Zwei Beispiele aus Werne

Mit eigener Ausbildung gegen den Fachkräftemangel

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Kieferorthopäde Dr. Jan-Hendrik Tappe (r.) und Frederik Pearson vom Unternehmen „Wrapping-Box Folientechnik“ (sitzend) haben jeder gleich zwei Auszubildende eingestellt, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Es sind (von links) Patrick Makanda, Samuel Richter, Stephanie Wunsch und Vanessa Helmich.

Werne – Dem Fachkräftemangel begegnen immer mehr Arbeitgeber, indem sie selbst ausbilden. Die „Kieferorthopädie an der Lippe“ und die „Wrapping-Box UG“ aus Werne sind beste Beispiele. In einem Fall liegt die Azubi-Quote nun bei 50 Prozent.

Praxis und Unternehmen sind im neuen Dienstleistungszentrum an der Klöcknerstraße beheimatet. Beide haben erstmals Auszubildende eingestellt, jeweils gleich zwei. „Wir können nicht darauf vertrauen, dass wir auch in Zukunft qualifizierte Fachkräfte finden“, begründet Dr. Jan-Hendrik Tappe den Schritt. Er führt die kieferorthopädische Praxis. Frederik Pearson, Inhaber der benachbarten Firma für Folientechnik, sagt: „Wir suchen durchgehend Fachkräfte, aber finden keine.“

Laut Agentur für Arbeit in Hamm sind Tappe und Pearson in bester Gesellschaft. „Dass Arbeitgeber zunehmend durch eigene Ausbildung gegen den Fachkräftemangel angehen, ist ein Trend, den wir schon länger beobachten“, sagt Behördensprecher Ulrich Brauer. Allerdings sei es für die Betriebe nicht immer leicht, die neu geschaffenen Stellen zu besetzen.

Bewerber teils wenig ambitioniert

Diese Erfahrung haben auch der Arzt und der Unternehmer aus Werne gemacht. Bei ihnen gingen zwischen zehn und 15 Bewerbungen ein. Die Verfasser zeigen sich aber teils wenig ambitioniert. „Einige Anschreiben waren voller Rechtschreibfehler“, erzählt Pearson. Tappe berichtet, dass er zunächst nur eine neue Kraft habe einstellen wollen. „Dann konnte ich mich nicht zwischen zwei Bewerberinnen entscheiden und habe beide genommen.“

In der „Kieferorthopädie an der Lippe“ erlernen nun Vanessa Helmich (20) und Stephanie Wunsch (22) den Beruf der Zahnmedizinischen Fachangestellten mit Schwerpunkt Kieferorthopädie. Ihr Aufgabenspektrum gehe weit über das hinaus, was klassische Arzthelferinnen leisten, verdeutlicht Tappe. „Die Fachangestellten kümmern sich auch um das Hygiene- und das Qualitätsmanagement und arbeiten weitgehend selbstständig.“ Das Praxis-Team bestehe nun aus insgesamt neun Mitgliedern.

„Wir sind jetzt gut ausgelastet“

Auch das Folieren etwa von Autos und Booten will gelernt sein. Pearson ist froh, zwei engagierte junge Männer für die Aufgabe gefunden zu haben: Samuel Richter (21) und Patrick Makanda (17). Drei Jahre dauert ihre Ausbildung zum Schilder- und Lichtreklamehersteller.

Bislang hatte Pearson einen einzigen Angestellten. Mit den zwei Azubis wächst das Wrapping-Box-Team um 100 Prozent. „Wir sind jetzt gut ausgelastet“, sagt er mit Blick auf die Weitergabe der fachspezifischen Kenntnisse. Die jungen Kollegen hätten aber schon ihr Geschick unter Beweis gestellt. „Die kriegen das schon gut hin.“

Als Arbeitgeber attraktiv bleiben

Tappe und Pearson wissen: Ihr Engagement in Sachen Ausbildung hat langfristig nur Erfolg, wenn sie als Arbeitgeber attraktiv bleiben. Hierbei spiele das Betriebsklima eine entscheidende Rolle, unterstreicht der Kieferorthopäde – noch vor der Frage, wie hoch das Gehalt sei. „Wir haben hier eine sehr gute Atmosphäre, eine offene Teamstruktur, jeder kann sich an den Prozessen beteiligen.“

Laut Arbeitsagentur-Sprecher Breuer können Azubis vor Antritt ihrer Lehre nicht dazu verpflichtet werden, nach dem Ende im Betrieb zu bleiben. Arbeitgeber müssten daher stets um Fachpersonal werben. Helfen könnten dabei Zusatzangebote wie E-Bikes, die für Fahrten zur Arbeitsstelle zur Verfügung gestellt werden.

300 offene Stellen, 540 Suchende

Zum Ausbildungsstart Anfang August gab es im Kreis Unna knapp 300 offene Stellen. Dem standen rund 540 junge Menschen gegenüber, die auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind. Die Agentur rät Berufsstartern, auch Berufe ins Auge zu fassen, die nicht erste Wahl sind, und den Suchradius auszuweiten. Die Azubis in der „Kieferorthopädie an der Lippe“ und bei „Wrapping-Box“ kommen aus Hamm, Bergkamen und Selm.

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