Ausstellung "Jetzt red ich"

"Frage der Ehre": Intensive Podiumsdiskussion im Werner Stadthaus

+
In die Diskussion brachten sich auch die Zuhörer aus dem Publikum ein.

Werne - Kollidierende Wertevorstellungen, eine scheinbar unlösbare Flüchtlingsfrage und kulturelle Baustellen – die Podiumsdiskussion im Stadthaus brachte am Mittwochabend Menschen mit unterschiedlichen Herkünften, Berufen und Meinungen zur „Frage der Ehre“ zusammen.

Von Sharin Leitheiser

Kritische Stimmen gab es nicht nur auf der Bühne: Auch das Publikum steuerte wertvolle Erfahrungsberichte, Fragen und Impulse bei.

Das Thema ‚Ehre‘ haben nicht die Flüchtlinge nach Deutschland gebracht – es war schon lange vorher da“, betonte die ehemalige Gleichgestellungsbeauftragte Gabriele Kuschyk gleich zu Beginn mit Nachdruck. 

Braut muss in Schwarz heiraten 

Sie persönlich kenne zum Beispiel eine deutsche Frau, die vor 60 Jahren in Schwarz heiraten musste, weil sie schwanger und damit unrein war. „Im Namen der Ehre passieren täglich schreckliche Dinge: von öffentlichen Anfeindungen über Zwangsverheiratungen bis hin zum Mord“, kritisierte sie.

Mit solchen Problemen hat auch Kuschyks Mit-Diskutant Jaouad Hanin vom Kölner Verein „HennaMond“ täglich zu tun. Der interkulturelle Trainer führte am Mittwoch mit einem Kurzvortrag in seine Arbeitswelt ein und ließ in der anschließenden Gesprächsrunde immer wieder eigene Erfahrungswerte einfließen.

Gleichberechtigung als wichtiges Thema

Am Ende gehe es immer wieder um Gleichberechtigung, so Hanin. „Zusammen mit den Jugendlichen von unserem ‚Champs‘-Projekt habe ich mich intensiv mit dem Grundgesetz auseinandergesetzt und schnell entdeckt, was für ein Schatz es ist“, erklärte er. Demokratie falle nicht vom Himmel, „und sie ist der wichtigste Baustein für ein friedliches Zusammenleben“.

Große Unsicherheit herrschte bei den Rednern insbesondere über die Frage, wie sich Geflüchtete und andere Einwanderer besser integrieren lassen, ohne sich von oben herab behandelt zu fühlen. Hanin und Theaterpädagogin Julia Klunckert glauben auch an einen spielerischen Weg, in Kontakt zu kommen: das Theater. „Rollenspiele helfen zum Beispiel dabei, Jungs aus patriarchisch strukturierten Ländern zu zeigen: Wie fühlt es sich für meine Schwester an, wenn ich sie von ihren Freundinnen abhole und zwinge, mit nach Hause zu kommen“, erzählte Klunckert.

„Frage der Ehre“: Ein nicht einfaches Thema besprachen die Teilnehmer der Podiumsdiskussion mit dem Publikum, die im Rahmen der Ausstellung „Jetzt red ich“ am Mittwoch stattfand.


Auch Elternhäuser mit einbeziehen 

Und auch Lehrer und Vorsitzender der Alhambra-Gesellschaft Ali Bas setzt auf respektvolle Gespräche in Augenhöhe. „Auch in der fünften Generation fühlen sich Jugendliche mit Migrationshintergrund oft fremd in Deutschland, obwohl sie die Sprache perfekt sprechen. Daran hat die Gesellschaft großen Anteil.“

An diesen Punkt knüpfte Zuschauer Tamer Tahan an. Er selbst habe einen syrischen Hintergrund und halte es für nötig, nicht nur Jugendliche mit speziellen Angeboten anzusprechen. Es sei unerlässlich, auch ihre Elternhäuser mit einzubeziehen. 

„Sonst wird ihnen zu Hause das Eine gesagt und in der Schule das Andere. So etwas fördert doch nur ihre Zerrissenheit“, erläuterte er. Für Diskutant Givara Ibisch, der selbst vor einigen Jahren nach Deutschland flüchtete, ist Kommunikation untereinander das A und O. 

„Es ist wichtig, sich gegenseitig zuzuhören“, betonte er. Gerade für ältere Geflüchtete sei es oft schwierig, ihren Platz in der deutschen Gesellschaft zu finden. „Sie gehen nicht zur Schule und lernen die Sprache oft nur sehr langsam. Deshalb bleiben viele lieber zu Hause, wo sie sich sicher fühlen.“ 

Angeregte Diskussion über anderthalb Stunden

Rund anderthalb Stunden lang redeten die Diskutanten und das Publikum über Religion, Wertevermittlung und Familie. Für gelegentliche Auflockerung sorgte der türkisch-deutsche Kabarettist Ilhan Attasoy, der sich zwischendurch angemessen in die Unterhaltung einmischte. „Wenn mich Menschen auf meine Herkunft reduzieren, erzähle ich ihnen einfach so lange von meinem kleinen Heimatdorf in Anatolien, bis es ihnen zu den Ohren wieder rauskommt“, scherzte er. 

Jugendamtsleiter Maik Rolefs fiel es am Ende sichtlich schwer, die angeregte Diskussion zu beenden. „So wichtige Fragen lassen sich in dieser kurzen Zeit nicht abschließend klären“, bilanzierte er. Trotzdem sieht Rolefs die Veranstaltung als Erfolg, „denn wir nehmen heute jede Menge Denkmaterial mit nach Hause.“

Anregungen der Diskutanten 

Ali Bas: „Gebt den Menschen schnell das Wahlrecht, denn nur, wer wählen kann, wird von Politikern ernst genommen.“

Givara Ibisch: „Wir müssen mehr gemeinsame Kommunikationsräume schaffen.“ 

Julia Klunckert: „Macht es den Zuwanderen einfacher und baut bürokratische Hürden ab.“

Gabriele Kuschyk: „Fangt an, eure Mitarbeiter in den Ausländer- und Integrationsämtern besser zu schulen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare