„Ein heilloses Chaos“

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Daniel Schwarz und Anna-Lena Venschott kamen in der Nacht zurück nach Werne: „Erst später haben wir realisiert, wie viel Glück wir eigentlich hatten“. ▪

Von yourzz.fm-Reporterin Anna Schriever WERNE ▪ Daniel Schwarz und seine Freunde Anna-Lena Venschott, Annina Lorenzen und Theresa Reimann wollten am Samstag auf der Loveparade eigentlich nur Spaß haben und ausgelassen feiern. Doch die Party endete in einer Katastrophe, die die vier Jugendlichen aus Werne so schnell nicht vergessen werden.

Als bei der Loveparade am Samstag 19 Menschen ihr Leben verloren, waren die vier Schüler aus Werne schon seit mehreren Stunden auf dem Festivalgelände in Duisburg unterwegs. Bereits um 10 Uhr waren sie in Werne mit dem Zug losgefahren. Gegen 12 Uhr erreichten sie dann den Tunnel, an dem sich einige Stunden später das Unglück ereignete. Schon zu diesem Zeitpunkt sei der Bereich in und vor dem Tunnel sehr voll gewesen. „Uns fiel sofort auf, dass das ganz Gelände sehr unübersichtlich ist, doch durch den Tunnel am Eingang konnten wir noch ganz normal durchgehen“, berichtet Daniel. Noch waren die Werner Jugendlichen in Feierlaune: „Wir hatten viel Spaß. Die Stimmung war gut“, schildert er. Als immer mehr Raver auf das Gelände strömten, nahm die Stimmung ab: „So um 16 Uhr war es uns endgültig zu voll. Wir wollten dann doch lieber wieder nach Hause fahren“, erklärt er.

Doch bevor sie das Gelände wirklich verließen, entschieden sich die Jugendlichen dazu, noch etwas zu essen – was sich später als glückliche Fügung herausstellte. Denn: Nachdem sich die Katastrophe am Unglückstunnel ereignet hatte, befanden sich die vier Werner direkt an der Rampe, die in den Tunnel hinabführte. Wenige Minuten früher und sie hätten selbst in die Massenpanik geraten können. Stattdessen wurden sie Augenzeugen von verzweifelten Rettungsversuchen. „Wir haben viele Helfer, Polizisten und Ärzte gesehen, die sich um die Verletzten kümmerten. Uns war sofort klar, dass wir da so schnell nicht durchkommen würden“, sagt der 19-Jährige, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz realisiert hatte, was sich gerade vor seinen Augen abspielte.

Rund eine Stunde lang versuchten die vier Jugendlichen, das Gelände zu verlassen. „Wir konnten einfach nicht glauben, dass es nur einen Ausgang gibt. Auch die Polizisten, die wir gefragt haben, konnten uns nicht weiterhelfen“, berichtet er. Schließlich konnten sie über einen Notausgang den alten Güterbahnhof verlassen und von dort aus zum Bahnhof weitergehen. „Als wir dann am Bahnhof ankamen, erreichten uns zahlreiche Nachrichten von unseren Familien und Freunden. Alle wollten wissen, ob es uns gut geht“, erzählt er. Auf dem Weg zum Bahnhof sahen sie zahlreiche Hubschrauber und Krankenwagen, die die Verletzten abtransportierten. Am Bahnhof angekommen, erwartete sie ein Bild des heillosen Chaos. „Alle waren überfordert. Die Blaulichter rasten an uns vorbei und einige Busse rissen Straßenschilder und Ampeln mit sich, um den Krankenwagen auszuweichen“, erzählt er. Durch zig Absperrungen war der Bahnhof nun verriegelt, so dass die vier Freunde keine Ahnung hatten, wie sie wieder nach Werne kommen sollten. „Wir hatten gehört, dass irgendwo Busse fahren. Doch wir wollten uns erst mal von jeder Menschenmasse fern halten“, sagt er.

Mehrere Stunden saßen sie auf der Straße und warteten die Situation ab. Mitten in der Nacht, um 1.30 Uhr erreichten sie durch Zufall einen Bus, der sie nach Düsseldorf brachte. „In Düsseldorf hat uns dann ein Vater einer Freundin abgeholt und nach Werne zurückgebracht“, erzählt Daniel. Zuhause sei an Schlaf nicht mehr zu denken gewesen. „Wir waren nur 20 Meter vom Unglücksort entfernt. Erst als ich noch in der Nacht im Internet die Videos und Berichte sah, habe ich realisiert, wie viel Glück wir eigentlich hatten.“

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