Hausarztmangel droht Werne einzuholen - ein Drittel ist älter als 60 Jahre

+
Die Instrumente für den Check beim Hausarzt liegen bereit, aber wer nimmt sie noch in die Hand, wenn der Doktor in Rente geht?  

Werne - „Noch ist Werne eine Insel der Glückseligkeit“, sagt Ärztesprecher Dr. Piepenbrock über die Hausarzt-Versorgung. Aber das Wasser steigt:

Nach den Maßstäben der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen gilt Werne mit einer Quote von 111,1 Prozent als überversorgt. Dass ein Drittel der Mediziner die 60 schon überschritten hat, wird die Lage absehbar ändern. Was es aber buchstäblich „in der Praxis“ bedeutet, wenn die Reiferen in der Werner Ärzteschaft demnächst in den Ruhestand gehen, ist noch nicht absehbar.

Seit Dezember neue Arzt-Patienten-Relation

Vielerorten, erst recht auf dem Land, sind niedergelassene Allgemeinmediziner Mangelware, der Nachwuchs ist rar. Das hat Werne zuletzt im Bangen um die zweite Augenarztpraxis im Zuge des altersbedingten Rückzugs von Dr. Thomas Linden verfolgen müssen – auch wenn bei Fachärzten noch einmal andere Regeln gelten. Die Berechnung der Hausarztversorgung hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), in dem Ärzte, Zahnärzte, Krankenhäuser und die gesetzlichen Krankenkassen die Richtlinien bestimmen, gerade erst geändert. Seit Dezember gelten neue Basis-Verhältniszahlen, die festlegen, auf wie viele Einwohner eine Arztstelle als ausreichende Versorgung bewertet wird.

KVWL-Statistik führt 17 Vollzeitäquivalente

Dabei ist zudem die Quote verändert worden, die eine Überversorgung von Einzugsbereichen definiert und eine Sperre für neue Arztzulassungen bedeutet, wie der 1. Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), Dr. Dirk Spelmeyer, am Donnerstag der Presse erläuterte. Die genaue Kopfzahl von Ärzten in einem Versorgungsbereich nennt die KVWL aus datenrechtlichen Gründen nicht mehr. Ihrer Statistik (Stand November 2019) ist aber zu entnehmen, dass Werne als Mittelbereich mit den Kapazitäten von 17 Vollzeitstellen für Hausärzte geführt wird. Die Kopfzahl dürfte also höher sein. Diese Mediziner versorgen nach diesen Zahlen 29 662 Einwohner. „Das macht einen Versorgungsgrad von 111,1 Prozent“, sagte Jana Elbert, Pressesprecherin der KVWL. Ab 110 Prozent greift hier also die Sperre. Nur wer den Sitz eines ausscheidenden Arztes übernimmt, darf sich in Werne niederlassen.

Sperre für Neuzulassungen bleibt

Mit der Reform der Bedarfsplanungsrichtlinie hat der B-GA die Regel verschärft. Nun gilt bis zum Jahr 2022 die Sperre bereits ab 100 Prozent Versorgungsquote. Das soll die Landflucht der Mediziner aufhalten. In Werne bleibt es zunächst bei der Schwelle von 110 Prozent. Den Kreis Unna und seine Kommunen zählt der Bundesausschuss zum Ruhrgebiet. Für diesen Ballungsraum gibt es Ausnahmen, die 100er-Schwelle gilt hier nicht. Wegen der Bevölkerungsdichte zählen im Revier noch andere Eckwerte, sie sollen binnen zehn Jahren allmählich angepasst werden. Bundesweit wird die Hausarztversorgung mit 1 609 Einwohnern pro Doktor bemessen, im „Pott“ waren es zuletzt 2 087. Diese Zahl galt zuvor auch für Werne, aktuell werden 1 926 Einwohner pro Arztstelle veranschlagt, wie Vanessa Pudlo, gleichfalls Sprecherin der KVWL, berichtete. Im Sommer werde der Landesausschuss die weitere Absenkung für 2021 beschließen. 

Zu wenig Nachwuchs für die Praxen

Dass diese Maßnahme die Verteilungsproblematik bei den Hausärzten noch verschärft, weil rechnerisch mehr Stellen nicht automatisch mehr praktizierende Ärzte bescheren, räumte Ärztechef Dr. Spelmeyer ein. In bestimmten Fachgebieten, etwa bei Kinderärzten und den völlig überlaufenen Psychotherapeuten, solle dies eine bessere Versorgung ermöglichen. Damit es aber nicht noch mehr Allgemeinmediziner in die Zentren zieht, ist Sperrquote – außerhalb des Ruhrgebietes – auf 100 Prozent abgesenkt worden. Zudem versucht die KVWL den Nachwuchs mit Förderangeboten die Praxiseröffnung auf dem Land attraktiver zu machen.

Ärztesprecher: Wenn zwei gehen, wird's eng

Einen Nachfolger zu finden, sei auch in Werne nicht einfach, sagte Dr. Hans Piepenbrock. „In den nächsten Jahren dürfte der Versorgungsgrad auf etwa 100 Prozent sinken“, schätzt er. „Wenn zwei Hausärzte aufhören, wird es schon eng.“ Immerhin ist die Werner Ärzteschaft mit 32 Prozent Ü-60-Kollegen noch etwas jünger als der Durchschnitt in Westfalen-Lippe, wo rund 38 Prozent ihren 60. Geburtstag schon gefeiert haben. Die Praxis zu übergeben, um die Patienten in guten Händen zu wissen, sei oft problematisch, bedauerte Piepenbrock. 

Hausärzteverband fordert Ausbildungsstation

Der Nachwuchs ließe sich meist im Umkreis von 120 Kilometer um den Studienort nieder. „Um die Uni-Städte ist die Versorgung also gut, aber sobald eine Stadt weiter weg liegt, wird es eng.“ Zumal die Ärzte von morgen im Studium oft gar keine Hausarztpraxen kennenlernten. Der Hausärzteverband trete daher dafür ein, dass Studenten ein Quartal in einer Allgemeinmedizin-Praxis verbringen müssen. So könnte der eine oder die andere „hängen bleiben“, weil der Job besser ist als gedacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare