Strom aus Kohle am Gersteinwerk ist Vergangenheit - jetzt wird aufgeräumt

Nach Stilllegung des Steinkohleblocks: Ein Besuch am Gersteinwerk

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Olaf Spindeldreher (l.) und Christian Homann koordinieren die Stillegung des Kohleblocks mit allem, was dazugehört. 

Stockum - Seit fünf Monaten ist die Gewinnung von Strom aus Kohle am Gersteinwerk Geschichte. Nach dem Ende der über 100-jährigen Ära der Steinkohle-Verstromung finden auf dem Areal derzeit viele Veränderungen statt.

Während der Kohlehafen abgebaut wird, laufen die Vorbereitungen für die Wiederbetriebmaßnahme eines zweiten Erdgas-Kombiblocks auf Hochtouren. „Ab 1. Oktober sollen dann zwei der vier Blöcke wieder laufen“, so Olaf Spindeldreher, Projektleiter der Stilllegung des Kohleblocks, bei einem Ortstermin mit dem WA. 

Während die Vorbereitungen für die Wiederinbetriebnahme von Block F laufen, wird alles, was mit Kohle zu tun hatte, stillgelegt beziehungsweise demontiert. Der Ende März abgeschaltete Block wird derzeit komplett „entflechtet“. Das bedeutet, dass dort sämtliche Brandlasten entfernt werden. Das hat auch damit zu tun, dass Ende des Jahres die Werksfeuerwehr aufgelöst werden soll. 

Kohlehafen wird zurückgebaut

Was die Nutzer des Radwegs an der Lippe in den vergangenen Wochen schon beobachtet haben, ist der Rückbau des Hafens, an dem über viele Jahre die Kohle angekommen ist. Der Schiffsentlader ist bereits stark geschrumpft, die Förderbänder im Hafenbereich sind schon komplett demontiert. Die Bänder, die Kohle über die Lippe transportiert haben, bleiben erst einmal stehen. „Das ist ein kompliziertes Genehmigungsverfahren, denn dafür müssten große Kräne auf Fundamenten im Naturschutzgebiet aufgestellt werden“, so Spindeldreher. Schon im März hatte das letzte Schiff am Hafen angelegt. „Wir werden den Hafen in seiner jetzigen Form erst einmal so belassen, denn eine Folgenutzung ist noch nicht in Sicht“, sagt der RWE-Mitarbeiter. 

Der Rückbau des Kohlenlagerplatzes ist schon weit fortgeschritten.

Auf der anderen Seite des Geländes ist die Ersatzbrennstoffanlage in unmittelbarer Nähe zur Hammer Straße schon abgebaut. Hier werden in den nächsten Tagen noch die Betonwände abgerissen, dann ist dieses Baufeld bereits komplett geräumt. Der noch größere Kohlenlagerplatz, auf dem zu Spitzenzeiten rund 80 000 Tonnen pro Woche zwischengelagert waren, ist ebenfalls schon weitestgehend geräumt. Was darauf einmal geschieht, ist noch offen. 

Rückbau im Gersteinwerk

„Flächen für die Industrie werden gebraucht und das Ganze ist nicht unattraktiv, sodass eine Folgenutzung vorstellbar ist“, blickt Spindeldreher voraus. Erste Gespräche mit den Städten Werne und Hamm habe es zum Thema schon gegeben. Auch die Schienen werden vom Gersteinwerk nicht mehr benötigt. Komplett stillgelegt werden die Gleise vorerst nicht, denn der benachbarte Übertragungsnetzbetreiber Amprion will auch künftig eins davon nutzen. 

Briten beseitigen nicht mehr benötigten Kohle-Logistik

Für die verschiedenen Rückbauarbeiten ist seit Anfang Juni ein Team des britischen Unternehmens „Euro Demolition“ im Einsatz. Die Firma aus Staffortshire ist auf derartige Spezialaufträge spezialisiert und bei der Entfernung der nicht mehr benötigten Kohle-Logistik bisher gut vorangekommen. Am Mittwoch hat Spindeldreher erfahren, dass die Arbeiten noch etwas länger als wie ursprünglich geplant bis Ende Oktober dauern sollen. „Wie das dann beim möglichen Brexit weitergeht, kann jetzt noch keiner sagen. Wir hoffen natürlich, dass der Vertrag dann noch erfüllt werden kann“, hofft Spindeldreher. 

Denn mit personeller Unterstützung aus dem eigenen Lager ist nicht zu rechnen. „Wir verlieren im Moment viele Leute. Teilweise sind die bereits zu den Kraftwerken nach Ibbenbüren oder Uentrop gewechselt. Nächstes Jahr beginnt dann eine neue Phase der Altersteilzeit, in der nach und nach rund 50 Mitarbeiter in die Passivphase gehen und uns nicht mehr zur Verfügung stehen“, sagt der Projektleiter. ´

Noch 90 Mitarbeiter in Stockum 

Aktuell sind am Standort Stockum noch 90 Mitarbeiter im Einsatz. In einer früheren Überlegung wären ab 2021 nur noch elf Mitarbeiter vor Ort notwendig gewesen. „Das Konzept geht so nicht auf, weil jetzt wieder zwei Gasblöcke in Betrieb genommen werden. Wir wissen zwar nicht, wie lange wir die Blöcke weiter betreiben, aber solange die in Betrieb sind, werden wir noch relativ viele Leute am Standort haben müssen“, stellt Spindeldreher fest. Genehmigt sind die Blöcke derzeit bis Ende 2022. Ein Antrag auf Verlängerung laufe derzeit, so der RWE-Mitarbeiter. 

In Überlegung für den Standort ist weiterhin der Bau eines neuen GuD-Kraftwerks (Gas- und Dampfturbine). Dafür müssten dann unter anderem das erst vor 15 Jahren errichtete Werkstatt- und Lagergebäude abgerissen werden. „Im September soll dazu eine Entscheidung der Unternehmensspitze fallen“, sagt Spindeldreher. Je nachdem, wie diese ausfalle, müsse man den Standort strukturell und personell neu überplanen. Zeit dafür würde es geben, denn das GuD-Kraftwerk wäre frühestens in zwei bis drei Jahren fertig.

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