Vom plattdeutschen Lustspiel und echten Tieren auf der Bühne

Wir blicken auf 60 Jahre Freilichtbühne Werne - mit vielen historischen Bildern

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1973 führte die Spielschar erstmals ein hochdeutsches Stück auf. „Die vergnügte Tankstelle“ von Fritz Wempner war der bis dahin größte Erfolg der Freilichtbühne.

Werne - Mit „Krach um Jolanthe“ fing vor 60 Jahren alles an: Das plattdeutsche Lustspiel war das erste Stück, das in der Freilichtbühne Werne aufgeführt wurde. Ein Rückblick.

Als Star der Premiere in der allerersten Spielsaison der Freilichtbühne trat damals, im Jahr 1959, eine wahrhafte Rampensau auf: „Wir hatten uns ein Schwein von der Mühle Bergmann auf dem Windmühlenberg ausgeliehen“, erinnert sich Heinrich Funhoff, ein Darsteller der ersten Stunde. 

Das Tier spielte bereits vor der ersten Vorstellung eine tragende Rolle. „Um Werbung für uns zu machen, sind wir mit dem Schwein häufiger über den Marktplatz gefahren“, erzählt Funhoff. 

Von der Laienspielschar zur Freilichtbühne

Die Freilichtbühne hat ihren Ursprung in einer Laienspielschar der KAB St. Barbara. Deren Mitglieder traten zunächst im Kolpinghaus auf. „Ende der 50er-Jahre ist die Laienspielschar dann komplett in den Werner Heimatverein eingetreten“, berichtet Funhoff. 

Die Stadt Werne, die schon länger mit dem Plan einer Freilichtbühne geliebäugelt hatte, legte für die Truppe ein Bühnenrund mit einfachen Rängen in einer Vertiefung am Rande des Stadtparks an. Dort lief dann „Jolanthe“ 1959 über die Bühne. 

Ein Rückblick auf 60 Jahre Freilichtbühne

Und das mit Erfolg. Zu den fünf Vorstellungen der Komödie kamen insgesamt über 2.000 Zuschauer. „Das Stück war damals sehr populär, dazu kam die plattdeutsche Sprache“, erklärt Funhoff. Er übernahm seinerzeit die Rolle des Schutzmanns, dem es unter anderem oblag, die strittige Sau einzusperren. 

Pappkartons als Sitze und Grubenlampen zur Beleuchtung

Nicht immer reichten die Sitzreihen für die Menge der Zuschauer aus. „Dann haben wir uns eben mit Pappkartons als Sitzgelegenheiten beholfen“, sagt Funhoff. Überhaupt sei damals, in den Anfängen der Bühne, alles noch recht provisorisch gewesen. 

So gab es keine Beleuchtung, wenn sich die Spielschar abends im Bühnenrund traf, um zu proben oder anderes zu erledigen. Also brachte Funhoff, der bei der Zeche beschäftigt war, von dort Grubenlampen mit. 

Das idyllische Bühnenrund wird seit jeher, wie hier in den 80er-Jahren, gern für Konzerte genutzt.

Mit Funhoff arbeiteten noch andere Mitspieler bei der Zeche Werne an der Kamener Straße. „Da hatten wir es nicht weit, wenn wir uns nach Feierabend in der Bühne trafen.“ Die Eintrittsgelder bekam die Werner Stadtverwaltung, die im Gegenzug für Kulissen oder Kostüme zu sorgen hatte. 

Jeden Sonntag wurde eine Kuh eingefangen

Als Bühnenhaus diente anfangs eine einfache Attrappe. Jedes Jahr führte die Spielschar der Freilichtbühne von nun an eine plattdeutsche Komödie auf. Wenn es das Stück erforderte, waren immer echte Tiere mit auf der Bühne. 

Für die Vorstellungen von „In‘n Lindenkrug“ musste jeden Sonntag eine Kuh in den Lippewiesen eingefangen werden. Eine Vorstellung musste deshalb eine Viertelstunde später anfangen: Der zuständige „Lassowerfer“ konnte den störrischen Wiederkäuer nicht rechtzeitig erwischen. 

1976, Dreimal schwarzer Kater

Aber auch menschliche Darsteller sorgten für Verspätungen. 1972 spielten echte Feuerwehrmänner im Stück „Wenn de Hahn kreit“. Als bei einer Aufführung im ersten Akt die Sirene ging, schwangen sich die Männer in ihren Wagen und rasten davon. Zur Erleichterung der Spielschar waren sie zwei Minuten vor ihrem Auftritt im dritten Akt wieder da. 

