Gelebte Integration in der Modewerkstatt Klenner

Watthana Gremme (r.) gehört seit zwölf Jahren zum multikulturellen Team der Modewerkstatt Klenner.
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Watthana Gremme (r.) gehört seit zwölf Jahren zum multikulturellen Team der Modewerkstatt Klenner.

WERNE ▪ In der Modewerkstatt Klenner herrscht reger Betrieb. Die Kunden geben sich die Klinke in die Hand. Gekürzte Hosen werden abgeholt, zu weite Kleider abgegeben, Lederwesten zur Ausbesserung reingereicht, Kostüme abgesteckt. Kerstin Klenner-Willmann (44) nimmt die Wünsche der Kunden zusammen mit Watthana Gremme (43) entgegen. Die Thailänderin ist seit zwölf Jahren im Klennerschen Team, das vor allem eines ist: interkulturell.

Von acht Angestellten – sechs Azubis und zwei Gesellinnen – haben fünf einen Migrationshintergrund. Seit 1991 hat Kerstin Klenner-Willmann insgesamt 22 Maßschneider-Azubis den Weg in den Beruf geebnet. „Der überwiegende Teil der Azubis hatte einen Migrationshintergrund – mit und ohne deutschen Pass, aus Russland, der Türkei, Polen, Portugal und Pakistan“, erklärt die Schneidermeisterin. Für ihr Engagment als Ausbilderin und die interkulturelle Ausrichtung ihres Betriebs erhielt sie von der Jury des Interkulturellen Wirtschaftspreises eine besondere Anerkennung. „Die Urkunde bekommt einen Ehrenplatz“, sagt Kerstin Klenner-Willmann, der kulturelle Vorbehalte fremd sind.

„Ich habe bislang sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Vielfalt ist eindeutig eine Bereicherung. Zum Beispiel bei der Betreuung nicht-deutschstämmiger Kunden“, erklärt die Schneidermeisterin. In ihrem Betrieb arbeiten nicht nur Frauen verschiedener Herkunft, sondern auch unterschiedlicher Glaubensrichtungen Seite an Seite. Neben Katholiken und Protestanten zum Beispiel Moslems und Hindus.

Watthana Gremme aus Lünen ist Buddhistin. Für sie bedeutet der Job in der Modewerkstatt gelebte Integration. Als sie 1990 nach Deutschland kam, sprach sie kein Deutsch. Ihr späterer Mann hatte sie in Thailand kennengelernt. Dort arbeitete sie als Bedienung in einem Restaurant. Eine Berufsausbildung hatte sie nicht.

Ohne Sprachkenntnisse erschloss sich ihr ihre neue Heimat nur langsam. „Aber ich habe immer mit der Sprache gekämpft. Und Volkshochschulkurse besucht“, so die Thailänderin. Von einem Job wagte sie kaum zu träumen. Dabei hängte sie sich voll rein, um in Deutschland anzukommen. Sie belegte unter anderem Nähkurse bei der Awo in Lünen. Das sollte sich auszahlen.

Auf Initiative des Multikulturellen Forums in Lünen hin, sprach eine Bekannte Watthana Gremmes, die eine Kundin von Kerstin Klenner-Willmann war, diese 1999 an, ob sie sich vorstellen könnte, die junge Thailänderin als Praktikantin aufzunehmen. Kerstin Klenner-Willmann sagte zu. Und Watthana Gremme legte sich mächtig ins Zeug. „Irgendwann sagte ich ihr, du bist talentiert, warum machst du keine Ausbildung?“, so Kerstin Klenner-Willmann. Watthana Gremme zögerte. Die Berufsschule schüchterte sie ein. Aber sie wagte es und drückte mit 29 Jahren wieder die Schulbank.

Ihre Bekannte, ihr Mann und ihre Chefin unterstützten sie nach Kräften. Mit Erfolg. „Die Praxis war super. Die Theorie sehr schwierig. Aber ich habe mit einer guten Drei bestanden“, ist Watthana Gremme immer noch stolz. Nach ihrer bestandenen Prüfung wurde sie von Kerstin Klenner-Willmann übernommen. „Damit hatte ich gar nicht gerechnet, dass sich mein Leben hier so entwickelt“, ist Watthana Gremme glücklich.

Ihren Job in der Modewerkstatt will sie nicht mehr missen. Auch wegen der Menschen, die dort arbeiten. „Es ist eine lustige Runde. Ich habe nie schlechte Laune auf der Arbeit“, sagt die Thailänderin, die übrigens keinen deutschen Pass hat.

Zum Team gehören auch die beiden Azubis Canan Bekmezci (21) aus Werne und Maria Dering (22) aus Hamm. Canan Bekmezci hat einen türkischen Pass und den islamischen Glauben. Maria Dering besitzt sowohl die deutsche als auch die russische Staatsangehörigkeit, sie ist evangelisch. Beide möchten nach der Ausbildung Mode-Design studieren.

Bei der Ausbildungssuche hatten sie nicht das Gefühl, dass ihr Migrationshintergrund hinderlich ist. Aus ihrem Freundeskreis ist ihnen das Gegenteil jedoch bekannt. „Die Chancen auf Integration sind aber auf jeden Fall da“, sind sich die beiden jungen Frauen einig, „Man muss nur etwas dafür tun und nicht darauf warten, integriert zu werden!“

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