Neue Aufträge kommen kaum hinzu

Unsichere Auftrags- und Gefühlslage: Handwerker spüren vielfach „großes Vertrauen“ ihrer Kunden

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Bei der Arbeit in geschlossenen Räumen sollten auch Handwerker auf Hygienemaßnahmen wie auf den Abstand von mindestens ein bis zwei Meter achten. An frischer Luft können die Mitarbeiter – hier vom Malerbetrieb von Rainer Kidschun – auch enger zusammen arbeiten.

Werne/Bönen/Bergkamen – Im Handwerk sind die Auswirkungen der Corona-Krise spürbar. Schwarz auf Weiß in den Auftragsbüchern, aber auch in der täglichen Arbeit beim Kunden. Während offenbar viele Auftraggeber großes Vertrauen in die Schutzmaßnahmen der Monteure erkennen lassen, herrscht dieser Tage mancherorts auch ein mulmiges Gefühl. Gerade dann, wenn die Monteure in größeren Teams arbeiten müssen.

Wir haben nachgefragt, wie die Lage in den heimischen Betrieben aussieht, unter wirtschaftlichen und emotionalen Gesichtspunkten.

Beim Malerbetrieb von Rainer Kidschun in Rünthe sieht die Lage entspannt aus – noch. Der Malermeister erklärt: „Wir arbeiten viel für eine Wohnungsgesellschaft. Das bedeutet, dass wir eigentlich immer allein in den Wohnungen sind.“ Auch Aufträge in privaten Haushalten seien bisher kaum weggebrochen. Allerdings: Auf der anderen Seite kommen neue Aufträge derzeit kaum dazu.

„Es ist schon wesentlich ruhiger und das Telefon klingelt weniger als sonst“, sagt Kidschun. Größere Sorgen bereitet ihm das aktuell noch nicht, denn für die kommenden zwei bis drei Monate seien die Auftragsbücher für das elfköpfige Team an der Schachtstraße noch gut gefüllt. Engpässe durch das Virus hat es im Betrieb dennoch schon gegeben. Zwei der drei Lehrlinge sind zwischenzeitlich einige Tage ausgefallen, weil sie sich ersatzweise um ihre Kinder kümmern mussten, da die Schulen geschlossen sind.

Coronavirus und das Handwerk: „Viele Kunden sind verunsichert"

Bei der Tischlerei Gräfe in Bönen hat die Ausbreitung des Virus schon zu vielen Absagen geführt. „Viele Kunden sind verunsichert und haben ihre Termine erst einmal verschoben“, erklärt Betriebsleiter André Lettau.

Für den kleinen Betrieb keine einfache Situation. „Wenn ich für einen Kunden eine Tür für 5 000 Euro bestelle, kommt nach zwei Tagen die Rechnung vom Lieferanten. Wenn ich die Tür aber in nächster Zeit nicht montieren kann, kommt das Geld erst einmal nicht wieder rein“, gibt der Tischler ein pragmatisches Beispiel.

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95 Prozent der Arbeit der Tischlerei findet beim Kunden statt, die Zahl an individuellen Sonderanfertigungen, die im Betrieb an der Weetfelder Straße erstellt werden, ist dagegen sehr überschaubar. „Daher musste ich zuletzt dem Lehrling schon mal sagen, dass er zu Hause bleiben kann, weil es nichts zu tun gibt“, bedauert Lettau.

Mindestabstände werden eingehalten

Beim Bönener Meisterbetrieb Fliesen Wöllert ist die 400 Quadratmeter große Fliesenausstellung aktuell aus hygienischen Gründen nur noch nach Terminabsprache und von maximal einem Kunden zu besuchen. Dafür haben die fünf Außendienstmitarbeiter noch alle Hände voll zu tun. „Es ist bisher glücklicherweise noch kein Auftrag abgesagt worden“, sagt Silke Wöllert. Beim Kunden vor Ort achten die Mitarbeiter darauf, bei der Arbeit die geforderten Mindestabstände einzuhalten. „Die Kunden reagieren darauf sehr verständnisvoll“, fasst Wöllert die Rückmeldungen der Kollegen zusammen.

Von unterschiedlichen Erfahrungen im Umgang mit Kunden berichtet Installateur und Heizungsbauermeister Rainer Steinweg vom gleichnamigen Unternehmen in Werne. „Mal kommen einem die Kunden gleich mit einer Flasche Desinfektionsmittel entgegen, und manchmal rücken sie einem so nah auf die Pelle, dass man sie bitten muss, doch den Abstand von 1,50 Metern zu halten.“ 

Monteure haben Erlaubnis, Termin abzubrechen

Ganz offiziell haben die Monteure die Erlaubnis, einen Termin abzubrechen, wenn die Auftraggeber das aktuelle Abstandsgebot auch nach einem Hinweis noch immer missachten. Dies sei bisher aber nicht vorgekommen, sagt Steinweg. Der Betrieb führt seine täglichen Einsatzbesprechungen für Monteure und den Kundendienst mittlerweile draußen durch, um auch hier den nötigen Abstand zu gewährleisten.

Das Team des Werner Betriebs Steinweg hält seine Besprechungen jetzt draußen ab und nicht mehr in geschlossenen Räumen.

Wünsche nach Terminverschiebungen gibt es bei der Steinweg GmbH bisher kaum. „Insgesamt aber flacht die Nachfrage immer etwas mehr ab“, sagt Steinweg.

"Wir spüren viel Vertrauen"

Beratung, Montage und Wartung gehören normalerweise zum Alltag der Firma Plaß (Sanitär- und Heizungsinstallation) in Werne. Die große Ausstellung am Steigenkamp ist seit einigen Tagen geschlossen. „Unsere Kunden haben jetzt nicht den Kopf für eine schöne Badplanung“, sagt Andrea Plaß. Das Unternehmen verzeichnet gerade etliche Terminabsagen, Wartungen verschieben Kunden um einige Monate nach hinten. 

Die Handwerker der Firma Plaß treffen Vorkehrungen zum Schutz vor Infektionen.

Dennoch sind die Monteure zur Zeit noch voll im Einsatz. „Wir sind natürlich bemüht, Kontakt zu den Kunden zu vermeiden. Und wir spüren viel Vertrauen. Oft öffnen die Kunden nur die Haustür und der Monteur geht allein in den Keller“, skizziert Andrea Plaß den Ablauf einer Wartung in Zeiten der Pandemie.

Die geschlossenen Grenzen und Produktionsstopps führen langsam zu ersten Lieferengpässen. Dennoch blickt Plaß zuversichtlich in die Zukunft. „Wir werden nicht in Panik verfallen, wir halten alle zusammen.“

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