Intensivpatienten mit Corona

Anstieg befürchtet: Krankenhäuser im Kreis bereiten sich auf mehr Corona-Patienten vor

Evangelisches Krankenhaus in Unna
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Das Evangelischen Krankenhaus Unna stößt noch nicht an seine Grenzen bei der Intensivbetreuung.

Die Coronazahlen steigen, und auch die Krankheitsverläufe, die zu einem Krankenhausaufenthalt führen, nehmen zu. Längst nicht alle davon müssen zwar auf eine Intensivstation, doch auch diese Fälle dürften unweigerlich zunehmen. Die Krankenhäuser im Kreis Unna wappnen sich bereits.


Kreis Unna - „In zwei bis drei Wochen werden wir die Höchstzahl der Intensivpatienten aus dem April übertreffen – und das können wir gar nicht mehr verhindern. Wer bei uns in drei Wochen ins Krankenhaus eingeliefert wird, ist heute schon infiziert“, zeichnete Gerald Gaß, der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft jüngst in der „Bild am Sonntag“, ein düsteres Szenario für die nahe Zukunft.

Die Intensivbetten werden langsam knapp. Das geht aus den Zahlen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hervor. Für den Kreis Unna weist deren seit Beginn der Pandemie geführtes Intensivregister am 4. November von 103 zur Verfügung stehenden Betten noch 20 freie aus. In 14 der 83 belegten Betten liegen aktuell Covid-19-Patienten (13 Prozent) – acht davon werden beatmet. Doch die Verantwortlichen rechnen damit, dass diese Zahlen steigen werden. Nach fünf Tagen im Krankenhaus würde sich bei einigen Betroffenen der Gesundheitszustand „relativ zügig verschlechtern“, und sie müssten dann auch schnell beatmet werden, sagt Detlev Schnitker, der Sprecher des Marienkrankenhaus in Schwerte. Das hätten die bisherigen Erfahrungen mit dem Virus gezeigt.

Zahl der Intensivbetten wird erweitert

Die Krankenhäuser müssen sich also vorbereiten. Im St.-Marien-Hospital in Lünen gibt es beispielsweise eine eigene Intensivstation für Coronafälle, auf der Stand Dienstag acht Menschen behandelt werden. Zwölf Betten stehen zur Verfügung, zeitnah soll auf 20 erhöht werden. Zum Vergleich: Im Frühjahr wurden in Lünen maximal sechs Patienten intensiv behandelt.

Anfang des Jahres sei ein Pandemieplan aufgestellt worden, erklärt Berthold Lenfers, Leiter des Corona-Koordinationsteams. Der werde nun überprüft, aktualisiert und abgearbeitet. Dabei geht das Krankenhaus stufenweise vor. „Wir müssen gucken, wann ist der richtige Zeitpunkt“, sagt Lenfers. Denn fast jede Erhöhung der Kapazitäten geht mit einer Reduzierung an anderer Stelle einher. So werden nun für die Ausweitung auf 20 Betten die Räume der normalen und der Corona-Intensivstation getauscht. „Es ist davon auszugehen, dass es nicht reicht. Wir haben nicht damit gerechnet, aber wir sind vorbereitet“, sagt Lenfers zur aktuellen Kapazität. Lünen ist mit über 500 akut Infizierten ein absoluter Hotspot nicht nur im Kreis Unna.

Hoher Aufwand bei mehr Intensivpatienten

Durch die Ausweitung von Kapazitäten für die schweren Coronafälle ändern sich auch die Arbeitsabläufe in den Kliniken. Wie in Lünen werden auch im Marienkrankenhaus in Schwerte „erste Operationen abgesagt, die im Nachgang höchstwahrscheinlich intensiv überwacht werden müssen“, erklärt Klinik-Sprecher Detlev Schnitker. Für den Umbau für weitere Intensivbetten kalkuliert er ein bis zwei Tage ein. Auch Karin Riedel, Leiterin der Unternehmungskommunikation des Katholischen Hospitalverbundes Hellweg (KHH), zu dem das Evangelische Krankenhaus in Unna und das dortige Katharinen-Hospital gehören, spricht von einem „hohen Aufwand“. Am Mittwoch waren an beiden Schwerter Standorten 19 Corona-Patienten aufgenommen, mit laut Schnitker mittlerem Verlauf. Isoliert müssen sie trotzdem stationiert werden.