Erstes hochdeutsches Stück

Die Kulissen der Bühne waren inzwischen auf zwei Holzhäuser angewachsen. Doch im August 1971 zerstörten Brandstifter das eine Bühnenhaus. Leider dasjenige, in dem alle Kostüme der Darsteller gelagert waren. Die Vorstellung musste in jenem Jahr ausfallen. 

1973 führte die Spielschar erstmals ein hochdeutsches Stück auf. „Die vergnügte Tankstelle“ von Fritz Wempner war der bis dahin größte Erfolg der Freilichtbühne – mit 3200 Zuschauern. Unter Regisseur Hans Niehaus kehrte die Bühne 1979 zu den plattdeutschen Stücken zurück. 

Die Kulisse zum Stück "Die vergnügte Tankstelle".

Beim „Verliägenheitskind“ krähte Heinrich Funhoff so überzeugend wie ein Hahn, dass der Volksmund ihm zahlreiche Angebote von Hühnerfarmen nachsagte. 1984 feierte das Ensemble sein 25-jähriges Jubiläum mit einer plattdeutschen Messe in der Bühne. 

Zum 25-Jährigen kam der WDR

Höhepunkt der Festwoche war eine Sendung des WDR über die Freilichtbühne und ihre Mitglieder, darunter Anneliese Nordmann, Marita Gräve, Hermann Neuhaus, Gottfried Forstmann, Angelika Börke und Friedhelm Gräve. 

Das Jahr 1985 war zukunftsweisend für die Geschichte der Bühne. Die Spielschar entschloss sich, ein Kindertheater zu gründen. Zu einer Vorbesprechung meldeten sich 32 Kinder, von denen heute noch viele, inzwischen als Erwachsene, mitspielen. Außerdem machten sich die Mitglieder der Bühne in diesem Jahr selbstständig. Sie lösten sich vom Heimatverein, gründeten den Verein „Freilichtbühne Werne von 1959“ und wurden damit in den Verband der Deutschen Freilichtbühnen aufgenommen. 

Werner Ensemble spielt 1991 in den neuen Bundesländern

Ein Jahr später errichtete die Spielschar ein massives Bühnenhaus aus Stein anstelle des alten Holzhauses. 1989 wurde „Die kleine Hexe“ von Ottfried Preußler zum bisher aufwendigsten Stück der Bühne. Erstmals gaben die Schauspieler zum Abschluss der Saison eine Abendvorstellung mit Brillantfeuerwerk. 

Als erste deutsche Freilichtbühne spielte das Werner Ensemble 1991 in den neuen Bundesländern, in Wernes heutiger Partnerstadt Kyritz. 1993 verzichtete die Freilichtbühne auf Erwachsenenstücke und nahm in den folgenden Jahrzehnten zwei Kinderstücke je Spielzeit auf. 

Kulturpreis und ein neues Regieteam

1997 zeichnete Bürgermeister Meinhard Wichmann die Freilichtbühne mit dem Kulturpreis der Stadt Werne aus. Am 10. Juni 2001 feierten die langjährigen Regisseure Marita Gräve und Gottfried Forstmann ihre 25. Inszenierung im Bühnenrund am Südring. 

Jahrzehntelang prägte das Zusammenspiel von Friedhelm und Marita Gräve sowie Gottfried Forstmann im Vorstand, auf der Bühne und hinter den Kulissen das Erscheinungsbild der Freilichtbühne. Vor einigen Jahren gaben die drei nach und nach ihre Ämter und Funktionen an einen neuen Vorstand und ein neues Regieteam ab. 

2017, Sieben Zwerge - Männer allein im Wald

Die Regisseurinnen Sabine Ibrahim und Sarah-Jane Jücker sowie der Regisseur Marius Przybilla sind sozusagen in der Freilichtbühne aufgewachsen, spielten schon als Kinder oder Jugendliche mit. Vor zwei Jahren setzten sie nach einem Vierteljahrhundert wieder ein Stück für Erwachsene auf den Spielplan: „Sieben Zwerge – Männer allein im Wald“. 

2018 standen gleich drei Stücke auf dem Programm. Darunter die Revue „Schlager lügen nicht“, die als Publikumsrenner in diesem Jahr wieder aufgenommen worden ist. Sozusagen als Geschenk an ein Publikum, das der Bühne seit 60 Jahren treu verbunden ist.

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