Interview: Lutz Gripshöver über seinen Unfall und die Zeit der Wiedergenesung

Am 16. April 2010, am vorletzten Tag des Turniers in Lenklar, wurde Gastgeber Lutz Gripshöver durch den Tritt eines Hengstes schwer am Kopf verletzt. Nach dem Aufwachen aus einem künstlich erzeugten Koma brauchte der 39-jährige Nationenpreisreiter viele Monate, um richtig auf die Beine zu kommen.

Inzwischen kann er darüber reden. Und – wie im Gespräch mit WA-Redakteur Rainer Gudra – auch darüber, dass sich danach der Blickwinkel verändert hat.

Wir sitzen hier fast auf den Tag ein Jahr nach dem Unfall. Wie weit, glaubst Du, bist du körperlich wieder der Alte?

Gripshöver:Das kann man in Prozent nicht ausdrücken. Aber ich fühle mich fit. Und die Lust auf Reiten ist auch noch unverändert da.

Kannst Du dich noch daran erinnern, was geschehen ist?

Gripshöver: Ich kann mich jetzt nicht mehr daran erinnern, wie der mich erwischt hat. Aber bis zehn Sekunden vor dem Schlag weiß ich noch alles.

Wie war das Aufwachen?

Gripshöver: Ich weiß jetzt nicht mehr genau, was ich gesehen habe, als ich wach wurde. Ob es vielleicht eine weiße Zimmerdecke war... Aber ich wusste sehr schnell, warum ich da liege. Es war für mich ein großer Vorteil, dass ich vieles schnell wieder wusste.

Ist irgendetwas aus der Zeit im künstlichen Koma hängen geblieben?

Gripshöver: Also, ich war heilfroh, als ich wieder wach war. Ich hatte in dieser Phase viele sehr schlechte Träume. Und ich kann mich an fast jedes Detail erinnern.

Träume rund um den Unfall?

Gripshöver: Ich habe alles total durcheinander geträumt, kreuz und quer. Das war überhaupt nicht schön.

Du hattest im Nachklang drei Operationen und viele Wochen harte Reha. Schon kurz nach dem Unfall sind Körbe voll Genesungswünsche bei euch eingetroffen...

Gripshöver: ...Ja, das war eine unglaubliche Anteilnahme. Ich kann mich immer wieder nur bedanken. Das war ein ganz tolles Gefühl und hat mir unheimlich geholfen, wenn Leonie wieder Briefe mit ins Krankenhaus gebracht hat. Auch später, als ich wieder draußen war, habe ich viele E-Mails und Briefe bekommen; teilweise auch von Leuten, von denen ich zehn Jahre lang nichts gehört hatte. Oder mich haben Leute in der Stadt angesprochen.

Du bist – auch für die Ärzte – unerwartet schnell wieder auf die Beine gekommen. Dein privates Umfeld hat dir enorm geholfen...

Gripshöver: ...das war das Tollste. Das war nicht einfach für meine Familie, schon gar nicht für meine Frau. Unglaublich, dass sie so stark war. Das hat mir noch einmal einen großen Schub nach vorne gegeben. Denn das war vor allem für sie nicht einfach; sie war ja schwanger.

2009 eine Schulter-OP, letztes Jahr der Unfall. Im Grunde warst Du jetzt zwei Jahre raus aus dem großen Turniersport. Wie holt man das auf?

Gripshöver:Zunächst einmal ist das gar nicht so wichtig. Am Ende bin ich froh, dass ich wieder richtig gesund bin. Vieles relativiert sich. Früher habe ich gedacht, die Welt geht unter, wenn ich bei einem großen Turnier einen Fehler gemacht habe. Heute denkst du gleich, dass es ganz andere Probleme gibt auf der Welt.

Aber sportlich soll es ja trotzdem weitergehen.

Gripshöver: Ich habe ein paar wirklich gute junge Pferde, Ich denke, dass es mit denen nach vorne geht. Aber planen kann ich noch nicht. Ich wäre gerne Mannheim (Maimarkt, d. Red.) gegangen, aber ich muss noch einmal in die Klinik. Nichts wildes, aber ich kann halt nicht dahin fahren. Ich hoffe jetzt, dass ich Redefin (CSI3*, d. Red.) reiten kann. Das sind international besetzte Turniere, wo ich durchaus schon wieder mithalten kann. Die Deutsche Meisterschaft zum Beispiel ist aber kein Thema. Man braucht erst einmal ein Jahr, um wieder richtig reinzukommen. Es ist auch den jungen Pferden nicht geholfen, wenn ich sie ins kalte Wasser werfe.

Was wünscht Du dir für das eigene Turnier?

Gripshöver: Ich wünsche mir einfach ein schönes Wochenende, und das keinem etwas passiert. Und vielleicht auch ein kleines bisschen Erfolg.

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