Ein Notfallplan liegt auch in den beiden Krankenhäuser in Unna vor. Deren Umsetzung sei aktuell allerdings noch nicht erforderlich, teilte Riedel mit. Operationen werden hier noch nicht verschoben. In Unna wurden am Dienstagmittag zusammen zwölf Covid-Patienten behandelt, einer davon wurde beatmet. Alle Sprecher weisen aber auf eine dynamische Lage hin, die sich ständig verändern könne.

Auch in Schwerte wird sich am Notfallplan aus dem März orientiert. „Damals war es Gott sei Dank nicht so schlimm“, sagt Schnitker angesichts von sieben bis acht Intensivpatienten im Frühjahr und hofft, dass es nun ebenfalls nicht zu einer Aus- oder gar Überlastung kommt. Am Mittwoch war zwar nur ein Corona-Patient auf der Intensivstation und wurde dort beatmet, durch anderweitige Notfälle seien die Station aber trotzdem voll. Und ein Verlegen würde schwer, sagt Schnittker, weil anderen spezialisierte Krankenhäuser im Gegensatz zum Sommer keine Kapazitäten mehr hätten.

Für die Intensivplätze muss es auch geschultes Personal geben

Die Betten sind aber nur das eine, schließlich muss sich auch fähiges Personal um die Menschen kümmern. Und je mehr Intensivplätze es gibt, desto größer der Arbeitsaufwand. „Wir sind in der glücklichen Lage relativ viel ausgebildetes Personal im Haus zu haben“, sagt Schnitker. So könnten Kolleginnen, die die zweijährige Fachausbildung für Intensivpflege oder Anästhesie absolviert haben, von anderen Stationen herangezogen werden. Der KHH hat seit Beginn der Pandemie Schulungen durchgeführt, damit im Notfall mehr Personal eingesetzt werden kann, das dann zumindest Assistenztätigkeiten ausüben kann. Dementsprechend sei ein „ausreichender Stand an Kräften vorhanden“, erklärt Riedel.

Auch in Lünen würde mit einem Verschieben von Pflegekräften auf eine Zunahme von Corona-Intensivbehandlungen reagiert werden. Das bleibt aber natürlich nicht folgenlos. „Das führt zu Lücken. Bei normalen Patienten müssten wir kürzer treten, die Frage ist wie kurz“, sagt Lenfers. „Das wird spürbar sein für die Bevölkerung.“ Er verweist auch darauf, dass großer Aufwand betrieben werden muss, um eine Ausbreitung des Virus im Krankenhaus zu unterbinden. Besuchsmöglichkeiten sind in den Kliniken deshalb weiter stark eingeschränkt und nur in Ausnahmefällen wie Demenz, kritischem Gesundheitszustand oder bei werdenden Vätern vorgesehen.

Schutzmaterialien stehen jetzt genügend zur Verfügung

Immerhin gibt es im Herbst keine Probleme mehr mit der Schutzkleidung für Pflegekräfte und Ärzte, betonen die Sprecher. „Das war abenteuerlich“, sagt Schnittker zum März oder April, als sogar Regencapes herhalten mussten. „Jetzt ist alles okay, und das beruhigt die Kollegen und Kolleginnen“, betont er. Auch die Coronatests seien in großen Maße vorhanden. Schnitker erzählt, dass in Schwerte die Ergebnisse drei, vier Stunden, nach dem die PCR-Abstriche im Labor eingegangen sind, bereits vorliegen.

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