Erinnerung an Opfer des NS-Regimes

Sieben Namen, sieben Schicksale: Weitere Stolpersteine in Werne

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Künstler Gunter Demnig verlegte alle sieben Steine von Hand. Über die Schulter sahen ihm dabei Bürgermeister Lothar Christ (2.v.r.), Museumsleiterin Dr. Constanze Döhrer (re.) sowie Schüler, Angehörige und Interessierte.

Werne - In Werne fielen am Donnerstag gleich zwei historisch bedeutsame Ereignisse auf einen Tag: Die Verlegung von sieben neuen Stolpersteinen fand im Kreise Angehöriger und interessierter Bürger zur Geburtsstunde des Grundgesetzes vor 70 Jahren statt.

Sieben Hausnummern, sieben Namen, sieben Schicksale: Sie sind von nun an fester Teil des Werner Stadtbildes, graviert auf sieben messingfarbene Stolpersteine im sonst so unscheinbaren Straßenpflaster.

Sieben neue Stolpersteine zum Gedenken an Opfer des NS-Regimes

Neben jüdischen Opfern des Nationalsozialismus erhielten in diesem Jahr erstmals auch drei politisch verfolgte Werner einen eigenen Stolperstein direkt vor ihrem damaligen Wohnsitz. Einer von ihnen ist Ludwig Bode, geboren am 9. Dezember 1879, damals wohnhaft in der Bonenstraße 25. Eben noch Vorsitzender der SPD-Ortsgruppe, wurde Bode von einem Tag auf den anderen wegen Besitzes kritischer Flugblätter inhaftiert. Mutmaßlich ist er 1945 im KZ Bergen-Belsen gestorben – dort verliert sich seine Spur.

Politische Verfolgung gibt's auch heute

Die Geschichten von Bode und den anderen beiden politisch Verfolgten erzählte Museumsleiterin Dr. Constanze Döhrer diesmal nicht im Alleingang. Rund 25 Schüler aus der AG „Schule ohne Rassismus“ des Anne-Frank- Gymnasiums hatten im Vorfeld eigene Recherchen zu jenen drei Stolperstein-Trägern angestellt und Kurzbiografien ausgearbeitet. Dem historischen Verfolgungsopfer stellten sie zudem jeweils ein Schicksal aus der heutigen Zeit gegenüber: Ausgewählt hatten sie Raschid Brohi (zurzeit inhaftiert in den Vereinigten Arabischen Emiraten), Dong Guangping (derzeit in einer unbekannten chinesischen Haftanstalt) und Nasrin Sotoudeh (derzeit vermutlich im iranischen Evin-Gefängnis eingesperrt).

„In Deutschland haben wir seit 1949 das Grundgesetz – eine der wichtigsten Errungenschaften unserer demokratischen Geschichte“, erläuterte Bürgermeister Lothar Christ. Andernorts regieren trotzdem bis heute Unterdrückung, unbegründete Strafe und die ständige Angst davor, seine Meinung zu äußern, ergänzte AG-Leiterin Mirjam Quadflieg.

Mahnmal für nachfolgende Generationen

„Deshalb haben wir dieses Jahr erstmals mit der Ortsgruppe von Amnesty International kooperiert: um sowohl auf die Stolpersteine als Mahnmal für nachfolgende Generationen aufmerksam zu machen, als auch dazu anzuregen, über den deutschen Tellerrand hinauszublicken.“ Die Nazi-Zeit möge vorbei sein, aber selbst im Jahr 2019 würden Menschenrechte oft mit Füßen getreten.

Nachfahren verfolgen die Verlegung

Ähnlich formulierten es Antonius und Franziska Mertin, die an der Stolperstein-Verlegung ihres Großvaters Anton Beckmann, früher wohnhaft in der Burgstraße 6, teil- und Anteil nahmen. „Zu Zeiten des Nationalsozialismus reichte hier eine unbedachte Äußerung im Hausflur, um festgenommen zu werden“, beschrieb Antonius Mertin das Schicksal seines Großvaters. Dieser wurde am 7. Juli 1944 aufgrund „staatsfeindlicher Äußerungen“ vor den Augen seiner Frau Anna abgeführt. Die Verurteilung folgte kurze Zeit später, zur Entlassung aus dem Gefängnis sollte es nie mehr kommen: Herzversagen, lautete die offizielle Ursache. Viele Erinnerungen haben Beckmanns Enkel nicht an ihren Großvater. „Meine Mutter hat mir aber einiges über ihren Vater erzählt“, verriet Franziska Mertin. Beckmann sei ein guter Vater gewesen, „kein politischer Mensch, aber ein Mann mit Haltung“.

Schüler-AG und Amnesty sammeln Unterschriften

Seiner einzigen Tochter habe er nie erlaubt, in den Bund Deutscher Mädel – den weiblichen Zweig der Hitlerjugend – einzutreten. „Deswegen hatte sie es in der Schule genauso schwer wie ein Judenmädchen, aber er ließ sich in dieser Sache nicht umstimmen“, berichtete Mertin.

Zeitzeugen nationalsozialistischer Gräueltaten täten sich oftmals schwer, ihre Erlebnisse zu teilen – selbst mit der Familie. Die Urenkelinnen von Ludwig Bode, Yvonne Siekmann und Pia Maria Bode, wussten bis heute fast nichts über ihren Urgroßvater. „Wir sind extra aus Köln und Hannover angereist, um mehr über ihn zu erfahren“, so die Schwestern. Das Kurzreferat der AFG-Schülerinnen habe sie deshalb sehr berührt.

Angelehnt an die Stolperstein-Verlegung plant die „Schule gegen Rassismus“-AG am Dienstag eine weitere Aktion. Gemeinsam mit Amnesty bitten sie in der Schule und auf dem Werner Marktplatz um Unterschriften für eine Briefaktion zur Befreiung politisch Inhaftierter. „Wenn die jeweiligen Regierungen mit Briefen aus dem Ausland überhäuft werden, veranlasst sie das manchmal dazu, diese Menschen freizulassen. Genau das wollen wir erreichen“, so Quadflieg.

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