Lieferservice gegen die Umsatzeinbußen

Weniger Gäste, mehr Auflagen: Gastronomen kämpfen zum Teil um ihre Existenz

+
Um die Richtlinien in Sachen Entfernung einzuhalten, steht beim Restaurant Baumhove am Markt in Werne auf jedem zweiten Tisch ein Reserviert-Schild.

Bergkamen/Werne – Restaurants und Cafés müssen ab heute täglich um 15 Uhr schließen. Es ist nur eine von vielen Auflagen, die Gastronomen in Zeiten des Coronavirus’ treffen. Dazu kommt: Mindestens zwei Meter zwischen den Tischen, nur die Hälfte der Plätze dürfen besetzt sein und Gästen mit Grippesymptomen soll der Zugang verwehrt bleiben. Eine Situation, in der die Gastronomen kämpfen müssen.

Die Familie Bajric hat schnell reagiert: Bereits seit dem Wochenende bieten sie in ihrem Restaurant „Forellenhof“ in Rünthe Speisen auch zum Mitnehmen an, ungewohnt für den klassischen Restaurantbetrieb, der vor allem für sein Fisch-Buffet bekannt ist.

Der „Forellenhof“ ist die Lebensgrundlage für die Familie. Sie müssen Miete für das Gebäude bezahlen, den Angestellten und Aushilfe ein Gehalt, einkaufen, vorbereiten, kochen, Zeit investieren. Eigentlich kamen zum Mittagstisch besonders zum Wochenende immer 50 bis 60 Personen und aßen den Grillteller oder Fischspezialitäten. „Auf einen Schlag sind es nur noch drei, vier Leute“, sagt Amir Bajric.

„Wir müssen mitziehen, was sollen wir sonst tun?“

Das Schicksal teilen alle Gastronomen, mit denen wir gesprochen haben. Seitdem die Corona-Krise akut wurde, bleiben die Gäste aus. „Kündigen ist für mich ausgeschlossen“, sagt Sascha Djuric von der Gaststätte „Schützenheide“ an Bergkamener Stadtgrenze zu Kamen. Seit zwei Wochen bleiben bei ihm die Kegelbahnen leer, Kegeln gilt als Sportveranstaltung. „Die Leute rufen an, weil sie möchten, aber man darf es nicht mehr“, sagt Djuric. Eigentlich ist sein Restaurant bis 23 Uhr geöffnet, jetzt muss es nach der Landesverordnung bereits um 15 Uhr schließen – seiner eigentlichen Öffnungszeit. Das heißt für ihn und seine neun Mitarbeiter alles umplanen. „Wir müssen mitziehen, was sollen wir sonst tun?“, sagt der Gastronom.

Auch Bajric ist verzweifelt über die Informationslage. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es weitergehen soll“, sagt er. „Die Lage ändert sich minütlich.“ Sein Angebot zum Mitnehmen haben am Wochenende vier Personen genutzt. Sie kamen aus Bönen extra zum „Forellenhof“. „Es geht uns sehr sehr schlecht“, sagt Bajric. Drei Aushilfen hat er, dazu sechs festangestellte Mitarbeiter – wenn es so weitergeht, muss die ganze Familie um ihre Jobs bangen.

Restaurant Baumhove schließt komplett

Carlo Crispo in Werne kann die Lage etwas entspannter sehen, mit „Carlo’s Feinkost“ steht er beruflich auf zwei Beinen, er hat sein kleines Restaurant und den Feinkostladen. Er feierte gestern sein zehnjähriges Bestehen. Nudeln – derzeit ein heiß begehrtes Gut wie ein Blick in die Supermärkte zeigt – verpackt zu verkaufen ist kein Problem, für seine Gäste abends kochen geht nun nicht mehr. „Ich habe einfach Geduld“, sagt Crispo. Die kleinen Gerichte zur Mittagszeit, wie Paninis oder einen Teller Pasta kann er noch anbieten. „Aber es sind immer weniger Menschen in der Stadt.“

Carlo Crispo steht beruflich auf zwei Beinen, er hat sein kleines Restaurant und den Feinkostladen. Jüngst feierte er das zehnjährige Bestehen.

Seit Anfang der Woche ist ein paar Meter weiter am Markt das Restaurant Baumhove geschlossen. „Bis Mitte Mai sind alle Reservierungen abgesagt worden“, sagt Siggi Baumhove. Lediglich die Cafe-Bar Auszeit ist noch täglich – außer sonntags – von 9 bis 15 Uhr geöffnet. Um die Richtlinien in Sachen Entfernung einzuhalten, steht auf jedem zweiten Tisch ein Reserviert-Schild. 

Desinfektionsflaschen aus Restaurant gestohlen

Bis vor wenigen Tagen waren die Kunden beim Betreten aufgefordert, sich mit Desinfektionsflüssigkeit die Hände zu waschen. „Nachdem mehrere Flaschen gestohlen wurden, haben wir unsere letzten Reserven versteckt, damit die Bedienungen damit noch die Griffe der Eingangstür sauber halten können“, erklärt der Junior-Chef. Er bereitet aktuell die Einführung eines Abholservices mit einer Auswahl von sechs bis sieben Gerichten für seine Gäste vor.

Durch die schweren Zeiten möchte auch Djuric helfen. Er möchte einen Mittagstisch einrichten, den man sich für drei Euro in seinem Restaurant abholen kann. „Bei dem Preis hat es für mich keinen finanziellen Hintergrund. Wir wollen den Leuten helfen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare