Im Interview

Herr über 2,7 Millionen Pakete: Ivan Saric ist neuer Amazon-Chef in Werne - und äußert sich zu Streiks

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Alles im Blick: Ivan Saric ist viel in der 114 000 Quadratmeter großen Halle unterwegs, hier überwacht er die Verladung der Pakete.

Werne – Ivan Saric empfängt seine Gäste im „Weißen Haus“. Was nach staatstragendem Ambiente klingt, ist ein nüchtern eingerichteter Besprechungsraum im Amazon-Logistikzentrum in Werne. Der verheiratete Familienvater ist seit dem 1. April neuer Standortleiter im Wahrbrink.

Mit seinen 32 Jahren ist Saric einer der jüngsten Standortleiter des US-Konzerns in Deutschland. Vorher war der gebürtige Karlsruher mit kroatischen Wurzeln bereits ein Jahr als Abteilungsleiter in Werne tätig, nachdem er aus Pforzheim an die Lippe wechselte. Im Gespräch mit WA-Redakteur Cedric Sporkert stellt sich der studierte Personalmanager, der mit seiner Frau und dem zehn Monate alten Sohn in Münster wohnt, vor.

Herr Saric, wie sind Sie bei Amazon gelandet?

Saric: Das war so nicht geplant. Mein Vater hat im Radio gehört, dass Amazon Mitarbeiter sucht. Ich habe mich dann spontan beworben. Ab da ging alles ganz schnell.

Wie unterscheidet sich Werne von Ihrer vorherigen Station in Pforzheim?

Saric: Von der Anlage her ist das überall gleich. Hier hatte ich jetzt auch über ein Jahr Zeit, um rein zu finden. Mit den Menschen hier in der Gegend kann man wegen der offenen Kommunikation sehr gut arbeiten. Hier ist – anders als in Süddeutschland – alles sehr direkt. Das birgt manchmal zwar ein paar Schwierigkeiten, hat aber deutlich mehr Vorteile. Probleme können angesprochen und direkt aus der Welt geschafft werden.

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Apropos Probleme: Wie gehen Sie mit Streiks um?

Saric: Streiks begleiten uns, seitdem wir hier sind. Jeder hat das Recht, zu streiken. Wir finden aber, dass wir ein fairer Arbeitgeber sind, faire Löhne bezahlen und saubere und sichere Arbeitsplätze haben.

Ivan Saric.

Wie wirken sich Streiks auf die Abläufe aus?

Saric: Streiks beeinflussen den Betrieb in keiner Weise. Aktuell arbeiten 70 bis 75 Prozent der Mitarbeiter, alles ist sehr ruhig. Das ist genauso wie schlechtes Wetter, die Grippewelle oder wenn die A1 gesperrt ist. Mit solchen Dingen müssen wir uns tagtäglich beschäftigen.

Mit 32 Jahren sind Sie ein sehr junger Chef. Spüren Sie Bedenken in den Reihen der Mitarbeiter?

Saric: Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, mein Vater war CNC-Fräser, meine Mutter Altenpflegerin. Die Probleme der Mitarbeiter kenne und erkenne ich deshalb. Als Abteilungsleiter hatte ich schon 140 bis 150 Mitarbeiter unter mir, den Kontakt bin ich also gewöhnt. Ich hatte auch genug Zeit, in meine Rolle hineinzuwachsen, weil ich zuvor schon mehrfach meinen Vorgänger vertreten habe. Mein Netzwerk in der Amazon-Welt ist dazu noch riesig. Deshalb war das für mich nie ein großes Thema.

Ihr Vorgänger Hrvoje Salamunovic ist schon nach einem Jahr nicht mehr im Amt, davor gab es seit 2010 mit Lars Krause und Thomas Weiß zwei weitere Standortleiter. Planen Sie, langfristig in Werne zu bleiben?

Saric: Mein Vorgänger ist aus privaten Gründen zurück in die Heimat, zurück nach Pforzheim, gegangen. In dem Zuge wurden mit mir Gespräche geführt. Es gab ja schon einige Wechsel in der kurzen Zeit, das war auch mir klar. Ich will dem Standort Stabilität geben und kann mir vorstellen, langfristig hier zu bleiben.

Eindrucksvoll: Menschen aus 67 Nationen arbeiten bei Amazon in Werne.

Wie hoch ist das Paketaufkommen aktuell?

Saric: Wöchentlich haben wir ein Volumen von 300 000 Paketen – im Vergleich zum Vorjahr ist das eine Steigerung um 80 Prozent. Hier im neuen Lager sind wir aber auch klein angefangen, weil nicht alles glatt lief. Mit 1000 Mitarbeitern sind wir gestartet, jetzt liegen wir bei etwa 1500. Die mussten erst alle für unsere neuen Fahrzeuge ausgebildet werden. Der Füllgrad der Regale ist mittlerweile bei 95 Prozent angekommen, weshalb wir aktuell etwa 2,7 Millionen Gegenstände im Lager haben. Das ist nah am Maximum. Wir sind in dem Sinne schon ein stabiler Standort. Auf uns konnte man auch im so wichtigen vierten Quartal bei schwierigen Situationen im Netzwerk zurückgreifen.

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Gibt es neben dem Weihnachtsgeschäft mittlerweile auch ein Ostergeschäft?

Saric: Zu Ostern läuft das Frühjahrsgeschäft. Gartenmöbel sind ein Thema, das jetzt aufkommt. Die Leute kaufen wie verrückt kleine Swimmingpools zum Aufblasen und Grills. Sobald das Wetter besser wird, gehen auch viele Rasenmäher raus.

Was war das Kurioseste, das in Ihrer Zeit in Werne von hier aus verschickt wurde?

Saric: Das war ein lebensgroßer Babyelefant aus Plastik – der war im Weihnachtsgeschäft der Renner. Das war auch verpackungstechnisch eine Herausforderung. Am häufigsten wird aktuell Druckerpapier verschickt.

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