Messer zücken für den Frühlingsgruß

In „Ferdinands Blumenparadies“ locken Narzissen und Tulpen Selbstpflücker

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Tulpe am Stiel halten, Messer gleich über der Krume ansetzen: Ferdinand und Johanna Schulze Froning hoffen auf viele Nachahmer.

Werne – „Tulpen aus Amsterdam“ – das ist Generationen ein Begriff. Aber man muss gar nicht zu den Nachbarn mit dem grünen Daumen reisen, um sich an diesen bunten Frühlingsboten zu erfreuen. Noch bevor die Autobahn überhaupt erreicht ist, bietet sich am Werner Zubringer die erste Gelegenheit – sogar zur eigenen Ernte.

„Ferdinands Blumenparadies“ ist da aus dem Boden geschossen. Nicht nur am Kreisel Nordlippestraße/Capeller Straße, wo Ferdinand Schulze Froning junior 2018 die Unternehmung testweise begann, sondern an mittlerweile sechs Standorten in der Region. Unschwer auszumachen am strahlenden Gelb der Narzissen, die als Frühstarter dem aktuellen Temperatursturz prächtig trotzen. Fast 30 000 Tulpen recken allein am Zubringer die Hälse in die Höhe, zu Ostern sollen sie Freude und Einnahmen bescheren.

Anders als im Spargelbau müssen sich Ferdinand (29) und Ehefrau Johanna (26) Schulze Froning um die Einreise für Erntehelfer in der Coronakrise nicht sorgen. Ihre Kolonnen sind sowieso im Land, denn hier bedient sich der Kunde selbst. „Wir haben hier eine Vertrauenskasse“, sagt der Landwirt vom elterlichen Hühnerhof am Froningholz.

Viel Gewicht ins Vertrauen gelegt

Nun ist es mit dem Vertrauen so eine Sache. 30 Cent kostet die selbst geschnittene Narzisse, 50 eine Tulpe, und wenn später Sonnenblumen und Gladiolen blühen, sollen die Selbstpflücker 80 Cent pro Stück in die Kasse einwerfen. Damit die nicht Zeitgenossen lockt, die sich allein für deren Inhalt interessieren, nicht aber für die Blütenpracht, hat Schulze Froning in das Vertrauen viel Gewicht gelegt. Die Stahlkassette ist in einem selbst gegossenen Betonklotz verankert, das Ganze ohne schweres Gerät gar nicht zu bewegen.

„Natürlich zahlen nicht immer alle, das ist Teil des Konzepts. So wie ich einkalkulieren muss, dass ich nicht alles verkaufen kann“, erzählt der Werner. „Zehn Prozent pflanze ich als Marketing, 30 Prozent gehen nicht an, der Rest kann Ertrag bringen.“

In puncto Zahlungsmoral machen Schulze Fronings durchaus positive Erfahrungen. „Wir finden manchmal Zettel“, berichtet Ehefrau Johanna, „da entschuldigen sich die Leute, dass sie nicht genug Geld dabei hatten und beim nächsten Mal nachzahlen würden.“

Holländer hat nicht genug Geld mit - und überweist es

Selbst aus dem Tulpen-Eldorado hat sich wer gemeldet: „Ein Holländer hat mich auf Facebook angeschrieben und mitgeteilt, dass er hier Blumen geschnitten hat, die er nicht bezahlen konnte“, erzählt Ferdinand. „Er hat dann nach der Kontonummer gefragt und die vier Euro überwiesen.“

Was sonst noch bei der Ernte zu beachten ist, steht in den Erläuterungen auf der Tafeln über der Kasse. Dort finden Blumenfreunde auch ein Schälmesser, das sie – möglichst tief, wie der Fachmann betont – an den Stängel setzen können. 250 solcher „Hümmelken“ hat Schulze Froning im Umlauf. Auch hier gilt: ein bisschen Schwund ist immer.

70 Kilometer stehen übrigens auf dem Tacho, wenn Ferdinand sein Paradies einmal abgefahren hat. 3,5 Hektar bewirtschaftet er insgesamt, weitere Standorte sind an der Hammer Straße (Höhe Gersteinwerk), in Hamm-Heessen an der B 63, in Hamm-Rhynern (B 63), in Bergkamen-Heil an der Kapelle und am Kamener Karree.

Mal keine Bonpflicht: In die Vertrauenskasse werfen Kunden ohne Kontrolle Geld ein. Sie ist tonnenschwer.

„Das A und O ist eine viel befahrene Straße“, erläutert der Jungunternehmer. „Ich brauche aber auch Parkmöglichkeiten, am besten eine richtige Zufahrt. Wenn die Kunden nur auf der Bankette stehen, gibt’s Ärger.“

Nicht nur die Anbaufläche, auch die Blumenauswahl vergrößert er, um das Saisongeschäft bis zum ersten Frost auszuweiten. Herbst-Chrysanthemen sollen hinzukommen, fürs Frühjahr ‘21 Pfingstrosen. Denn das Blumengeschäft ist ein Standbein, aber keine Existenzgrundlage. Damit es wirtschaftlicher wird, hat der Landwirt für die langen Reigen Sonnenblumen gerade eine Sämaschine hergerichtet. „Die ersten Blumen habe ich hier mit der Hand gepflanzt“, sagt Schulze Froning – und der Blick lässt keinen Zweifel, dass das bisschen Bücken beim Schneiden nichts dagegen ist.

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