Kurioses aus dem Stadtarchiv

Spatzenkrieg in Werne: Als die Bürger noch Vögel jagen mussten

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Früher haben Bürger in Werne auf Anweisung Singvögel wie den Haussperling getötet.

Werne - Heutzutage würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, einen Singvogel zu töten. Vor allem nicht einen kleinen Sperling, auch Spatz genannt. Im 19. Jahrhundert war aber genau das der Auftrag an die Werner Bürger: Jagd auf Sperlinge zu machen. Und die Werner jagten die Piepmatze – sonst hätte ein Bußgeld gedroht.

Schon Friedrich der Große hatte als preußischer König im Jahr 1744 den gefräßigen Sperlingen den Kampf angesagt. Damals müssen die Insekten- und Kornfresser wohl in so großer Anzahl existiert haben, dass sie die menschliche Nahrungsgrundlage gefährdeten. 

Deshalb erließ der König die Verfügung, dass jeder Haushalt sechs Spatzenköpfe bei der Obrigkeit abzugeben habe. Wer dieser Anweisung nicht nachkam, hatte eine Extrasteuer zu entrichten. 

Ernteausfälle sollten gemindert werden

Weil aber durch die starke Dezimierung der Spatzen die Zahl der Insekten, die von den Vögeln gern gefressen werden, übermäßig zunahm, wurde diese Maßnahme bald wieder abgeschafft. 

In der Hoffnung, die Ernteausfälle zu mindern, nahm im 19. Jahrhundert der preußische König Friedrich Wilhelm IV diese Idee wieder auf. So wurde auch in den rheinisch-westlichen Provinzen Preußens den Spatzenschwärmen der Kampf angesagt. Allerdings ging man dabei nicht so radikal vor. 

Jagdaufseher sollten helfen

Der Magistrat von Werne gab auf Veranlassung der hohen preußischen Behörden im Jahr 1842 folgende Bestimmung heraus: „Da die Sperlinge zu sehr überhand genommen, so ist eine Lieferung beschlossen, wonach jeder Colon (Bauer) zwölf Stück, die übrigen Pferdebesitzer jeder sechs Stück, die Heuerlinge (Kötter) drei Stück zu liefern haben, welche bis zum 12. April bei dem Unterzeichneten abzuliefern sind.“ 

Ausdrücklich wurde den jeweiligen Jagdaufsehern die Hilfe bei der Spatzenjagd erlaubt. 

Todesquote in Werne 1843: Ein Sperling pro Haushalt

In einer weiteren Bestimmung des Magistrats von Werne heißt es: „Sollte bis zu dem festgesetzten Termin die fällige Lieferung nicht bewirkt sein, so haben die Säumigen für jedes fehlende Stück zwei Silbergroschen an die hiesige Armenkasse zu zahlen.“ 

In einer Tabelle wurde vermerkt, wie viele Spatzen ein Bürger zu liefern hatte.

Im Jahr 1843 war aus jedem Haus in der Stadt Werne mindestens ein getöteter Sperling zu liefern. In Wernes Stadtarchiv befindet sich eine entsprechende sechsseitige Tabelle, die nach den Hausnummern aufgebaut ist, mit den Namen der Bewohner und ihrem Beruf versehen ist und die jeweilige Anzahl der zu liefernden Spatzen aufweist. 

102 tote Spatzen auf der Steinstraße und dem Marktplatz

Von den Hausbesitzern auf der Steinstraße und dem Marktplatz wurden danach allein 102 tote Sperlinge geliefert. 

Es mag erstaunlich erscheinen, dass auch aus den Häusern der Innenstadt getötete Spatzen gefordert wurden. Man bedenke aber, dass bei einer Viehzählung im Jahre 1855 auf der Steinstraße und dem Marktplatz 41 Pferde, 57 Kühe und Rindvieh, 59 Ziegen und 91 Schweine gezählt wurden. 

Da ist es naheliegend, dass sich hier Sperlingsschwärme von dem Futter für die Tiere und dem entstehenden Kot miternährten. Ob dieser Werner Spatzenkrieg die Ernteausfälle tatsächlich minderte, ist nicht nachgewiesen.

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