Eindrucksvolle Bilder

Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, hielt Christian Lünig das Leben im Osten fest

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Turnschuhe aus dem Westen auf einem russischen Panzer.

Werne/Herbern – Vor exakt 30 Jahren fiel die Mauer. Christian Lünig war damals angehender Fotograf, der frühere „Stockumer Junge“ hatte gerade sein Studium an der FH Dortmund begonnen. Die Zeit nach der Wende erlebte er hautnah mit.

Mit der Kamera war er im Osten Deutschlands auf Spurensuche. Heute lebt der Diplom-Foto-Designer in Herbern, geht von dort seiner Profession mit Fokus auf Reportagen in der Arbeitswelt nach. Dort haben wir ihn nach seinen Erinnerungen an das historische Ereignis befragt.

„Unser Professor, Ulrich Mack, fragte uns: ‚Was wollt ihr hier noch? Geht los und fotografiert!‘.“ Er selbst, erinnert sich Lünig, habe erst gedacht: „Ich kann doch hier nicht einfach so verschwinden und die anderen Seminare verpassen“. Aber dann packte er doch sein Equipment ein und fuhr gen Osten.

Russische Soldaten und "Tod den Besserwessis"

„Einige Kommilitonen hängten sich an die Politiker ran“, erzählt der Fotograf. Das sei damals kein Problem gewesen. „Sie waren bei Gesprächsrunden dabei und bei vielen Terminen.“ Er selbst habe einen gänzlich anderen Ansatz gewählt und in Berlin, wo er zwar den Jahreswechsel 1989/90 verbrachte, kaum fotografiert. „Durch meine Familie hatte ich den Bezug zu Neuruppin“, erzählt er. Die Schwester seines Vaters lebte dort, so hatte er schon vor dem Mauerfall Kontakte in die DDR. „Das war meine Anlaufstelle, von der aus ich alles erkundet habe.“ 

Fotograf Christian Lünig war gleich nach dem Mauerfall im Osten unterwegs. Für den WA öffnete er in Herbern sein Archiv aus dieser Zeit.

Er zog los und schaute, was für Themen er für sich fand. „Ich habe mich einfach treiben lassen mit der Kamera“, erzählt er. Dabei kam er auch immer wieder mit den Menschen in Kontakt. Sei es mit russischen Soldaten, die sich für eine Zigarette als Gegenleistung porträtieren ließen. Sei es mit den Menschen, die bei der ersten Kommunalwahl im März 1990 im Wahllokal regelrecht in Feierstimmung waren. 

Den Jahreswechsel 1989/90 verbrachte Lünig in Berlin.

Es sei aber nicht so gewesen, dass alle frohlockt hätten. Diejenigen, die von der DDR überzeugt waren, „die 100-Prozentigen, die Teil des Systems waren, die konnten es nicht fassen“, erinnert sich Lünig. Er habe zum Beispiel in Neuruppin auch Plakate auf den Straßen gesehen, auf denen Stand „Tod den Besserwessis“. 

„Es hätte noch kippen können"

Für ihn selbst war es eine sehr spannende Zeit, die schon kurz vor der Öffnung der Mauer begann. „Als es alles losging, hat man Fernsehen geschaut und es hat gekribbelt. Man wusste, es wird etwas passieren“, sagt er. Auch als er im Osten unterwegs war, in Kasernen und Kliniken fotografierte, Menschentrauben vor Schaufenstern ablichtete und einen ungeschönten Blick auch auf heruntergekommene Hinterhöfe und Straßen warf, blieb es spannend. 

Auch einen ungeschönter Blick auf heruntergekommene Hinterhöfe und Straßen zeigen die Bilder.

„Die Leute waren nicht sicher, wie es weiter geht“, erzählt er. „Es hätte ja auch immer noch kippen können.“ Mit der Währungsunion habe sich das geändert. „Das war für viele gut, in diesem ersten Jahr habe ich ein Aufatmen bei den Leuten gespürt.“ Dass die Menschen zueinander finden würden, daran habe er nie gezweifelt, sagt Lüning. „Die Menschen an sich, ihre Bedürfnisse und Wünsche unterscheiden sich schließlich kaum.“

Asphaltarbeiten an einer Klinik im Jahr 1992.

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