zum handelsüblichen Schmerzmittel: Auch die Werner Apotheker klagen über Lieferengpässe bei Medikamenten. Im Lager verschreibungspflichtiger Arzneimittel schlägt ihnen zurzeit oft gähnende Leere entgegen.

Wenn Julia Matlachowsky von der Apotheke am Solebad derzeit die „Valsartan“-Schublade öffnet, sieht sie viele leere Fächer. Denn das Blutdruckmedikament ist – ohne Aussicht auf baldigen Nachschub – vergriffen. Ähnlich verheerend sieht es bei bestimmten Antibiotika oder Impfstoffen aus. 

„Das ist normalerweise Lagerware. Aber momentan bekommen wir da nichts nachgeliefert“, erzählt die junge Apothekenleiterin. So mau wie jetzt sei es eigentlich schon seit Jahren. „Die Engpässe kommen immer wieder in Wellen. Und wir Apotheker dürfen den Kunden dann erklären, warum sie eventuell mit leeren Händen nach Hause gehen müssen.“ 

"Es ist schon alarmierend"

Überbrücken könne man derartige Knappheits-Episoden manchmal mit Medikamenten anderer Wirkstoffstärken. „Die müssen dann eben anders dosiert werden.“ Bei Antibiotika sei es oft möglich, etwa Säfte für Kinder einzunehmen – natürlich in größeren Mengen. 

In Rücksprache mit dem behandelnden Arzt bestehe zudem die Option, auf ein anderes Medikament umzusatteln. Matlachowsky: „Irgendeine Lösung finden wir immer. Aber es ist schon alarmierend.“ 

Jeden Tag wird die Liste länger

Rund 100 Meter weiter, in der Christophorus Apotheke von Ursula Brinkmann-Trötsch, wird ebenfalls rege über Medikamenten-Engpässe diskutiert. Jeden Tag geht von dort eine Liste fehlender Arzneimittel an die Großhändler raus. Und jeden Tag wird diese Liste länger. „Heute waren es 229 Posten“, verriet Brinkmann-Trötsch. 

Bei ihr fehle es momentan vor allem am Schmerzmittel Ibuprofen in höherer Konzentration. „Da ist aber nichts zu machen. Viele Firmen haben schon vorprogrammierte Bandansagen bezüglich ihrer Lieferzeiten, weil sie so oft von den Apotheken angerufen werden.“ 

Dass die betroffenen Kunden nicht glücklich seien, wenn sie ihr Medikament wechseln müssen, könne sie gut verstehen. „Noch schlimmer ist es allerdings, wenn nicht gewechselt werden kann, weil allen Produktionsfirmen der Wirkstoff fehlt.“ 

Preisdumping in der Pharmaindustrie

Gründe für die Lieferschwierigkeiten gibt es der langjährigen Apothekerin zufolge viele. „Bei Valsartan gab es beispielsweise eine große Rückrufaktion, weil Präparate verunreinigt waren.“ Großes Problem seien auch die Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Pharmafirmen. „Oft gibt es nur noch wenige Händler im Ausland, die Wirkstoffe produzieren. Und wenn die Produktion bei einem stockt, ist der nächste Engpass programmiert.“

Laut Apothekerverband Westfalen-Lippe kommt es deutschlandweit bei immer mehr Medikamenten zu Lieferengpässen. Die Gründe sind vielfältig, hängen aber zumeist mit der Auslagerung der Wirkstoffproduktion ins Ausland (oft China oder Indien) zusammen. 

Krankenkassen handeln mit Pharmafirmen sogenannte Rabattverträge aus und die Pharmafirmen versuchen wiederum, möglichst viele Produktionskosten einzusparen. Produziert wird deshalb in Asien – und zwar in großen Mengen. 

Die Folge: Kommt es bei einem der wenigen Händler, die sich am Markt halten können, zum Produktionsstau oder zu Rückrufaktionen wegen Qualitätsmängeln, hat das direkt Auswirkungen auf den Weltmarkt.

VON SHARIN LEITHEISER

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