Krisen geben Holocaust-Gedenken mehr Gewicht

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An der Gedenkstätte Russischer Friedhof legte Bürgermeister Lothar Christ einen Kranz nieder.

WERNE - Unter dem Eindruck der aktuellen Konflikte vom Ukraine-Krieg über die Terroranschlägen von Paris bis zur aufkommenden Ausländer- und Islamfeindlichkeit in Deutschland ist am Dienstag Wernes Beitrag zum Holocaust-Gedenktag in besonderen Maße zum Bekenntnis für Toleranz und Meinungsfreiheit geraten.

In diesem Kontext war es deutlich mehr Menschen als sonst ein Bedürfnis, just am 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz über die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit für die Werte einer offenen Gesellschaft heute einzutreten.

Die Beteiligung war so groß wie nie, wie Bürgermeister Lothar Christ dankbar feststellte, als er die Veranstaltung mit der Kranzniederlegung am Russischen Friedhof eröffnete. Gut 80 Menschen hatten sich an der Gedenkstätte am Südring versammelt. Dem folgenden Besuch auf dem Jüdischen Friedhof an der Südmauer schlossen sich mehr als 100 Bürger an.

Am einzigen erhaltenen Zeugnis jüdischer Kultur in Werne gab Museumsleiterin Heidelore Fertig-Möller einen Überblick über die von den Nazis brutal beendete, 400 Jahre währende Geschichte jüdischer Familien in Werne. Nach Brauch dieser Religion legten die Besucher kleine Steine als Zeichen der Anteilnahme auf die 36 erhaltenen Grabsteine. Sie begegneten so auch jenen Familien, deren Schicksal in der Judenverfolgung Werne mit den Stolpersteinen wach hält.

Es mache heute fassungslos, dass ein Werner Stadtoberhaupt – wie berichtet, der damalige Bürgermeister und stramme Nazi Dr. Kraus – die nur durch glückliche Umstände nicht vollzogenen Verlegung des Friedhofs aus ideologischen Gründen betrieben habe, sagte Christ. Der Friedhof sei für Juden eine Stätte ewigen Lebens, die nie angetastet werden dürfe. Dem sei Werne 1985 mit dem Schutz als Denkmal doch noch gerecht geworden.

Holocaust-Gedenktag

Den kritischen Blick auf die aktuellen Fragestellungen forderte der Bürgermeister ein, als er auf dem Russischen Friedhof über die Erinnerung an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Sowjet-Armee am 27. Januar 1945 den Bogen zur internationalen Tagespolitik schlug: Was mag in der schwindenen Zahl von Auschwitz-Überlebenden vorgehen, wenn Staatsoberhäupter über die Teilnahme an der Gedenkveranstaltung in Auschwitz streiten und „Wladimir Putin, Präsident desjenigen Landes, dessen Truppen den Holocaust-Überlebenden wie Erlöser erschienen, nicht anwesend ist?“

Was mögen die Opfer von Rassenwahn und religiöser Verfolgung über die Attentate in Frankreich denken? Über Kriege, Flüchtlingselend, Verfolgung und Mord? Manches von den Tätern mit dem Koran gerechtfertigt.

„Wir müssen uns gegen eine immer stärker artikulierte Ausländerfeindlichkeit und religiöse Intoleranz wehren“, forderte Christ. Bei den Demonstrationen in Dresden und anderenorts würden Ängste geschürt und Vorurteile verbreitet. „Nahezu alle Deutschen (...) haben in ihrem Alltag keinerlei Probleme mit ausländischen Mitbürger oder Deutschen mit Migrationshintergrund.“

Ebenso deutlich wandte der Bürgermeister sich gegen Parallelgesellschaften von Ausländern mit Angst machender Kriminalität und religiöser Radikalisierung. Hier genüge nicht festzustellen, dies sei „nicht der wahre Islam“. Es sei zu betonen, was sich nicht mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung vertrage: Fanatische, gewaltbereite Glaubenshaltungen, menschenverachtende Frauenbilder: „Wir bekennen uns zu der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, zu religiöser Toleranz, zu Meinungs- und Demonstrationsfreiheit. Wir wollen nicht, dass jemals wieder, wie während des Nationalsozialismus, Menschen wegen ihrer Rasse, Religion oder Meinung verfolgt oder gar getötet werden.“ Das sei aus all dem „die Lehre, die uns gerade in der jetzigen Zeit täglich bewusst sein sollte.“ - bkr

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