"Ganz Berlin hat getanzt"

Werner Bürger sammeln Geschichten zum Mauerfall im Stadtmuseum

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Christian Lünig und Claudia Jaehrling zeigen einige ihrer Erinnerungsobjekte, Pässe, Fotos, eine Sonderausgabe.

Werne - Was am 9. November 1989 passierte, hat jeder anders erlebt. Doch über eines waren sich die Besucher der Erinnerungswerkstatt im Stadtmuseum am Donnerstag einig: „Wir konnten es alle kaum glauben.“

Am Tag der deutschen Einheit trafen sich Menschen im Museum, um ihre ganz persönlichen Geschichten zum 30. Jahrestag des Mauerfalls zu erzählen. Im ersten Ausstellungsraum erzählten die Zeitzeugen bei Kaffee und Keksen von ihren Erlebnissen. „Ganz Berlin hat getanzt“, erinnerte sich Christian Lünig, der bei der Feier vor Ort gewesen war. „Da wurden sogar die Polizisten umarmt“. Seinen Bericht untermalte er mit Schnappschüssen, die der Industriefotograf dem Museum für eine Ausstellung zur Verfügung stellt. 

US-Fernsehen sprach deutsche Studentengruppe an

Auch Claudia Jaehrling hatte für die kommende Ausstellung „Wo wir waren, als die Mauer fiel“ beutelweise Objekte mitgebracht. Manche aus Berlin, manche aus den USA. Denn die damalige Studentin wohnte zu der Zeit in Tennessee. „Ich habe direkt Mama und Papa angerufen, um mir dieses schier Unglaubliche bestätigen zu lassen“, las sie aus ihrem Tagebuch vor. Selbst das lokale Fernsehen habe die Studentengruppe angesprochen, da sie dort die einzigen Deutschen waren. „Stimmt das?“, wollten die Fernsehleute wissen. Aber genau wussten die deutschen Studenten das natürlich auch nicht. Eine Freundin in Berlin habe ihr dann eine Sonderzeitung aus Berlin und kleine Stückchen der Mauer zukommen lassen, die sie mitgebracht hatte. „Ich fuhr aus einem geteilten Land und kam zurück in ein vereintes“, sagte Jaehrling. 

Erste Demos in Leipzig für manche zunächst erschreckend

Eine ganz andere Erfahrung hatte Mario Neubauer gemacht. Schon etwa zwei Monate vor dem Mauerfall gingen die Gefühle bei dem gebürtigen Kyritzer auf und ab. „Die ersten Demos in Leipzig waren für uns erstmal ein Schrecken. Da wussten wir: Hier ist etwas im Gange.“ Neubauers Vater hingegen lebte in der Bundesrepublik. Wie die Jahre zuvor wollte Neubauer ihn zum Geburtstag am 11. November 1989 besuchen. Doch zwei Tage vor dem Mauerfall wurde sein Antrag abgelehnt. So hatte die Öffnung der Grenzen nochmal eine ganz andere Bedeutung für den Kyritzer, als er mit den Worten „Ich wusste, dass du kommst“ von seinem Vater empfangen wurde. „Danach ging alles ganz schnell“, erinnerte sich Neubauer, der 2004 nach Werne zog. Und es kam der zweite Schock: „Man dachte immer, vielleicht geht es mit der DDR ja doch noch weiter.“ So habe es anfangs viel Unverständnis über die Wiedervereinigung gegeben. Viele hätten das Gefühl gehabt, ihnen würde alles weggenommen. 

Weg für Partnerschaft mit Kyritz geebnet

Nach der Wiedervereinigung suchten die Werner Bürger schnell nach einer Partnerstadt im Osten. Willi Lülf, damals Bürgermeister, erzählte im Stadtmuseum, dass Werner Tembaak die Idee hatte, dafür Kyritz zu wählen, nachdem er in der Silvesternacht 1989 Bürger aus dieser Stadt getroffen hatte. „Unsere Stadtverwaltungen standen in einem regen Austausch, denn wir sollten unsere Fähigkeiten nach drüben bringen“, erklärte Lülf „Das war gar nicht so einfach.“ „Die persönlichen Sachen sind noch viel interessanter – jene Sachen, die man nicht dazu dichten kann“, sagte die Museumsleiterin Dr. Constanze Döhrer. Die Ausstellung zu den Geschichten der Zeitzeugen, die die Erinnerungswerkstatt besuchten, werde Ende November öffnen. Zuvor müssten die Erlebnisse erst alle niedergeschrieben werden, so Döhrer. „Und das sind ganz schön viele Geschichten“, sagte sie mit einem lächelnden Blick in den vollen Raum.

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